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16.01.2009

10:12 Uhr

16 Gebäude erhalten Zertifikat

Medaillen für grünes Bauen

VonSusanne Bergius

Erstmals wurden 16 Gebäude mit dem deutschen Zertifikat für nachhaltiges Bauen ausgezeichnet. Am hellsten aber strahlt die Goldmedaille in Eberswalde. Der neue Verwaltungssitz des Kreises Barnim erzielte die Bestnote unter den sechs Gebäuden, die Anfang dieser Woche als erste das „Deutsche Gütesiegel Nachhaltiges Bauen“ in Gold erhielten.

BERLIN. Das Bundesbauministerium und die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) zeichneten auf der diesjährigen Baumesse in München insgesamt 16 Gebäude aus. Drei erhielten Zertifikate in Bronze, sieben in „Silber“. Ebenfalls golden leuchtet das Umweltbundesamt in Dessau, Silber ging unter anderem an das im Oktober fertig gestellte Bürohaus „Laim 290“ in München. Es hat flexibel einteilbare Büroeinheiten, Wärmeschutzglas in der Alufassade, ein ausgeklügeltes Kühl-Wärme-System, das Grundwasser nutzt, aber keine Klimaanlage braucht.

Solche Qualitäten hatte die Hamburger Union Investment Real Estate (UIRE) im Blick, als sie es im Herbst für ihren offenen Immobilienfonds Uni-Immo Deutschland erwarb. „Wir haben für uns einen Schnell-Check Nachhaltigkeit entwickelt, der künftig bei allen Ankäufen zu beachten ist“, sagt UIRE-Sprecher Fabian Hellbusch. Alle Gebäude müssten Mindestkriterien wie hohe Energieeffizienz, Nutzungsflexibilität und den Einsatz schadstoffarmer Baumaterialien erfüllen. Das Zertifikat helfe, solche Gebäude zu identifizieren. „Es ist umfassender als andere, wird sich sicher in Deutschland etablieren und dazu beitragen, dass ein Markt für nachhaltige Immobilien entsteht“, glaubt Hellbusch. Zum allein entscheidenden Ankaufskriterium allerdings werde es für UIRE nicht: „Es wird auch künftig hochwertige Gebäude ohne Zertifikat geben.“

Die deutsche Zertifizierung unterscheidet sich deutlich von den mehr als zehn existierenden Systemen. Deren Fokus liegt auf Energieeinsparung und Umweltverträglichkeit. Das deutsche System bewertet dagegen nachhaltiges Bauen deutlich umfassender und wissenschaftlich basiert: neben ökologischen werden wirtschaftliche, soziale, funktionale und technische Qualitäten überprüft und bewertet. Zudem bezieht sich die Zertifizierung auf den gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes – beginnend mit der Planung. Schon in diesem frühen Stadium lassen sich Bau- und langfristige Betriebskosten ermitteln. „Das trägt wesentlich zur Kalkulierbarkeit der Kosten bei“, sagt Christian Donath, DGNB-Geschäftsführer.

So versteht sich die deutsche Variante der Zertifizierung nicht nur als abschließendes Gütesiegel, sondern auch als Planungsinstrument. Denn schon auf dem Reißbrett kann ein Gebäude ein „Vorzertifikat“ bekommen. Diese Woche wurden zwölf vergeben, darunter eines der Düsseldorfer LEG Standort- & Projektentwicklungsgesellschaft. Das geplante Standardbürogebäude erhielt mit wenig Zusatzaufwand gleich Bronze. „Wir wollen nun optimieren und für den Bau Silber erhalten“, sagt Prokurist Hermann Ulrich. Eine gasbetriebene Motorwärmepumpe etwa wird eventuell die Gasbrennwerttechnik ersetzen. „Die Investitionskosten sind höher, aber die Betriebskosten viel niedriger.“

Auch Sebastian Reich, Geschäftsleitungsmitglied der Beratungsfirma URS, die auch das US-System „Leed“ und das britische Modell „Breeam“ mit entwickelte, hält das deutsche Siegel für zukunftsweisend. „Die deutschen Kriterien sind miteinander verwoben und erfassen die Komplexität von Gebäuden authentischer“, urteilt Reich. Der Mehraufwand für Bronze sei gegenüber einem herkömmlichen Gebäude gering. „Eine deutsche Baugenehmigung allein aber genügt nicht, denn viele Nachhaltigkeitsaspekte sind im Baurecht nicht geregelt.“

Seit Herbst dauert die Pilotphase der Zertifizierung, die es anfangs nur für neue Bürogebäude gibt. Alle Änderungsvorschläge werden nun geprüft und eingearbeitet. Ab Frühjahr werden mit Praktikern Systemvarianten für Industrie und Handel, Wohngebäude, Kindergärten und Schulen auch im Bestand erarbeitet. „Dies ist ein großes Entwicklungsprojekt“, erklärt DGNB-Geschäftsführer Donath. Für Lebenszykluskosten- und Ökoanalysen sind zudem Referenzwerte und Datenbanken erforderlich, die sich erst durch regelmäßige Zertifizierung ergeben. Bauministerium und DGNB haben noch viel zu tun, um das System zu etablieren.

Zertifikate

Auf Energie und Umwelt liegt der Fokus bei der britischen Methode Breeam (BRE Environmental Assessment Method), der französischen HQE (Haute Qualité Environnemental) oder dem US-Label Leed (Leadership in Energy and Environmental Design). Das DGNB-Gütesiegel der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen bewertet auch ökonomische, soziale und technische Qualitäten und gewichtet Aspekte unterschiedlich.

Leed hingegen basiert auf einer Liste hundert gleichwertiger Punkte. Eine Kritik lautet, das deutsche System sei kompliziert. Tatsächlich gibt es nur 49 Kriterien, denn die Kataloge von Bauministerium und DGNB wurden verschmolzen. Das Interesse steigt: der DGNB hat eineinhalb Jahre nach Gründung mehr als 400 Mitglieder.

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