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19.03.2011

11:37 Uhr

25 Jahre danach

Die Überlebenden von Tschernobyl

VonFlorian Willershausen

Bereits vor 25 Jahren erlebte die Welt einen Schock, als ein atomarer Super-GAU in Tschernobyl tausende Menschen das Leben kostete. Handelsblatt-Korrespondent Florian Willershausen traf in der Sperrzone zwei Überlebende.

Das Atomkraftwerk in Tschernobyl nach der Katastrophe. Quelle: dapd

Das Atomkraftwerk in Tschernobyl nach der Katastrophe.

DüsseldorfAn einem Sonntag vor 25 Jahren endet das Leben in Pripjat. Seitdem verfällt die Mittelschule Nummer eins. Im Klassenzimmer rostet nun die Tafel an der Wand, die Noten der letzten Klausur stehen darauf. Am Boden ist ein Buch mit dunkelgrünem Ledereinband festgefroren: „Theorie und Praxis kommunistischer Erziehung.“ Nach diesem Buch hätten die Lehrer wohl auch die Kinder von Andrej Gluchow zu wackeren Sowjetmenschen erzogen, wenn nicht vor 25 Jahren dieses schreckliche Unglück geschehen wäre.

Gluchow erzählt draußen auf der Straße, wie schön das Leben in Pripjat einmal war, bevor dieses Unglück den Tag in der Schule eingefroren hat, in die nun kalte Luft zieht durch die geborstenen Fenster.

Am 28. April 1986 gegen 14 Uhr bleibt das Leben hier einfach stehen. Hunderte Busse fahren vor, die 48 000 Bewohner der „Stadt der Energetiker“, wie sie Pripjat gerne nennen, steigen hastig ein. Niemand weiß, wo die Fahrt enden wird, nicht einmal der Fahrer. Die Frauenstimme aus dem Radio hatte lediglich gesagt, die Genossen mögen sich auf eine dreitägige Abwesenheit einstellen. Eine Evakuierungsübung, keine große Sache. Die Bewohner von Pripjat denken, es wird schon nicht so tragisch sein. Sie werden nie zurückkehren.

Die Natur erobert seit diesem Tag die verlassene Stadt zurück. Es kommen nur mehr ein paar Plünderer, die Scheiben zerschlagen und Wertsachen stehlen. Auf dem Boden der Schule liegen nun Scherben und Staub.

Staub? Der Sicherheitsmann vom Kraftwerk hatte gewarnt: Auf befestigten Wegen bleiben, keinen verseuchten Staub aufwirbeln und einatmen. Es ist wohl an der Zeit, die Schule zu verlassen.

Dieser erste Besuch in Pripjat ereignet sich an einem Donnerstag im Februar, beinahe 25 Jahre nachdem die Bewohner von Pripjat ihre Häuser verlassen haben. EU-Kommission und Europas Wiederaufbaubank EBRD haben gut 50 Journalisten aus verschiedenen Ländern hierher ins Sperrgebiet um Tschernobyl gebracht. An ihren Hälsen baumeln Geigerzähler. Am Ende des Tages werden sie eine Strahlenbelastung anzeigen, die jener entspricht, die ein Mensch während eines Langstreckenflugs aufnimmt.

Tschernobyl gibt eine traurige Vorschau auf das, was Japan noch bevorstehen könnte

Die Brüsseler Organisatoren der Reise wollen, dass der bröckelnde Tschernobyl-Unglücksreaktor einen Sarkophag bekommt, sie wollen ihm einen Mantel überstülpen und so die Strahlengefahr für die nächsten 100 Jahre bannen. Dafür brauchen sie Geld, fast anderthalb Milliarden Euro, doch manche EU-Länder wollen nicht zahlen. Öffentlichkeit durch Journalisten, so das Kalkül, könnte helfen.

Sie wissen noch nicht, dass die Welt zwei Wochen später wegen der atomaren Katastrophe in Japan eine andere sein wird. Nun dürften sie auf der nächsten Geberkonferenz Ende April in Kiew wohl keine Probleme mehr haben, die noch fehlenden 500 Millionen Euro aufzutreiben.

Kommentare (5)

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Account gelöscht!

19.03.2011, 17:48 Uhr

Keine Kommentare, ja die Verdrängung ist groß, vor allem da klar ist, das ein vergleichbarer Gau die Evakuierung von MILLIONEN notwendig amche würde. Nichts wäre so wie vorher, für lange, lange Zeit.


Besser als der Artikel veranschaulicht eine TV- Dokumentation die Ereignisse und Folgen, die gestern auf einem Nachrichtensender lief, sehenswert und sehr bedrückend, mit viele zeitzeugen, grade auch Ingeneure , Arbeiter und Soldaten, auch Gorbatschow kommt zu Wort. Außer dem GAU wäre ein "Supergau" möglich gewesen, wenn das Magma mit dem Wasser unter dem Reaktor in Berührung gekommen wäre. Glücklciherweise konnte das Wasser noch rechtzeitig abgepumpt werden.

http://www.dokumentarfilm24.de/2009/07/18/unfall-im-atomkraftwerk-tschernobyl-der-supergau/

Ausstieg so schnell wie möglich!!!

opsat

19.03.2011, 17:52 Uhr

Betroffen macht mich immer - neben all dem -
wie arrogant und überheblich Atomwirtschaft und Politik
jahrzehntelang auf Tschernobyl reagiert haben (alles marode, alle unfähig - bei uns ja alles ganz anders).
Dabei haben dort hunderttausende Liquidatoren - großteils zwar unwissend oder auf Befehl - mindestens ihre Gesundheit geopfert um Schlimmeres, auch für uns Deutsche, zu verhindern.

Seien wir endlich ehrlich - wir würden uns prügeln um alles was Räder hat und weg hier. Die Angestellten ebenso, Verantwortliche und Politiker schon vorher.
Verstörend wie trotzig auch jetzt fast die gesamte Welt auf diesem so offensichtlich unkontrollierbaren Wahnsinn beharrt.
Warum sehen fast nur wir momentan die Sache anders?
Aus Angst jedenfalls nicht.

opsat

19.03.2011, 18:03 Uhr

@missionpossible - ich war doch schon dabei...
Die Doku die Sie scheinbar meinen lief übrigens
auch gestern.
Es gibt übrigens sogar eine Spielereihe die sich - natürlich auf Ihre Weise - der Zone um Pripjat annimmt. Landschaft und Atmosphäre beklemmend eingefangen.
Wie gesagt, erschütternd das "wir" so wenig daraus gelernt haben. Wir wollten so gerne glauben das das nicht mehr vorkommt - aber jetzt reichts. Lächerlich uns angesichts solcher Apokalypsen mit Stromschwankungen drohen zu wollen.

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