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28.03.2011

11:27 Uhr

AKW-Katastrophe in Japan

„Dieses Krisenmanagement ist bösartig“

ExklusivDie Verwirrung um die Situation in Fukushima ist auch Folge einer verfehlten Informationspolitik. Sebastian Pflugbeil, Präsident der Gesellschaft für Strahlenschutz, über das katastrophale Krisenmanagement der Japaner.

"Wie schlimm es wirklich ist, werden wir erst in drei oder vier Jahren mit Sicherheit sagen können." - Sebastian Pflugbeil, Präsident der Gesellschaft für Strahlenschutz. Quelle: dpa

"Wie schlimm es wirklich ist, werden wir erst in drei oder vier Jahren mit Sicherheit sagen können." - Sebastian Pflugbeil, Präsident der Gesellschaft für Strahlenschutz.

Herr Pflugbeil, am Montag hat die japanische Regierung eine "teilweise Kernschmelze" in Fukushima eingeräumt. Was ist darunter zu verstehen?

Damit wird versucht, den Begriff Kernschmelze durch ein Attribut etwas netter zu machen. Das gleiche gilt auch für den Begriff „vorübergehende Kernschmelze“. Eine Kernschmelze ist immer vorübergehend. Was im Inneren der Rektoren abläuft, weiß momentan niemand – doch das, was man von außen messen kann, ist schlimm genug. Es hat zum jetzigen Zeitpunkt in mindestens drei, wahrscheinlich aber vier Reaktoren eine Kernschmelze gegeben. Wie schlimm es aber wirklich ist, werden wir erst in drei oder vier Jahren mit Sicherheit sagen können.

Wie beurteilen Sie das Krisenmanagement der japanischen Regierung und der Betreiberfirma Tepco?

Ich halte es für dilettantisch und bösartig. Die Auskünfte aus der Anlage sind äußerst dürftig. Die Internationale Atomenergiebehörde IAEA führt Messungen durch und veröffentlicht sie, die Regierung tut das nicht in ausreichendem Maße – das hat es noch nie gegeben. Die Amerikaner haben Messungen durchgeführt, die sie nicht veröffentlicht haben und danach eine Evakuierung von 80 Kilometern rund um das Kraftwerk empfohlen. Das halte ich auch für unbedingt empfehlenswert.

Die japanische Regierung spricht von 20 Kilometern rund um das Kraftwerk – aber es sind immer noch Menschen dort. So eine Evakuierung muss generalstabsmäßig durchgeplant werden. Ich weiß nicht, warum das nicht geschieht. Vielleicht ist die japanische Regierung noch zu sehr mit den Folgen des Tsunamis beschäftigt. Für die Leute, die sich im Bereich um das Kraftwerk noch aufhalten, ist das fatal. Sie bekommen nicht die Informationen, die sie dringend brauchen.

Welche anderen Fehler wurden gemacht?

Es ist beispielsweise ärgerlich und dumm, dass die japanische Regierung einer russischen Delegation von Tschernobyl-Experten die Einreise verweigert hat. Die Erfahrungen und Fehler, die damals gemacht wurden, sind niemals veröffentlicht worden. Die haben russischen Fachleute aber im Kopf. Vielleicht hat die Weigerung der Japaner etwas mit einem kulturell bedingten Ehrgefühl zu. Aber so etwas muss in einer derart ernsten Krisensituation zurücktreten. Da wurde eine erhebliche taktische Dummheit begangen.

Glauben Sie, dass die Außenhülle von einem der Reaktoren beschädigt ist?

Das lässt sich momentan nicht mit Sicherheit sagen. Es ist nicht ganz klar, woher die erhöhten Strahlenwerte im Meerwasser kommen. Es ist auch möglich, dass die Abklingbecken, in denen die ausgebrannten Brennstäbe abgekühlt werden, einen Riss haben. Doch die Nachrichten werden von Tag zu Tag schlimmer. Diese Krise ist noch lange nicht ausgestanden.

Vielen Dank für das Gespräch!

Kommentare (5)

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Peter

28.03.2011, 13:09 Uhr

Mich bestürzt, dass es 25 Jahre nach Tschernobyl offenbar noch immer keine auf die Besonderheiten eines AKW-GAUs zugeschnittene Havarie- und Rettungstechnik gibt. Wie es aussieht greift man auf konventionelle Löschtechnik zurück. Wenn man schon an der Kerntechnik festhalten will sollte man nach all den Erfahrungen mit schmelzenden Reaktoren die nötigen Gerätschaften parat halten, um den Austritt der Radioaktivität in die Umwelt zu verhindern. Wasserwerfer, Pumpen, Fahrzeuge müssen ausreichend dimensioniert und fernsteuerbar sein. Notkühlungen müssen sich anschließen lassen, ohne die beschädigten Anlagen wieder verkabeln zu müssen. Hochspannungsleitungen zur Notstromversorgung über Land zu verlegen ist zeitraubend, die müssen von der Rolle kommen und leicht anschließbar sein. In das Umfeld jedes AKW gehören ausreichende Notfallreserven an Süßwasser. Schutzanzüge mit Atemfiltern sind unter solchen Bedingungen ein Unding; hier werden hermetisch geschlossene Spezialanzüge mit autarker Luftversorgung gebraucht. Hubschrauber müssen ferngesteuert über dem Meiler fliegen können. Die Liste liese sich noch lange fortsetzen...

tbhomy

28.03.2011, 14:11 Uhr

Gut gemeint @Peter. Aber dann wird ein Kraftwerk unrentabel auf Grund erheblich höherer Bau- und Instandhaltungskosten.

Es ist wie immer: Dem schnöden Mammon opfert sich die gesamte Menschheit. Eines Tages ist es geschafft. Es dauert vlt. sogar nicht mehr lange...

Account gelöscht!

28.03.2011, 16:22 Uhr

Endlich mal ein sachlicher Beitrag :-)

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