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16.03.2011

13:14 Uhr

Atomdesaster in Japan

Top-Berater Rifkin rechnet mit der Nuklearindustrie ab

VonJeremy Rifkin

Jeremy Rifkin sieht das Ende des Atomzeitalters gekommen. Der Vorsitzende der Foundation on Economic Trends in Washington und Bestsellerautor hält die Nukleartechnik für ein gefährliches Relikt des vergangenen Jahrhunderts, räumt mit dem Irrglauben auf, Atomenergie könne einen Beitrag zum Klimaschutz leisten und sieht die Welt an der Schwelle zur dritten industriellen Revolution stehen. Ein Gastkommentar.

Jeremy Rifkin ist Vorsitzender der Foundation on Economic Trends in Washington, Berater der EU-Kommission und Bestsellerautor. Sie erreichen ihn unter: gastautor@handelsblatt.com. Quelle: picture-alliance/ dpa

Jeremy Rifkin ist Vorsitzender der Foundation on Economic Trends in Washington, Berater der EU-Kommission und Bestsellerautor. Sie erreichen ihn unter: gastautor@handelsblatt.com.

Das Atomzeitalter geht dem Ende entgegen. Die Kernschmelze in einem japanischen Atomkraftwerk hat politische Folgen rund um die Welt. Niemand kann noch von „sauberer Kernkraft“ sprechen, was ohnehin ein Widerspruch in sich selbst war. Kernkraft war nie sauber, radioaktive Stoffe und Müll haben immer die menschliche Gesundheit, andere Lebewesen und die Umwelt bedroht. Wir hätten unsere Lektion schon vor 30 Jahren lernen müssen – nach dem Unfall im Atomkraftwerk von Three Mile Island im US-Bundesstaat Pennsylvania – und spätestens 1986 nach der Kernschmelze im ukrainischen Tschernobyl.

Der größte Teil der Nationen hat in den 80er-Jahren aufgehört, Kernkraftwerke zu bauen, und hat damit begonnen, bestehende ältere Anlagen zu entsorgen. Leider ist das Gedächtnis der Öffentlichkeit kurz. Die Nuklearindustrie konnte sich in den vergangenen Jahren neu erfinden, indem sie sich an die Rockschöße der Klimaschutz-Debatte hing. Sie behauptet, eine saubere Alternative zu den fossilen Energien zu bieten, die kein CO2 ausstoße. Damit sei sie Teil des Schutzes vor der Erderwärmung.

In Wirklichkeit steuert Atomkraft nur sechs Prozent zum globalen Energiemix bei. Um auch nur einen marginalen Einfluss auf den Klimawandel zu haben, müsste sie mindestens 20 Prozent des weltweiten Energieverbrauchs decken. Das würde es erforderlich machen, alle bestehenden 443 alten Kraftwerke zu erneuern und zusätzliche 1500 Kernkraftwerke zu bauen, mit Kosten von mehreren Billionen Dollar. Um diese Herkulesaufgabe zu meistern, müssten alle dreißig Tage drei neue Atomkraftwerke gebaut werden, und das 60 Jahre lang – eine Überlegung, die sogar die Betreiber solcher Anlagen für völlig unrealistisch halten.

Die Vorstellung, in Zeiten zunehmender regionaler Konflikte Hunderte oder Tausende neuer Nuklearanlagen zu bauen, wirkt einfach übergeschnappt. Auf der einen Seite fürchten die USA, die Europäische Union und viele andere Länder die Möglichkeit, dass Iran und Nordkorea durch ihre Atomprogramme über große Mengen angereicherten Uraniums verfügen und dies zum Bau von Atombomben nutzen könnten. Auf der anderen Seite aber legen die USA, Großbritannien und Frankreich es darauf an, neue Atomanlagen über die ganze Welt zu verteilen und noch in der letzten Ecke des Planeten Reaktoren zu bauen, oft genug unter den fragwürdigsten Sicherheitsbedingungen und in der Nähe von dicht besiedelten städtischen Großräumen.

Kommentare (22)

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IRR

16.03.2011, 14:05 Uhr

Das hört sich schon gut an, was Herr Rifkin meint. Ich bin auch nicht für Atomkraftwerke. Aber was ist denn bitte die Alternative? Wir können doch nicht ausreichend Strom aus Wind und Sonne produzieren (und schon gar nicht im Winter). Das sollte dem Top-Berater auch klar sein. Also, bitte nicht uns erst den Mund wässrig machen und dann auf die Lösung des Problems verzichten!

Account gelöscht!

16.03.2011, 14:10 Uhr

Sehr guter Artikel mit dem richtigen Ende:

"Es ist an der Zeit, diese alte, gescheiterte Technologie des 20. Jahrhunderts zu überwinden und zu einer Ära erneuerbarer Energien überzugehen, die stärker dezentral organisiert sind. Wir stehen an der Schwelle der dritten industriellen Revolution. Wir sollten sie überschreiten, statt auf Techniken der Vergangenheit zu bauen."

Bingo, der Mannn hat es kapiert, viele Pappnasen a la "Kernenergie ist doch so günstig (wird man ja sehen, was das in Japan kostet, und ich meine nur Folgen der AKW-Explosionen und anstehenden Kernschmelzen) und klimafreundlich leider noch nicht.

harry

16.03.2011, 14:12 Uhr

Der beste Kommentar zur Kernkraft in den letzten Tagen seit dem GAU in Japan. Wieso zieht nicht die Mehrheit der Menschen solche klugen Schlüsse wie Herr Rifkin ?

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