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14.04.2011

11:50 Uhr

Atomkatastrophe in Japan

Fukushima ist nicht Tschernobyl

VonSven Stockrahm
Quelle:Zeit Online

Fukushima ist inzwischen offiziell ein katastrophaler Unfall. Zu Recht, das war längst bekannt. Doch zu suggerieren, alles sei weit dramatischer, ist falsch, meint Sven Stockrahm.

Das von der Betreibergesellschaft Tepco bereitgestellte Bild zeigt das zerstörte Kernkraftwerk Fukushima I. Mit dem Reaktorunfall von Tschernobyl ist der Vorfall nicht zu vergleichen, meint Sven Stockrahm. Quelle: dpa

Das von der Betreibergesellschaft Tepco bereitgestellte Bild zeigt das zerstörte Kernkraftwerk Fukushima I. Mit dem Reaktorunfall von Tschernobyl ist der Vorfall nicht zu vergleichen, meint Sven Stockrahm.

BerlinWenig hat sich am Ernst der Lage in den Ruinen von Fukushima-1 verändert. Nach wie vor konzentrieren sich Techniker und Arbeiter in der Anlage auf die dauerhafte Kühlung des Brennstoffs in den Reaktorkernen und zeitweise ausgetrockneten Abklingbecken. Und doch scheint die Situation seit Mittwoch eine andere zu sein: Denn die AKW-Havarie in Japan rangiert nun auf einer Stufe mit dem GAU in Tschernobyl im Jahr 1986. In Fukushima müsse nun doch alles viel schlimmer, dramatischer und gefährlicher sein als bislang gedacht, mutmaßen Medien seither. Japan habe sich "endlich" entschlossen, das wahre Ausmaß der Katastrophe mitzuteilen, heißt es. Im Unterton schwingt mit, dass hier verheimlicht, vertuscht und falsch gehandelt wurde.

Wären nicht ganz andere Maßnahmen getroffen worden, wenn der Unfall von Anfang an so schwerwiegend eingestuft worden wäre? Die Antwort ist Nein. Denn die internationale Skala für nukleare Ereignisse (Ines) sieht für die verschiedenen Kategorien von Atomunfällen keine konkreten Maßnahmen vor. Sie erteilt dazu noch nicht einmal Empfehlungen. Jedes Land entscheidet selbst, wie es auf Reaktorunfälle reagiert. In Japan hatten die Behörden bereits zwei Tage nach dem Ausfall der Kühlung in der Atomanlage mehr als 60.000 der insgesamt rund 80.000 Bewohner im Radius von 20 Kilometern um Fukushima-1 in Sicherheit gebracht. Danach erst sprengte entzündeter Wasserstoff die Außenhülle des Reaktors 3 und beschädigte die Blöcke 2 und 4 zum Teil schwer.

Warum Fukushima nicht Tschernobyl ist

Die Explosion

Beim Super-GAU von Tschernobyl explodierte der Unglücksreaktor 4 während des normalen Betriebs. Ein gewaltiger Feuerball schleuderte radioaktiv verseuchte Partikel kilometerweit in die Atmosphäre. Das Atomkraftwerk Fukushima Eins hingegen war zum Zeitpunkt der Explosionen bereits abgeschaltet. Das geschieht bei schweren Erdstößen wie am 11. März in Japan automatisch und soll die Gefahr von Störfällen reduzieren. In Fukushima sind in gleich drei Reaktorblöcken Kern und Brennstäbe schwer beschädigt. In Tschernobyl gab es damals keinen inneren Sicherheitsbehälter (das sogenannte Containment) rund um die Brennkammer.

Die Reaktion

Die Sowjetführung schickte Hunderttausende Freiwillige - sogenannte Liquidatoren - in die Unglückszone, um bei den Aufräumarbeiten zu helfen. Der havarierte Reaktor erhielt schon bald einen ersten „Sarkophag“, einen Mantel aus Beton. In Fukushima ist lediglich ein kleiner Trupp Arbeiter am Werk. Fieberhaft kämpfen sie gegen immer wiederkehrende Lecks und Probleme mit der Kühlung und pumpen radioaktiv verseuchtes Wasser ins Meer.

Die Maßnahmen

Nach dem Unfall in Tschernobyl schwieg die Sowjetführung tagelang. Erst nachdem in Skandinavien auffällige Werte gemessen wurden, räumte Moskau den GAU ein. Allerdings hatten auch die Verantwortlichen falsche Informationen übermittelt. So hieß es stundenlang, der explodierte Reaktor sei intakt geblieben - dabei waren die verstrahlten Trümmer nicht zu übersehen. Die Anwohner etwa im nahegelegenen Pripjat - heute eine Geisterstadt - wurden erst nach Tagen in Sicherheit gebracht. Die Sowjetführung habe aber bei aller Kritik durchaus auch rasch gehandelt, sagen Experten von Greenpeace. So sei schon bald ein 30 Kilometer großer Evakuierungsradius angeordnet worden. Im Fall von Fukushima streiten Experten hingegen um die Größe der Sperrzone. Die Regierung in Tokio ordnete am Montag einzelne Evakuierungen außerhalb der bisherigen 20-Kilometer-Zone an.

Die Folgen

Die Explosion in Tschernobyl schleuderte radioaktive Partikel weit in die Höhe - der Wind verbreitete sie dann über tausende Kilometer. Experten seien sich einig, dass das in Fukushima nicht passieren werde, sagt Mathias Edler von Greenpeace der Nachrichtenagentur dpa. „Das hängt damit zusammen, dass es in Tschernobyl ein graphitmoderierter Reaktor war.“ Mit diesem Material statt wie sonst mit Wasser sollten schnelle Neutronen verlangsamt und die Kettenreaktion erhalten werden. „Graphit ist eine Art Kohle, es ist zu tagelangen Bränden gekommen“, erklärt Edler.

Ein Ausblick

„Im schlimmsten Szenario würde eine Schadstoffwolke von Fukushima in eine Höhe von maximal 500 Meter steigen“, sagt der oberste Wissenschaftsberater der britischen Regierung, Prof. John Beddington. „Daher ginge die Radioaktivität recht nahe am Reaktor herunter.“ Die Folgen wären dennoch katastrophal. Das größte langfristige Problem in Japan ist derzeit die radioaktive Verseuchung des Pazifik. In der Ukraine und Weißrußland sind auch 25
Jahre nach dem GAU von Tschernobyl weite Landstriche schwer verseucht - und werden es auf lange Zeit sein. Radioaktive Stoffe wie Plutonium halten sich oft mehrere tausend Jahre. Problematisch ist nach Ansicht von Experten vor allem die extrem hohe Bevölkerungsdichte in Japan.

Seit Beginn der Havarie versuchen zudem Arbeiter in der Atomanlage das Menschenmögliche, einen Unfall in den Griff zu bekommen, für den es keinen Notfallplan gibt. Der fehlt, weil keine Atomnation der Erde sich je mit einem solchen Szenario auseinandergesetzt hat. Bis Fukushima war der Glaube an die Beherrschbarkeit der Kernenergie nahezu unerschütterlich, trotz zahlreicher Unfälle und den Erfahrungen aus Harrisburg 1979 und Tschernobyl 1986. Ein desaströses Versagen, für das Japan nun bitter bezahlt.

Die Einstufung Fukushimas als zweiter "katastrophaler Unfall" in der Geschichte war in der Tat überfällig. Dass große Mengen Radioaktivität aus den Unglücksreaktoren entwichen sein mussten, war selbst Laien klar, nachdem die Bilder der explodierenden Blöcke um die Welt gingen.

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