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25.03.2011

12:20 Uhr

Atomkatastrophe in Japan

Welche Strahlengefahren in Deutschland drohen

Essen, Reisen, Strahlenwolke: Die Sorge um mögliche Folgen der japanischen Reaktorkatastrophe für Deutschland treibt viele Menschen um. Dabei rechnen Experten eher mit geringen direkten Auswirkungen.

Arbeiter beim Versuch, die Stromversorgung im havarierten Kraftwerk Fukushima wiederherzustellen. Radioaktive Partikel aus Fukushima werden auch Mitteleuropa erreichen. Quelle: dpa

Arbeiter beim Versuch, die Stromversorgung im havarierten Kraftwerk Fukushima wiederherzustellen. Radioaktive Partikel aus Fukushima werden auch Mitteleuropa erreichen.

DüsseldorfRadioaktive Wolken, verstrahlte Lebensmittel – die möglichen Gefahren, die sich aus der Reaktorkatastrophe in Fukushima für Deutschland ergeben, treiben hierzulande viele Menschen um. Und dass, obwohl sich Experten und Politiker alle Mühe geben, solche Bedenken zu zerstreuen.

„Es werden Minimal-Dosen Radioaktivität bis zu uns transportiert. Eine Gesundheitsrelevanz besteht aber nicht“, so etwa Gerhard Wotawa von der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG). Ähnlich schätzen auch die Experten des Deutschen Wetterdienstes in Offenbach das Risiko ein: Wind und Regen würden die in Japan freigesetzten radioaktiven Partikel in der Luft so weit verdünnen, dass in Europa kaum etwas messbar sein wird.

Auch beim Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) stuft man das Risiko einer radioaktiven Belastung für Deutschland als gering ein. Aufgrund der großen Entfernung und der damit verbundenen hohen Verdünnung würden nur sehr geringe Mengen Radioaktivität erwartet, so BfS-Sprecher Florian Emrich. „Sie werden keine gesundheitliche Gefahr für Menschen und Umwelt in Deutschland oder Europa darstellen.“ Sobald erste Partikel an Radioaktivität Deutschland erreichen, werde das BfS die Bevölkerung umfassend informieren.

Wer will, kann sich auf der BfS-Website auch selbst laufend über die aktuelle Strahlenbelastung hierzulande informieren. Mit 1800 Messstationen deutschlandweit unterhält das BfS ein dichtes Netz von Frühwarnstationen, das selbst kleinste Veränderungen der Strahlenbelastung registriert. Gemessen wird rund um die Uhr die natürliche Radioaktivität, die durch das radioaktive Edelgas Radon aus dem Boden kommt.

Was der Super-Gau bedeutet

Radioaktives Cäsium und Jod

Cäsium und Jod gibt es in der Natur und als Nebenprodukt aus der Kernspaltung. Natürliches Cäsium 133 ist ein goldglänzendes, sehr weiches Metall und kommt in winzigen Spuren in den Gesteinen der Erdkruste vor. Sein radioaktiver Verwandter, das gefährliche Cäsium 137, entsteht bei der Kernspaltung. Ein weiteres Spaltprodukt ist das ebenfalls gefährliche Jod 131.

Bei der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl 1986 waren große Mengen von beiden Stoffen entwichen. Cäsium 137 kann über die Abluft oder das Abwasser aus Atomanlagen gelangen und wird direkt oder über die Wurzeln von den grünen Teilen der Pflanzen aufgenommen. Über diesen Umweg kommt es auch in Milch, Fleisch und Fisch. Pilze waren nach der Katastrophe von Tschernobyl besonders belastet.

Hohe Konzentrationen von Cäsium 137 können Muskelgewebe und Nieren des Menschen schädigen. Es verteilt sich gleichmäßig im Körper, so dass seine Strahlung den ganzen Organismus trifft.

Cäsium 137 wird auch zur Strahlenbehandlung in der Krebstherapie, bei Materialprüfungen oder zum Betrieb von Atomuhren eingesetzt. Es zerfällt mit einer Halbwertszeit von 30 Jahren - das ist die Zeitspanne, die vergeht, bis die Hälfte der Radioaktivität abgebaut ist.

Natürliches Jod ist sehr wichtig für den menschlichen Organismus. Vor allem Meerestiere und Fische enthalten viel Jod. Die Schilddrüse ist das Organ, das das natürliche Jod verarbeitet.

Bei der Kernspaltung im Atomreaktor oder bei der Kernwaffenexplosion entsteht das radioaktive Jod-Isotop 131. Dieser Stoff reichert sich, wenn er in die Umwelt gelangt und vom Menschen aufgenommen wird, in der Schilddrüse an.

Es handelt sich um eine sehr flüchtige Substanz, die rasch über weite Entfernungen in der Luft transportiert werden kann. So war in den ersten Wochen nach Tschernobyl Jod 131 die Hauptbelastungsquelle von Lebensmitteln. Es wird hauptsächlich mit Frischmilch aufgenommen.

 

INES-Skala

Die Internationale Atomenergiebehörde IAEA hat den Vorfall in dem japanischen Reaktor Fukushima am Samstag mit „4“ auf ihrer INES-Skala bewertet. Störfälle oder schwere Unfälle in kerntechnischen Anlagen werden mit Hilfe der internationalen Bewertungsskala INES eingestuft. Das liegt derzeit deutlich unter dem Tschernobyl-Unglück (7) und auch noch unter dem Zwischenfall von 1979 auf Three Mile Island (5) in den USA.

INES steht für International Nuclear Event Scale. Die Stufen der Skala reichen von 0 bis sieben und wurden Anfang der 90er Jahre erstmals angewendet. Sie sollen der Öffentlichkeit eine Orientierung zur Bedeutung eines Zwischenfalls geben. Man kann sie analog zur Richter-Skala bei Erdbeben verstehen.

Bei der Einstufung werden drei Aspekte berücksichtigt: Radiologische Auswirkungen außerhalb der Anlage, innerhalb der Anlage und Beeinträchtigungen der Sicherheitsvorkehrungen. Die erste Einstufung auf der Skala nimmt der Anlagenbetreiber vor, diese wird dann von einem IAEA-Beamten überprüft.

Vorfälle an deutschen AKW hatten in den vergangenen Jahren immer die Stufe 0. Das galt etwa auch für den Brand eines Trafo des AKW Krümmel, bei dem Rauch in die Schaltwarte geriet. INES 0 bedeutet: „Keine oder sehr geringe sicherheitstechnische Bedeutung“. In diese Kategorie fällt etwa auch ein Loch im Kühlsystem.

Als Störung wertet die Skala INES 1, als Störfall „2“ und „3“. Zwischen „4“ und „6“ wird von einem Unfall gesprochen. Bei „4“, der Einstufung von Fukushima, ist die Rede von geringen Freisetzungen von Strahlung, aber auch von tödlichen Strahlen für das Reaktorpersonal. Bei „6“ ist der volle Einsatz des Katastrophenschutzes erforderlich. Die Stufe „7“ gilt als „katastrophaler Unfall“ und wurde bislang nur bei Tschernobyl verhängt.

Kritisiert wird an der Skala gerade von Atomkraftgegnern, dass Zwischenfälle erst spät überhaupt auf der Skala über „0“ auftauchen.

Kernschmelze

Wenn die Kühlung im Reaktor ausfällt, kann es zur Kernschmelze kommen. Das heißt: Die Brennstäbe - in denen sich der radioaktive Brennstoff befindet - erhitzen sich so stark, dass sie ihre Form verlieren. Die Schmelzmasse kann sich bei weiterer Erhitzung durch die Stahlwände des Reaktorbehälters fressen. Damit wird eine große Menge Radioaktivität im Schutzgebäude freigesetzt. Im schlimmsten Fall bahnen sich die Reste des geschmolzenen Kerns ihren Weg nach außen - radioaktive Stoffe gelangen in die Umwelt.

Plutonium

Das radioaktive und hochgiftige Schwermetall Plutonium wird zusammen mit Uran in Atomreaktoren als Brennstoff eingesetzt. Während Uran in Bergwerken abgebaut wird, kommt Plutonium in der Natur nur in Spuren vor. Es entsteht aber in jedem Atomreaktor und auch bei Atomwaffentests als „Nebenprodukt“ der Spaltung von Uran-Atomen. Brisant ist Plutonium vor allem, weil wenige Kilogramm zum Bau einer Atombombe genügen.

Das 1941 entdeckte Schwermetall hat eine Halbwertzeit von 24 000 Jahren. Das heißt, nach dieser Zeit ist erst die Hälfte der Radioaktivität abgeklungen. Falls der Stoff in die Lunge gerät können schon winzige Mengen Krebs verursachen. Dringt Plutonium in Wunden ein, verbindet es sich mit Eiweißen des Blutplasmas und lagert sich in Leber und Knochenmark ab. Dort kann Plutonium Leukämie auslösen.

Sogenannte Mischoxid-Brennelemente (MOX) bestehen aus Uran und Plutonium. Sie werden aus Atommüll gewonnen. Bei ihrer Herstellung wird in Wiederaufarbeitungsanlagen aus abgebrannten Brennelementen Plutonium und noch verwertbares Uran herausgetrennt. Anschließend werden in einer gesonderten Anlage neue Brennstäbe angefertigt.

Radioaktivität

Radioaktivität ist die Eigenschaft mancher Stoffe (Radionuklide), sich unter Freisetzung von Energie spontan in andere Atomkerne umzuwandeln. Diese Energie wird in Form von Alpha-, Beta- oder Gammastrahlung abgegeben. Radioaktive Stoffe kommen in geringen Konzentrationen in der Natur vor, sie sind aber auch Produkt von Kernumwandlungen in Kernreaktoren. Radioaktivität (von lateinisch radius, Strahl) kann man nicht schmecken, fühlen, sehen oder riechen, wohl aber messen. Radioaktive Strahlung kann äußerst gefährlich sein und Schäden am Erbgut und damit Krebs auslösen.

Strahlenkrankheit

Radioaktive Strahlen können Körperzellen zerstören und tödlich sein. Die Schäden hängen von der Dauer, Art und Stärke der Strahlung ab. Experten unterscheiden zwischen akuten Strahlenschäden und Spätfolgen. Bereits niedrig dosierte Strahlen können das Erbgut verändern und damit langfristig Krebs auslösen, etwa Leukämie und Schilddrüsenkrebs. Hohe Strahlendosen führen zu Fieber, Übelkeit, Verbrennungen von Haut und Mundraum, Haarausfall, inneren Blutungen und schlimmstenfalls zum Tod.

GAU oder Super-GAU?

Unter dem Begriff GAU - größter anzunehmender Unfall - versteht man den schwersten Störfall in einem Atomkraftwerk, für den die Sicherheitssysteme ausgelegt sind. Die Umwelt wird dabei nicht über die Grenzwerte hinaus mit Strahlen belastet. Ein Super-GAU dagegen ist es, wenn der Störfall nicht mehr beherrschbar ist, es zu einer Kernschmelze - Schmelzen des Reaktorkerns - oder einem Bersten des Reaktordruckbehälters kommt. Auch Sabotage, Erdbeben, oder Flugzeugabstürze können einen Super-GAU verursachen.
Ein Super-GAU ereignete sich zum Beispiel im sowjetischen Atomkraftwerk Tschernobyl, wo es im April 1986 zu einer Kernschmelze kam. Der radioaktive Niederschlag ging damals auch in Deutschland
nieder.

Siedewasserreaktor

Die nun schwer beschädigte Atomanlage im japanischen Fukushima arbeitet mit Siedewasserreaktoren. Bei diesem Reaktortyp sind die radioaktiven Brennstäbe im Reaktordruckbehälter permanent von Wasser umgeben. Es kühlt und verlangsamt die bei der Kernspaltung freigesetzten Teilchen, um weitere Kernspaltungen zu ermöglichen.

Im Druckbehälter wird der obere Teil des Wassers durch die Wärme der Brennstäbe zum Sieden gebracht. Der entstehende Dampf wird über Rohre auf Turbinen geleitet, die Strom erzeugende Generatoren antreiben. Der Dampf wird dann abgekühlt und kondensiert. Das so zurück gewonnene Wasser gelangt erneut in den Reaktor-Kreislauf. Da der Wasser-Dampf-Kreislauf im Turbinengebäude direkt mit dem Reaktor verbunden ist, kann bei Lecks leichter Radioaktivität entweichen. In Fukushima ist durch einen kompletten Stromausfall - auch der Notstromaggregate - das gesamte System und damit auch die existenziell nötige Brennelemente-Kühlung zusammengebrochen.

In Deutschland gibt es überwiegend Druckwasserreaktoren, die mit zwei voneinander getrennten Kühlkreisläufen arbeiten. Aber es gibt auch sechs Siedewasserreaktoren: Brunsbüttel, Krümmel, Philippsburg I, Isar I sowie Gundremmingen B und C. Druckwasser- und Siedewasserreaktoren sind zwei Bauarten von Leichtwasserreaktoren. Sie arbeiten mit gewöhnlichem, „leichtem“ Wasser.

 

„Unsere Technik kann diese natürliche Radioaktivität von zusätzlicher künstlicher Radioaktivität unterscheiden“, sagt Erich Wirth, Leiter der BfS-Messstation auf dem Schauinsland bei Freiburg, wo 25 besonders sensible Geräte installiert sind. Werden etwa in der 700 Kilometer entfernten Atom-Wiederaufbereitungsanlage im französischen La Hague Brennstäbe zerschnitten oder Betriebspausen eingelegt, registrieren die Messinstrumente auf dem 1284 Meter hohen Schauinsland die daraus resultierende Veränderung der Strahlung.

Doch nicht nur die Sorge vor einer direkten Strahlenbelastung treibt viele Menschen um. Meldungen von radioaktiv belasteten Agrarprodukten in Japan schüren auch hierzulande die Sorge, dass importierte Nahrungsmittel aus Japan verseucht sein könnten. Eine Sorge, die trotz der vergleichsweise geringen Menge an Nahrung, die aus Japan nach Europa exportiert wird, von der EU-Kommission in Brüssel ernst genommen wird. Sie kündigte am Donnerstag verstärkte Kontrollen für Lebensmittel aus den zwölf von der Reaktorkatastrophe in Fukushima betroffenen Präfekturen an.

Kommentare (8)

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Account gelöscht!

25.03.2011, 14:14 Uhr

Hurra, noch leben wir! Was für eine Panikmache in allen deutschen Gazetten. Als Franzosen, Russen und Amerikaner A- und H-Bomben in den Weltmeeren und Wüsten getestet haben, war nicht so eine Aufregung zu verzeichnen. Obwohl die Stralendosen weit höher lagen. Reagieren wir heutzutage alle über?

MrMr

25.03.2011, 21:41 Uhr

Was soll man glauben? In Japan hieß es anfangs auch: alles unter Kontrolle / Tokio sei sicher. Dasselbe "auf Deutsch" werden wir auch in unserem Land hören, wenn das nächstgelegene AKW in 20km Entfernung in die Luft geht. Nicht, dass Panik ausbricht!
So ein Schmarrn

Domen

26.03.2011, 04:12 Uhr

Ich bin überzeugt,dass wir alle an Radioaktivität zugrunde gehen werden-es sei denn, der Masse gelingt es mit "Gewalt" alle AKWs abzuschalten......

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