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26.04.2011

09:22 Uhr

Bilanz einer Katastrophe

„Dem Ökosystem Tschernobyl geht es heute besser als vor dem Unfall“

VonRichard Friebe

ExklusivJames Smith von der Uni Portsmouth gilt weltweit als einer der führenden Experten zur Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Im Interview spricht er über die Ökobilanz 25 Jahre nach dem Unfall.

Göttinger Wissenschaftler haben ermittelt, dass sich Bäume - vor allem Kiefern - in der Sperrzone rund um das explodierte Atomkraftwerk Tschernobyl genetisch verändert und der hohen Strahlendosis angepasst haben. Quelle: dpa

Göttinger Wissenschaftler haben ermittelt, dass sich Bäume - vor allem Kiefern - in der Sperrzone rund um das explodierte Atomkraftwerk Tschernobyl genetisch verändert und der hohen Strahlendosis angepasst haben.

Unter Wissenschaftlern ist in den vergangenen Jahren ein beispielloser Streit über die ökologischen Folgen der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor 25 Jahren entbrannt. Schlimme Missbildungen und geringere Artenvielfalt finden die einen - ein zwar noch immer strahlendes, aber dies besser als erwartet verkraftendes Naturrefugium sehen die anderen in der noch immer weitgehend menschenleeren Sperrzone.

James (Jim) Smith ist Umweltphysiker an der University of Portsmouth und Strahlenbiologie-Experte. Er hat ein Standardwerk zum Thema herausgegeben (Chernobyl: Catastrophe and Consequences) und betreut derzeit in Tschernobyl für die Internationale Atomenergieagentur (IAEA) die Stilllegung des 24 Quadratkilometer großen ehemaligen Kühlteiches des Kraftwerkes. Wie sieht er die bisherige Ökobilanz von Tschernobyl?

Dr. Smith, welche Effekte hatte und hat die Kontamination mit strahlendem Material in der 30-Kilometer-Zone um Tschernobyl?

In den am stärksten verseuchten Bereichen – das ist etwa ein Prozent der evakuierten Zone – hat es wahrscheinlich Strahlungseffekte bei Individuen gegeben, obwohl das kaum in Studien dokumentiert ist. Radiobiologische Untersuchungen von vor und nach dem Unfall zeigen aber, dass die Strahlendosen in der Exklusionszone wahrscheinlich keine Effekte auf Tierpopulationen insgesamt hatten und haben.

Dabei handelt es sich um Laborstudien, die in vielerlei Hinsicht aussagekräftiger sind als Feldstudien, weil man verfälschende Einflüsse wie etwa Unterschiede in den Lebensräumen oder den Strukturen der Ökosysteme ausschließen kann. Ihr Nachteil ist allerdings, dass sie nicht unter den tatsächlichen Lebensbedingungen der Tiere in der echten Umwelt gemacht werden können.

Eine Forschergruppe um Anders Møller und Tim Mousseau hat öffentlichkeitswirksam immer wieder Studien veröffentlicht, die zu dem Schluss kommen, dass es in der Umgebung von Tschernobyl häufig zu Missbildungen bei Tieren kommt, dass die biologische Vielfalt geringer geworden ist und die Zahl der Tiere in stärker belasteten Gebieten abgenommen hat.

Ich habe zwei dieser Veröffentlichungen, wo es um Missbildungen bei Rauchschwalben geht, genauer analysiert, und in ihnen schwerwiegende methodische und statistische Fehler gefunden. Das muss nicht heißen, dass die Schlussfolgerungen falsch sind, aber Skepsis ist angebracht, speziell wenn die Ergebnisse unseren Laborergebnissen absolut widersprechen.

Kommentare (32)

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Anonym

26.04.2011, 10:03 Uhr

Vielen Dank an die Redaktion.
Endlich bekommen auch mal neutrale Wissenschaftler ein Podium und nicht wie sonst üblich irgendwelche grünen Laienprediger, die von keiner Sachkentnis beleckt sind.
Weiter so!!

caesarenwahn

26.04.2011, 10:39 Uhr

die Protagonisten der Atomlobby sind also "neutral", so wie Kernkraft sauber und billig und der Strom aus der Steckdose kommt .... und das ganze anonym, damit keiner die Geldgeber solcher "wissenschaftlicher Leistung" und ihrer Claquere recherieren kann. So funktioniert Gehirnwäsche.

Realist

26.04.2011, 10:47 Uhr

Ich sehe dies genauso. Ich möchte informiert werden und nicht ständig einer Gehirnwäsche durch ausgesuchte "Experten" ausgesetzt sein. Hier sollten die Medien ihrer Pflicht nachkommen, aber die Interessen an Panik und Hysterie bringt bessere Quoten.

Informationen ohne Wertung, die den Zuschauer/Leser nicht durch negative Adjektive beeinflussen, braucht die Welt!

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