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11.07.2012

12:10 Uhr

Billig-Hersteller

Das Auto der Zukunft ist klein

VonLukas Bay

Der Markt für Billigautos soll in den kommenden Jahren massiv wachsen. Doch bisher beherrschen asiatische Hersteller das Billigsegment. Die deutschen Autobauer und insbesondere VW drohen den Anschluss zu verlieren, prophezeit eine neue Studie.

Die asiatischen Hersteller setzen auf einfache Automodelle - zu einem Kampfpreis.

Die asiatischen Hersteller setzen auf einfache Automodelle - zu einem Kampfpreis.

Düsseldorf20 PS, 0,2 Liter Hubraum, eine Höchstgeschwindigkeit von 70 km/h - der RE 60 ist ein Auto, mit dem jeder Motorroller mithalten kann. In Detroit und Genf stünde ein solches Automodell wohl unbeachtet zwischen den PS-Protzen. Doch auf der Autoexpo in Delhi war der Kleinwagen des asiatischen Herstellers Bajaj Anfang Januar der Star. Die Weiterentwicklung des indischen Motorradherstellers soll die neue Generation der Billigautos einläuten und ein Segment erobern, dem die Zukunft gehört – zumindest wenn man einer Studie des Center of Automotive Research (CAR) der Uni Duisburg-Essen glauben darf.

In einer Studie untersuchen die Experten um Auto-Professor Ferdinand Dudenhöffer die Zukunftspotenziale von Billigautos wie dem RE 60 in Schwellenländern. Ihre Prognose: Das „billigste Auto der Welt“ mit einem Neupreis von 2000 Euro könnte den indischen Markt aufmischen. Gemeinsam mit dem Tata Nano, der vor vier Jahren in Delhi seine Premiere feierte, übernimmt er am schnellsten wachsenden Automärkte der Welt die Preisführerschaft. Die Chancen auf schnelles Wachstum schätzen die Experten gut ein: In den vergangen fünf Jahren haben sich die Zulassungen in Indien auf rund 2,5 Millionen verdoppelt. Mehr als 70 Prozent aller gekauften Autos in Indien sind Kleinwagen. Während in vielen die chinesischen Mega-Cities bereits an die Grenzen des Wachstums stoßen und Zahl der Neuzulassungen staatlich reguliert wird, ist in Indien noch viel Luft nach oben. Auf 1000 Inder kommen bisher nur 19 Autos.

Asiens Autohersteller

Wachstumsstark und clever

Viele kleinere Autohersteller aus Fernost haben Ambitionen, sich in den nächsten Jahren zu Weltmarken zu entwickeln:

SAIC (China)

Shanghai Automotive Industry Corporation (SAIC) ist in Deutschland als VW-Partner bekannt, zeigt aber immer mehr Eigenständigkeit. 2011 wurden mehr als vier Millionen Fahrzeuge abgesetzt.

SAIC (China)

Damit hat sich der Absatz seit 2005 vervierfacht. SAIC könnte als einer der ersten chinesischen Anbieter auf dem Weltmarkt bestehen. In Großbritannien verkauft SAIC unter der zugekauften Marke MG Rover bereits Autos.

BAIC (China)

Die Beijing Automotive Industry Corporation Group (BAIC Group) ist das Pekinger Gegenstück zu SAIC. BAIC kooperiert mit Daimler und Hyundai. In Europa ist sie zuletzt als möglicher Käufer für die schwedische Marke Saab ins Gespräch gekommen.

BAIC (China)

Der fünftgrößte chinesische Autobauer ist eine Kooperation mit der russischen AMS Group eingegangen, um den Markt des Nachbarlands für die eigenen Produkte zu erschließen.

Chery (China)

Chery ist wie BAIC und SAIC ein Staatsbetrieb, kommt aber etwas flippiger daher und ist der Exportchampion unter den Chinesen. Das Unternehmen setzt konsequent auf Absatz in anderen Schwellenländern und betreibt eigene Fabriken beispielsweise in Indonesien, der Ukraine oder der Türkei.

Chery (China)

Mit rund 800 000 abgesetzten Autos liegt Chery im chinesischen Ranking auf Platz sieben. Durch konsequente Ausgaben für eigene Entwicklung sichert sich der Anbieter eine solide Position im unteren Marktsegment.

Geely (China)

Der Ehrgeizling unter Chinas Autofirmen befindet sich nicht in Staatshand, sondern ist ein Privatunternehmen. Im Laufe des Jahres will das Unternehmen sein Topmodell Emgrand in Großbritannien und Italien auf den Markt bringen.

Geely (China)

Das ist konsequente Fortsetzung einer Strategie, die sich bereits 2010 im Kauf der schwedischen Traditionsmarke Volvo gezeigt hat: nicht kleckern, sondern klotzen – und konsequent auf Qualität setzen.

Tata (Indien)

Indiens wichtigstes Industrieunternehmen Tata strebt längst nach mehr als nur dem Rang eines regionalen Marktführers. Mit der Übernahme der britischen Luxusmarken Jaguar und Land Rover schrieb das Unternehmen 2008 Industriegeschichte.

Tata (Indien)

Der Konzern stellt im Jahr nur gut eine Million Fahrzeuge her. Doch mit Jaguar und Land Rover setzen die Inder auf internationales Wachstum und wollen zum ernst zu nehmenden Rivalen von BMW werden.

Hyundai-Kia (Südkorea)

Für VW-Boss Martin Winterkorn ist er einer der gefährlichsten Konkurrenten: Hyundai-Kia ist auf dem Vormarsch. Der fünftgrößte Autokonzern will 2012 erstmals die Sieben-Millionen-Schwelle überschreiten. Die Koreaner zählen zu den am schnellsten wachsenden Autokonzernen der Welt.

Hyundai-Kia (Südkorea)

Im vorigen Jahr steigerte der Konzern seinen Absatz weltweit um 15 Prozent. Hyundai-Kia verzeichnete damit drei Jahre hintereinander je zweistellige Zuwachsraten.

Wer auf diesem Wachstumsmarkt mithalten will, braucht ein Billigauto im Portfolio - meinen die CAR-Experter. Sie prognostizieren, dass der weltweite Markt für Fahrzeuge mit einem Neupreis unter 8000 Euro von 6,5 Millionen Fahrzeugen im Jahr 2011 auf rund 25 Millionen Fahrzeuge im Jahr 2030 anwachsen wird. 

An den deutschen Herstellern dürfte dieses Wachstum aber weitgehend vorbeigehen. Opel ist der große Auftritt in den Schwellenländern wegen der GM-Auslandsstrategie untersagt. Die Premiumhersteller Audi, BMW und Mercedes würden mit einer Niedrigpreisstrategie ihre Markenidentität gefährden. Bleibt einzig Volkswagen. 

Doch die Wolfsburger haben in den Schwellenländern kein eigenes Billigauto im Angebot. Das günstigste Modell aus dem Volkswagen-Konzern ist der Skoda Fabia, der in China für rund 9500 Euro Neupreis verkauft wird. Selbst der neue VW-Up wird nur unwesentlich unter 7000 Euro liegen - und ist damit mehr als doppelt so teuer wie die Billigautos der Konkurrenz. Obwohl die Wolfsburger ihre Verkäufe in Indien im abgelaufenen Geschäftsjahr um 140 Prozent auf fast 78.500 steigern konnten, fehlt ihnen für langfristiges Wachstum ein Billigmodell. 

Eigentlich sollte die Allianz mit Suzuki den Durchbruch in diesem Segment bringen. Maruti Suzuki gehört in den Schwellenländern zu den führenden Anbietern, verkauft mit dem Alto (Neupreis: etwa 3000 Euro) ein Ultra-Low-Cost-Auto. Doch die Kooperation ist mittlerweile aufgekündigt. Während sich die Wolfsburger im Scheidungskrieg mit Suzuki befinden, rüstet die asiatische Konkurrenz auf. 

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