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30.03.2017

10:36 Uhr

Chemiewaffen in der Lüneburger Heide

Tödliche Altlast trübt das Heide-Idyll

In der Lüneburger Heide wurden schon im Ersten Weltkrieg chemische Waffen produziert. Später lagerte dort auch die Wehrmacht die tödlichen Stoffe. Mit den Folgen haben die Menschen vor Ort noch heute zu kämpfen.

Eine Bohrstelle nahe der Ortschaft Dethlingen (Niedersachsen). Spezialisten suchen hier nach Chemiewaffen-Altlasten aus dem Zweiten Weltkrieg. dpa

C-Waffen-Reste in der Heide

Eine Bohrstelle nahe der Ortschaft Dethlingen (Niedersachsen). Spezialisten suchen hier nach Chemiewaffen-Altlasten aus dem Zweiten Weltkrieg.

MunsterDie zwitschernden Vögel im Kiefernwald lassen sich vom Donnern der Panzergeschütze auf dem Truppenübungsplatz in der Nähe nicht stören. Nur eine kleine Senke verrät, wo einst der Dethlinger Teich war. Längst wachsen Bäume auf der nach dem Zweiten Weltkrieg zugeschütteten Fläche nahe Munster, einer Kleinstadt in der Lüneburger Heide.

Eigentlich ist es ganz schön hier an diesem Frühlingsmorgen. Doch Carsten Bubke sagt: „Das könnte eine der größten Altlasten chemischer Kampfstoffe in Deutschland sein.“ Der 50-Jährige ist Umwelttechniker des Heidekreises (Niedersachsen) und Experte für Sprengstoffe. „Wir haben Abbauprodukte von Lost, also Senfgas, gefunden.“ Auch Spuren von Arsen haben die Spezialisten nachgewiesen.

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Mit allen Mitteln versuchten die Beteiligten des Ersten Weltkrieges, sich gegenseitig zu töten. Der Krieg sah so viele neue Waffen wie kaum ein anderer – kriegsentscheidend waren die wenigsten.

„Das ist eine Hinterlassenschaft der Luftwaffenmunitionsanstalt der Wehrmacht in Oerrel“, erklärt Bubke, der die Arbeiten beaufsichtigt. In Oerrel, einem Ortsteil von Munster, seien chemische Waffen produziert, abgefüllt und gelagert worden.

Nach der Kapitulation 1945 kamen die Briten in die Lüneburger Heide, die Anlage wurde mitsamt den brisanten Munitionsvorräten kampflos übergeben. „Die Briten haben die Reste zum großen Teil abtransportiert, darunter wohl auch Munition aus den besetzten Ländern“, sagt Bubke. „Alles, was sie nicht für transportfähig hielten, landete im Teich.“

Mit Bunkerschrott zugekippt

Anschließend entsorgte auch der niedersächsische Kampfmittelbeseitigungsdienst dort seine Funde. Als Anwohner danach fischten, um die wertvollen Metalle zu Geld zu machen, schoben die Behörden 1952 einen Riegel vor. „Man hat den Teich mit Bunkerschrott gesichert – sprich: Man hat ihn zugekippt“, sagt Bubke.

In seinem Bauwagen hängt eine Karte, 20 Kreuze markieren die neuen Probebohrungen. Ein Luftbild von 1946 zeigt ein kreisrundes Gewässer von rund 60 Metern Durchmesser. „Unser Hauptproblem ist: Wir wissen nicht genau was drin ist“, sagt Bubke über die Hinterlassenschaften. „Jetzt geht es nur um die Frage, ob wir eine Probeöffnung machen können.“ Notfalls muss alles da bleiben, wo es ist. Was auch immer aus der Munition wird – es wird Jahre dauern und viel Geld kosten.

Weil für derartige Funde zunächst die jeweils betroffene Kommune zuständig ist, machen sich die Verantwortlichen im Heidekreis Gedanken. Die bisherigen Untersuchungen hat das Land Niedersachsen aus einem allgemeinen Fördertopf für Altlasten gefördert. Bis 2020 hat das Land dafür im Februar eine Gesamtförderung von bis zu zwei Millionen für die Teichöffnung und die Untersuchungen des Grundwassers zugesichert.

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