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09.06.2016

13:01 Uhr

Dutzende Wirbelstürme pro Jahr

Deutschland liegt auf Europas Tornado-Allee

Ihre extrem zerstörerischen Wirbelstürme haben der „Tornado Alley“ im Mittleren Westen der USA zu trauriger Berühmtheit verholfen. Doch auch Europa hat seine Tornado-Straße, die auch durch Deutschland verläuft.

Bundesweit bilden sich pro Jahr Dutzende dieser Wirbelstürme - vor allem in der sommerlichen Gewittersaison. dpa

Tornado über Hamburg

Bundesweit bilden sich pro Jahr Dutzende dieser Wirbelstürme - vor allem in der sommerlichen Gewittersaison.

BerlinMehr als 1000 Wirbelstürme fegen Jahr für Jahr durch die berüchtigte „Tornado Alley“ im Mittleren Westen der USA. Viele davon erreichen extrem zerstörerische Kraft und hinterlassen breite Schneisen der Verwüstung. So forderte allein ein Tornado, der Anfang Mai 1999 Oklahoma und Kansas heimsuchte, mehr als 40 Menschenleben und verursachte Schäden in Höhe von 1,2 Milliarden US-Dollar.

Von solch extremen Szenarien ist Mitteleuropa bislang glücklicherweise verschont geblieben. Doch auch hierzulande existiert eine Tornado-Allee, und Deutschland ist ein Teil von ihr. Die europäische „Sturmstraße“ erstreckt sich von Südengland über Nord- und Ostdeutschland bis nach Polen. Das bedeutet nicht, dass es nicht auch in anderen Regionen des alten Kontinents zu Wirbelstürmen kommen kann, doch in diesem Streifen entstehen besonders viele der potenziell zerstörerischen Luftwirbel.

Schwierige Unwetterwarnungen

Kommunikation durch den DWD

Katastrophenschutz, Medien und Bürger sind Adressaten der Unwetterwarnungen des Deutschen Wetterdienstes (DWD). Amtliche Warnungen, die in Deutschland allein Sache des DWD seien, gingen immer an das Technische Hilfswerk, Feuerwehr-Leitstellen, das Rote Kreuz und das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, sagte DWD-Sprecher Uwe Kirsche. Außerdem seien alle Medien in Deutschland Empfänger der Warnungen

Unwetter-Newsletter

Zusätzlich erhielten rund 60 000 Empfänger die Warnungen per E-mail - diese Unwetter-Newsletter seien beispielsweise für interessierte Bürger gedacht. Seit 2011 informiere der DWD außerdem auf Facebook über drohende Gefahren - am Pfingstwochenende sei die Zahl der Facebook-Freunde um 4000 auf jetzt über 50 000 gestiegen. Im Internet bietet der DWD eine Warnseite.

Vier-Stufen-System

Gewarnt wird bis auf Landkreisebene vor gefährlichen Wettererscheinungen - etwa Hitze oder Sturm, Stark- oder Dauerregen, Schneefall, Schneeverwehungen, Glätte, Tauwetter, Nebel oder Frost. In vier Stufen wird auf Gefahren aufmerksam gemacht: Von der „Wetterwarnung“ (auf der Karte im Internet hellgelb) über die „Warnung vor markantem Wetter“ (orange) bis zur „Unwetterwarnung“ (rot) und „Warnung vor extremem Unwetter“ (dunkelviolett). Diese letzte Stufe werde nur etwa ein Dutzend Mal im Jahr ausgerufen, sagte Kirsche. Am Montagabend galt sie für Teile Nordrhein-Westfalens.

Schwierige Prognosen

In der Regel könne der DWD maximal zehn Stunden im Voraus warnen - bei kleinräumigen Gewittern aber manchmal erst 30 Minuten, bevor der erste Tropfen fällt, sagte Kirsche. Punktgenaue Gewitter-Prognosen gehören nach Aussagen der Meteorologen zu den schwierigsten Aufgaben.

Opfer sind nicht zu verhindern

Trotz ausführlicher Warnungen vor Unwettern sind aus der Sicht des DWD Opfer nicht zu verhindern. Und der volkswirtschaftliche Nutzen des Warnsystems sei schwierig zu beziffern, sagte Kirsche. „Das ist eine der schwierigsten Berechnungen überhaupt.“ Es sei unmöglich zu sagen, wie viele Menschen wegen der Warnung zu Hause geblieben sind.

Dass Deutschland zu den durch Tornados potenziell gefährdeten Ländern gehört, bestätigt auch der Deutsche Wetterdienst (DWD). Demnach bilden sich bundesweit vor allem in der sommerlichen Gewittersaison pro Jahr Dutzende dieser Wirbelstürme, davon im Durchschnitt etwa zehn mit größerer Zerstörungskraft. Vereinzelt gab es hierzulande bereits erhebliche Verwüstungen und sogar Tote.

2004 zog ein Tornado eine Schneise der Verwüstung durch Micheln und Trebbichau in Sachsen-Anhalt und beschädigte 275 Häuser, wobei elf Menschen verletzt wurden. 2006 riss ein verheerender Tornado im Süden Hamburgs drei Baukräne um und tötete zwei Menschen. Voriges Jahr traf es Bützow in Mecklenburg-Vorpommern, es gab 31 Verletzte.

Verglichen damit endete der örtliche Wirbelsturm vom Dienstagabend über dem Hamburger Osten beinahe schon glimpflich. Er deckte lediglich Dächer ab, riss Funkantennen von Häusern und warf Bäume um. Verletzte waren der Feuerwehr zufolge nicht zu beklagen.

Um sich in ähnlicher Weise wie in den USA auszutoben, fehlt es den Wirbelstürmen hierzulande schlicht am passenden Landschaftsprofil. Anders als in Nordamerika, wo die Luftmassen über riesige Flächen nahezu ohne Bodenerhebung strömen können, wirken bei uns Alpen und Mittelgebirge wie natürliche Sperrriegel.

Sie verhindern normalerweise, dass milde und feuchte Luft vom Atlantik oder aus dem Mittelmeergebiet ungehindert auf trockenere und kühle Luftmassen aus Osteuropa trifft. Die wichtigste Voraussetzung für die Entstehung von Tornados, das Aufeinandertreffen unterschiedlich warmer Luftmassen, entfällt damit üblicherweise – nur nicht entlang der europäischen Tornado-Straße, wo solche Sperrriegel fehlen.

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