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08.01.2010

07:01 Uhr

Energie

Windenergie sprengt die Stromnetze

VonKlaus Stratmann

ExklusivDer rasante Ausbau der Windkraft belastet die Netze extrem. Das Energieaufkommen bleibt für die Betreiber schwer kalkulierbar, Störungen nehmen massiv zu. Die boomende Öko-Energie sorgt zeitweise sogar für negative Strompreise. Die Politik soll nun für eine effizientere Nutzung des eingespeisten Stroms sorgen – doch die Politik tut sich mit der Umsetzung der Erkenntnisse schwer.

Stromnetze überfordert: Die von Windkraftanlagen gelieferte Energie schwankt extrem. ap

Stromnetze überfordert: Die von Windkraftanlagen gelieferte Energie schwankt extrem.

BERLIN. Die Windenergie bringt die Stromnetze an die Grenzen ihrer Belastbarkeit. Immer häufiger kommt es zu Gefährdungen oder Störungen des Netzbetriebs. Allein die Übertragungsnetz-Tochter von Vattenfall Europe meldete im vergangenen Jahr an 197 Tagen „kritische Netzsituationen“ an die Bundesnetzagentur. Im Jahr zuvor gab es 175 Tage mit kritischen Netzsituationen, 2007 waren es nach Angaben des Unternehmens 155 Tage und 2006 nur 80 Tage. Die Unternehmen sind dazu verpflichtet, Notsituationen der Bundesnetzagentur zu melden.

Auslöser der Entwicklung ist die stetig wachsende Zahl von Windrädern gerade im Nordosten Deutschlands. Dort betreibt Vattenfall Europe das Übertragungsnetz.

Das Aufkommen der Windkraft ist für Netzbetreiber nur schwer kalkulierbar. Phasen mit hohem Windstromaufkommen wechseln sich mit Flauten ab. So produzierten die Windräder etwa am zweiten Weihnachtsfeiertag mehr Strom, als benötigt wurde; Abnehmer von Windstrom bekamen 35 Euro je Megawattstunde dazubezahlt. 2009 gab es aber auch viele Tage mit Flaute.

zeitweise negative Strompreise

Der zweite Weihnachtsfeiertag war für die Windenergiebranche ein besonderer Tag. Fast alle deutschen Windräder liefen rund um die Uhr auf Hochtouren und produzierten mehr Strom als erforderlich. Der Preis für Windstrom fiel ins Bodenlose. Mehr noch: Wer Windstrom abnahm, bekam Geld dazu. Ausweislich der Daten der Leipziger Strombörse EEX wurden an jenem Tag gut 400 000 Megawattstunden (MWh) Windstrom gehandelt. Je Megawattstunde mussten die Verkäufer 35 Euro drauflegen, macht in der Summe 14 Mio. Euro.

Die Windmüller schert das allerdings nicht. Denn sie erhalten in jedem Fall die im Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) vorgesehenen festen Vergütungssätze für Windstrom und haben daher auch kein Interesse daran, die Räder abzuschalten. Tragen müssen die Kosten vielmehr die Netzbetreiber, die sie später auf die Stromverbraucher umlegen.

Die Windausbeute am zweiten Weihnachtsfeiertag ist das eine Extrem. Auf der anderen Seite gibt es aber auch Tage, an denen die Windräder deutschlandweit so gut wie keinen Strom liefern. Die Betreiber von Stromnetzen stellt diese extreme Volatilität vor große Probleme. Sie müssen in jedem Fall dafür sorgen, dass die Spannung im Netz erhalten bleibt. Da die Zahl der Windkraftanlagen stetig steigt, müssen die Netzbetreiber an Flautetagen in wachsendem Maße auf Reservekapazitäten ausweichen können, etwa auf Gaskraftwerke, die bei Bedarf rasch zugeschaltet werden und deren Betreiber sich den Strom gut bezahlen lassen.

Die Branche fordert Anreize

Längst hat auch die Windkraftbranche erkannt, dass es so nicht weitergeht. Man brauche möglichst schnell Anreize für eine Verstetigung der Einspeisung von Strom aus erneuerbaren Quellen, sagte der Präsident des Bundesverbandes Windenergie (BWE), Hermann Albers, dem Handelsblatt. "Ein Schlüssel zur Verstetigung liegt in der intelligenten Verknüpfung verschiedener erneuerbarer Energieträger und dem Einsatz von Speichern", sagte der BWE-Präsident. "Wenn sich die Betreiber von Windkraft-, Photovoltaik-, Biogas-, Wasserkraft- oder Geothermieanlagen mit Speichern zusammenschließen und sich verpflichten, den Strombedarf verlässlich und stetiger zu decken, so muss das für die Investoren im Markt finanzierbar sein. Dafür ist eine rechtliche und wirtschaftliche Grundlage notwendig", sagte Albers.

Kommentare (12)

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G. Koch

08.01.2010, 10:10 Uhr

Wie lustig:
Da sehen sich die inhaber der Leitungsmonopole in ihrem ehrenhaften bestreben, durch das Einstreichen sicherer Gewinne reich zu werden, von der Profitgier der Windenergieproduzenten bedroht - und rufen nach dem Staat, er solle bitte schnellstmöglich technisch und wirtschaftlich realisierbare Abhilfe schaffen.
Welche Rolle in dem Spiel haben denn jetzt die Netzbetreiber, wofür werden ihre Manager bezahlt?

Hofmann,M

08.01.2010, 11:09 Uhr

An die Politik!
beendet endlich die Subventionen bei den erneuerbaren Energien. Wir werden in Deutschland einen Energiepark bekommen, denn wir uns nicht mehr leisten werden können. Wenn wir so weiter machen, dann werden die Stromkosten in Deutschland expoldieren. Strom muss ein Allgemeingut bleiben und kein Luxusgut werden. Zum Schluss zahlt der Endverbraucher die Rechnung. (Subventionen,Wartungskosten der Netze,Ausfallkosten, Ersatstromkosten)

hfrik

08.01.2010, 11:12 Uhr

Nun, da wurde nun schon viele Jahre der Netzausbau komplett verschlafen, und die Politik soll wieder schuld an allem sein.
Die Zeiten den stärksten Ausbaus der Windenergie sind schon etwa 5 Jahre vorbei - wer in der schule aufgepasst hat, konnte sich damals schon ausrechnen, wann die Leitungen zu knapp sind.
Und 5 Jahre sind auch in Deutschland lange genug, eine Leitung zu beantragen und zu bauen - wenn denn der Wille da wäre.
Vermutlich kann aber ein wirklich Leistungsfähiges und weitreichendes Übertragungsnetz von den aktuellen Netzbetreibern gatrnicht gebaut werden, da ihr blickwinkel viel zu lokal ist, und jeder nur einige hundert kilometer in seinem bereich hat. Und keiner weiss, wenn er eine Leitung baut, ob der Nachbar dann auch abnehmen können wird - und der Nachbar dahinter und so weiter...
Möglicherweise muss die EU ran, en Höchstspannungsnetz zwischen Nordkap und Sizilien, zwischen Lisabon und Moskau aus dem boden zu stampfen. Dies wird aber, wie der bericht zeigt, wirklich super-dringend.
Lächerlich ist allerdings, die Schuld der Windkraft zuzuschreiben. Die wirkliche Klage heisst eher: Huch, unsere Netze aus den sechzigern und sibzigern passen 2010 nicht mehr zum Problem - liebe Politik hilf mir, ich habe die letzten 40 Jahre verpennt...

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