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27.06.2016

14:07 Uhr

Folgen des Reaktorunfalls

Radioaktiver Glasregen nach Fukushima-Havarie

VonThomas Trösch

Beim Atomunfall von Fukushima ist radioaktives Cäsium in sehr haltbarer Form freigesetzt worden: Noch im über 200 Kilometer entfernten Tokio ging radioaktiver Glasregen nieder. Die Folgen müssen Forscher neu bewerten.

Ein Satellitenfoto zeigt das Atomkraftwerk Fkushima I wenige Sekunden nach einer Explosion in Reaktor 3, aufgenommen am 14.03.2011. dpa

Kraftwerkskatastrophe von Fukushima

Ein Satellitenfoto zeigt das Atomkraftwerk Fkushima I wenige Sekunden nach einer Explosion in Reaktor 3, aufgenommen am 14.03.2011.

Der Atomunfall von Fukushima im März 2011 hat radioaktives Cäsium offenbar vor allem in Form winziger Glaskörnchen freigesetzt. Der Fallout, der nach der Katastrophe über der Umgebung des Kraftwerks, aber auch über der mehr als 200 Kilometer entfernten Hauptstadt Tokio niederging, ist in dieser Form weniger anfällig für natürlichen Abbau und bleibt somit länger in der Umwelt, wie japanische Forscher um Satoshi Utsunomiya von der Kyushu-Universität jetzt auf einer Tagung in Yokohama berichteten.

Nach dem Reaktorunfall waren seinerzeit besonders belastete Böden in der Umgebung des Kraftwerks ausgetauscht und kontaminierte Flächen mit Hochdruckreinigern gesäubert worden. Da Cäsium wasserlöslich ist, war erwartet worden, dass Regen zur „Entsorgung“ des radioaktiven Materials beitragen würden. Doch diese Annahme ist offenbar falsch, wie Utsunomiya und Kollegen belegen konnten.

Fukushima - Chronik einer Katastrophe

März 2011

Am 11. März 2011 erschüttert ein Erdbeben der Stärke 9,0 Japan und löst eine gigantische Flutwelle aus. Das Atomkraftwerk Fukushima gerät außer Kontrolle. Es gibt Explosionen, Radioaktivität wird freigesetzt. Die Reaktorkühlung fällt aus, in drei Blöcken kommt es zur teilweisen Kernschmelze. Die Regierung ruft den atomaren Notfall aus. Lebensmittel aus der Präfektur Fukushima dürfen nicht mehr verkauft werden.

April 2011

Japan stuft die Atomkatastrophe auf die höchste Stufe 7 der internationalen Bewertungsskala für nukleare Ereignisse (Ines) hoch. Eine 20-Kilometer-Evakuierungszone um die Atomruine wird Sperrgebiet.

Mai 2011

Der Chef des Kraftwerksbetreibers Tepco tritt zurück. Japans Unterhaus beschließt für den Wiederaufbau einen Extra-Haushalt. Insgesamt 130.000 Erdbebenopfer leben in Notquartieren. Alle zwei Millionen Bewohner der Katastrophenprovinz Fukushima sollen sich untersuchen lassen. Nach Meldungen, dass Arbeiter zu hohen Strahlendosen ausgesetzt sind, werden sie erst jetzt regelmäßig überprüft.

August 2011

Extrem hohe Strahlungswerte am Unglücksmeiler Fukushima schüren neue Ängste. Mit mehr als zehn Sievert pro Stunde seien die höchsten Werte seit dem Tsunami gemessen worden, teilt Tepco mit. Auch der Reis in der Region könne massenhaft verseucht sein. Auch in Rindfleisch, Gemüse, Meeresfrüchte, Milch und Teeblättern waren zu hohe Strahlungswerte entdeckt worden.

Oktober 2011

Bei einem Besuch im Katastrophengebiet sagt Bundespräsident Christian Wulff Opfern und Hinterbliebenen weitere Hilfe aus Deutschland zu. Auch sieben Monate nach Erdbeben, Tsunami und Atomunfall leben noch Tausende in Behelfswohnsiedlungen. Anfang November berichtet der Betreiber von einer neuerlichen Kernspaltung in Reaktor 2 der Atomruine von Fukushima.

Bilanz der Katastrophe

Erdbeben, Tsunami und die daraus folgende Atomkatastrophe von Fukushima kosteten im Frühjahr 2011 etwa 16.000 Menschen das Leben, 4000 gelten noch als vermisst.

Die Forscher hatten Bodenproben aus einem Umkreis von gut 200 Kilometern um das Atomkraftwerk analysiert, ebenso Proben, die wenige Tage nach der Katastrophe aus Luftfiltern in Tokio genommen worden waren. Wie sich zeigte, war der größte Teil der Cäsium-Partikel mit einer Art Schutzhülle aus geschmolzenem Siliziumdioxid (SiO2) – dem Hauptbestandteil von Quarzglas – ummantelt.

In den Luftfilter-Proben aus Tokio etwa machten diese winzigen Glaskörnchen 89 Prozent der gefundenen radioaktiven Partikel aus. Die Bodenproben aus der Umgebung von Fukushima waren ebenfalls stark mit radioaktiven Glaspartikeln belastet. Doch wie konnte es zu dieser verhängnisvollen Glasschmelze kommen?

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