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23.09.2016

15:03 Uhr

Forschung nach der Katastrophe

Fukushimas Kühe leben für die Wissenschaft

Nach der Atomkatastrophe von Fukushima mussten Bauern im verstrahlten Gebiet ihr Vieh töten. Aber längst nicht alle Züchter befolgten die Anordnung der Regierung. Jetzt haben die überlebenden Tiere eine Mission.

Die Tiere leben in einer Gegend mit einer Radioaktivität, die 15 Mal höher ist als die als sicher geltenden Werten. AP

Kühe auf verstrahltem Gebiet

Die Tiere leben in einer Gegend mit einer Radioaktivität, die 15 Mal höher ist als die als sicher geltenden Werten.

NamieIn einem verlassenen japanischen Dorf grasen Kühe auf einer saftigen Weide. Als sie in der Ferne das vertraute Geräusch eines Kleinlasters hören, beginnen sie sich zu versammeln. Sie kennen die Prozedur.

Ärzte und freiwillige Helfer in Schutzkleidung treiben die Kühe und Rinder in ein spezielles Gehege aus Aluminiumrohren. Jeweils fünf bis sechs Tiere auf einmal werden mit einem Seil festgebunden, damit sie sich nicht bewegen können und verletzt werden, wenn mit einer Nadel Blut aus ihrem Nacken entnommen wird.

Die Tiere leben nahe Fukushima, einer Gegend mit einer Radioaktivität, die 15 Mal höher ist als die als sicher geltenden Werten. Die Wissenschaftler untersuchen sie regelmäßig um herauszufinden, wie sich die Verstrahlung auf sie auswirkt.

Das Gebiet war einst ein Paradies für Landwirte. Mehr als 3500 Rinder und Kühe wurden hier neben anderem Vieh gehalten. Bis zum Jahr 2011: Nach der Atomkatastrophe im Kraftwerk Fukushima Daiichi im Zuge eines Erdbebens mit folgendem Tsunami ordnete die japanische Regierung an, den gesamten Tierbestand auf den Höfen in der verseuchten Zone zu töten.

Aber einige Bauern weigerten sich, fütterten und versorgten ihre Tiere weiter. Die Züchter hängen an ihren Tieren, behandeln sie fast wie Kinder, geben ihnen Namen. Rund 200 Kühe und Rinder sind es jetzt noch, und sie haben eine Aufgabe: Sie leben für die Wissenschaft. Die Forschung erlaubt es den Bauern, ihre geliebten Tiere am Leben zu erhalten – in der Hoffnung, dass die Zucht in dieser Gegend eines Tages wieder sicher sein wird.

Die Forscher kommen alle drei Monate in das Gebiet in einem Umkreis von 20 Kilometern vom Unglückskraftwerk, um das Vieh zu untersuchen. Es ist die erste Studie über die Auswirkungen niedriger Langzeit-Verstrahlung auf große Säugetiere.

Die gutmütigen Viecher reagieren mit einem Muhen auf die unangenehme Prozedur, doch die Ärzte arbeiten schnell. Neben Blut beschaffen sie sich auch Urinproben und prüfen, ob es geschwollene Lymphknoten oder andere Auffälligkeiten gibt. Das Ganze dauert maximal fünf Minuten pro Tier.

Namie liegt elf Kilometer vom Atomkraftwerk entfernt, wo es in drei Reaktoren zur Kernschmelze kam. Der Ort ist eine Geisterstadt, die auf Jahre hinaus unbewohnbar bleiben wird. Aber der 57-jährige Fumikazu Watanabe kommt jeden Tag, um 30 bis 40 Kühe und Rinder im Besitz von sieben Farmern zu füttern.

„Was macht das für einen Sinn, sie zu töten?“ fragt Watanabe in einem Stall, in dem einst nachts gesunde Kühe ihre Kälber versorgten. Der Boden draußen ist mit Knochen von verendeten Tieren übersäht. „Die Kühe für Forschungszwecke am Leben zu erhalten, gibt uns die Möglichkeit, unser Wissen an die nächste Generation weiterzugeben.“

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