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07.10.2011

14:56 Uhr

Frachter-Unglück

Neuseeland erleidet den nächsten Schlag

VonUrs Wälterlin

In Neuseeland droht die größte Meereskatastrophe seit Jahrzehnten. Sollte ein aufgelaufener Containerfrachter auseinanderbrechen, droht einem bislang von Menschenhand fast unberührten Naturgebiet die Zerstörung.

Der havarierte Container-Frachter „Rena“ droht auseinanderzubrechen. dapd

Der havarierte Container-Frachter „Rena“ droht auseinanderzubrechen.

SydneyDer Unfall habe das „Potenzial, zur größten Meereskatastrophe in Jahrzehnten zu werden”, warnte am Freitagnachmittag der neuseeländische Umweltminister Nick Smith. Der unter liberianischer Flagge fahrende Container-Frachter „Rena” war am Mittwoch aus noch ungeklärten Gründen in der Bucht Plenty vor der Stadt Tauranga auf ein Riff gelaufen. Beim Unfall wurde niemand verletzt. Jedoch ist dem Schiff eine unbekannte Menge Schweröl entwichen. Behörden meldeten, mehrere dutzend Seevögel seien tot aufgefunden worden. Die Regierung hat Kräfte mobilisiert, um einen fünf Kilometer langen Ölteppich vor der Küste mit Hilfe von Chemikalien aufzulösen. Es müsse mit allen Mitteln verhindert werden, dass der Treibstoff an die Küste gespült werde.

Bedeutende Touristenattraktion

Die Bucht Plenty ist eine der bedeutendsten Touristenattraktionen Neuseelands. Hunderttausende von Besuchern aus aller Welt kommen pro Jahr in die Gegend, die als eines der wichtigsten Lebensgebiete für eine Vielzahl von Tier- und Pflanzenarten im Pazifik gilt. In den kristallklaren, kühlen Gewässern vor Tauranga berichten Taucher über Sichtungen von Walen, verschiedenen Haiarten, Meereschildkröten und Seelöwen. Doch mit solch spektakulären Erlebnissen könnte schon bald Schluss sein, fürchteten am Freitag Experten und Vertreter der Regierung. „Die Situation verschlechtert sich”, meinte Transportminister Stephen Joyce gegenüber der Tageszeitung „New Zealand Herald”.

Er sei informiert worden, das 47.000-Tonnen-Frachtschiff könnte als Folge der Schieflage auseinanderbrechen und sinken. Dabei bestehe die Gefahr, dass bis zu 1700 Tonnen Schweröl ins Meer gelangen. Am Freitag sollte ein niederländischer Experte in Neuseeland eintreffen, der die Möglichkeit des Absaugens des Öls prüfen wird. Die Umweltorganisation WWF hat inzwischen ein Verbot von Schwerölen in der Schifffahrt gefordert. „Schweröl muss weg. Das ist eigentlich Sondermüll, mit dem die Schiffe da betrieben werden. An Land dürfte kein Fahrzeug mit sowas herumfahren“, meinte WWF-Meeresschutzexperte Stephan Lutter gegenüber der Nachrichtenagentur dpa. Schweröl sei besonders zäh und giftig.

Weiterer Schlag

Die Katastrophe ist nach den drei tödlichen Erdbeben im Verlauf der letzten 12 Monate ein weiterer, harter Schlag für die Nation mit nur 4,4 Millionen Einwohnern. Wegen der weltweiten Schlagzeilen, die dem Unfall folgten, dürfte der Vorfall selbst dann weitreichende wirtschaftliche Konsequenzen haben, wenn das Schiff nicht auseinander bricht. Der volkswirtschaftlich entscheidende Tourismus lebt buchstäblich vom Ruf Neuseelands, „grün und sauber” zu sein. Gleichzeitig könnte der Vorfall Pläne der Regierung von Premier John Key erschweren, vor der neuseeländischen Küste Probebohrungen für die Suche nach Erdöl und -gas durchzusetzen. Die konservative Regierung will mehrere Rohstoffprojekte lancieren, um die mehrheitlich von Tourismus und Agrarproduktion lebende Wirtschaft breiter abzustützen.

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