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10.03.2012

15:00 Uhr

Fukushima

Leben mit der Strahlung

VonMartin Kölling

Zerrissen zwischen Angst und Lebensmut – in den Dörfern und Städten um das AKW Fukushima 1 hat ein neuer Alltag begonnen. Der Staat, dem viele Bürger misstrauen, spielt dabei keine Rolle.

Der Anfang der nuklearen Katastrophe: Explosion im havarierten Atomkraftwerk Fukushima 1 am 12. März 2011. dpa

Der Anfang der nuklearen Katastrophe: Explosion im havarierten Atomkraftwerk Fukushima 1 am 12. März 2011.

Minami-SomaKalter Wind pfeift über den kahlen Baseball-Platz sechs Kilometer nördlich der Sperrzone um die Atomruinen von Fukushima. Im Hintergrund räumen einige Rentner Trümmer des Tsunamis beiseite, der vor einem Jahr die Küste der Kleinstadt Minami-Soma verwüstet hat. Auf dem Platz trainieren Mittelschüler begeistert für die kommende Baseball-Saison: Rumpfbeugen, kurze Sprints, Bälle werfen. „Wir können sie ja nicht aus Angst vor Strahlung für immer im Haus festhalten, dann ersticken sie ja“, sagt ihr Coach Kiyokatsu Yasuda, im Hauptberuf Chef des Postamts Fukuta in der Stadt Soma.

Auch an der Grenze zur Evakuierungszone, die die Regierung in 20-Kilometer-Umkreis mit dem Zirkel um das havarierte Atomkraftwerk Fukushima 1 geschlagen hat, herrscht Routine. Täglich passieren 300 bis 400 Autos den Checkpoint der Polizei. Arbeiter fahren zum Aufräumen in die Zone. Anwohner besuchen mit einer Sondergenehmigung die Gräber ihrer Ahnen. Und auf den Balkonen der Häuser trocknen die Menschen ihre Wäsche im Winterwind.

Minami-Soma ist eine Art Testlabor für eine neue Normalität, das Leben mit der Strahlung. Am 11. März 2011 verloren hier nicht nur tausende Familien ihre Häuser durch einen Riesen-Tsunami, den ein Beben der Stärke 9 auf der Richter-Skala ausgelöst hatte. Viele verloren am nächsten Tag durch den Atomunfall auch ihre Heimat.

Der Süden und Westen der Gemeinde liegen in der permanenten Evakuierungszone, das Zentrum hingegen in einem zehn Kilometer breiten Streifen, der im Mai 2011 geräumt wurde. Erst Ende September durften die Bewohner in den äußeren Ring zurückkehren. Ihre Reaktionen sind typisch für den Umgang mit der Strahlung.

Wer Angst vor der Radioaktivität hat, ist gar nicht wieder gekommen. Doch zwei Drittel der ehemals 70.000 Einwohner haben sich entschieden, bewusst mit dem Risiko zu leben. Und diese Menschen sind inzwischen im Schnelldurchlauf zu Strahlenschutzexperten geworden.

Das Rentnerehepaar Matsumoto zum Beispiel aus der Evakuierungszone. Sie sitzen sie im Gemeinschaftsraum einer der 27 Containersiedlungen Minami-Somas. Im Hintergrund walkt ein Massagesessel eine alte Frau durch. Kinder springen in den Raum, der einzigen Wärmeinsel der Siedlung. Nur hier bullert die Klimaanlage auf vollen Touren. Die schlecht gebauten Notunterkünfte lassen sich kaum heizen.

Kommentare (6)

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konrad

10.03.2012, 18:26 Uhr

Wir alle leben mit der Strahlung. Immer, überall. Ohne Strahlung kein Leben. Die natürliche Strahlung ist an vielen Stellen, auch bei uns, höher als in Fukujima.
Insofern ist dieser Beitrag nur einer in einer langen Reihe von Panikartikeln um den unnötigen Ausstieg aus der Kernkraft in Deutschland zu rechtfertigen.
Leider fallen die nicht informierten Bürger auf diesen Schwachsinn genauso herein wie auf die nicht stattgefundene Pandemie durch die Schweinepest. Auch die fand nur in der Presse statt.

Andreas

11.03.2012, 18:33 Uhr

• Man muß schon ordentlich technikverliebt sein, um den Schaden ignorieren zu können, den die Nuklear"technologie" mit sich bringt. Und so behaupten Technokraten immer wieder, daß wir diese Technik beherrschen.
Allerdings beherrschen wir absolut gar nichts, so lange wir uns nicht beherrschen. So lange wir aber Lösungen für unser Leben in der Technologie suchen, sind wir meilenweit von einer Begegnung mit uns und mit dem Leben selbst entfernt.
Und dann schreiben wir dank unserer Verankerung in der Bildung der Mode, aus Unwissenheit heraus Kommentare wie Konrad, die übrigens auch belegen, wie wenig wir im engen und im weiteren Sinne zu fühlen, mitzufühlen noch im Stande sind.
Wie war das noch mal mit dem "Endlager"? Richtig, ein Transfer des Dasasters an unsere Kinder, damit wir uns heute noch dem Komfort hingeben können. Und wir sind ja so gut informiert. Unsere Kinder werden schon Wege finden, mit unserem Müll klarzukommen. Und unsere Technikverliebtheit werden sie leicht verstehen. Denn wir gehen als die unmündige Generation in die Gescheichte ein.

Atomenergie? Nein danke!

SteuerKlasseEins

12.03.2012, 10:45 Uhr

Strahlung nach einem radioaktiven Austritt bei einem AKW ist vergleichbar mit Chemieunfällen. Es gibt keinen Grund hysterisch darauf zu reagieren und so zu tun, als ob Strahlung/Radioaktive Partikel so viel gefährlicher wären. Chemikalien sind auch krebserregend, Kohlekraftwerke pusten auch radioaktive Partikel in die Luft - die überzogene Angst vor AKW ist nicht gerechtfertigt und ist, bei genauerem Hinsehen, reine Technikfeindlichkeit.

Was auch aufstößt, ist die Doppelmoral der Umweltorganisationen: Währen ihnen bei allen anderen Dingen das Schicksal der Bevölkerung eigentlich egal ist, und es nur um den Schutz der Bäume und Tiere geht, macht man bei Atomkraft auf einmal eine Ausnahme und es geht auf einmal um die "Sicherheit" - und das von "Umwelt"-Organisationen ist schon seltsam.

Die Doppelmoral geht auch soweit, daß man an diesem Wochenende in Deutschland praktisch nur der "Atomkatastrophe" gedacht hat, die 0 Tote verursachte. Wer denkt an die über zehntausend Toten des Erdbebens? Niemand, diese Toten waren "natürlich" - willkommen in der grünen Doppelmoral!

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