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28.04.2011

00:00 Uhr

Gastkommentar

Versteckte Kosten beim Umstieg auf erneuerbare Energien

VonMarcel Keiffenheim

Der Umstieg auf alternative Energien wird nicht billig. Aber wer sich an alte Rezepte klammert, zahlt drauf.

Die Energiewende kostet Geld. Atomkraft und perspektivisch auch Kohlestrom durch erneuerbare Energien zu ersetzen, das geht nicht zum Nulltarif. Kaum ein Experte zweifelt daran - auch nicht die neue Greenpeace-Energy-Studie "Was Strom wirklich kostet". Gleichwohl erschien in dieser Zeitung ein Gastkommentar, der Greenpeace die gegenteilige Aussage unterstellt - um diese Unterstellung anschließend mit großem argumentativem Aufwand als unseriös zu brandmarken ("Greenpeace rechnet falsch", HB vom 21. April).

Allerdings geht der Kommentar am Inhalt der Studie völlig vorbei. Der Autor verpasst auf diese Weise die wesentliche Konsequenz, mit der die Studie die aktuelle Debatte bereichert: Zwar wird der Umstieg auf erneuerbare Energien nicht billig. Doch die Alternative - ein Weiter-so-wie-bisher mit Kohle und Atom - wäre deutlich teurer. Wer mit billigem Atom- und Kohlestrom rechnet, betrachtet meist allein die Preise an der Strombörse oder die Produktionskosten der Kraftwerke. Die Studie lenkt den Blick jedoch auf die gesamtgesellschaftlichen Kosten der Stromproduktion.

Die Berechnungen des renommierten Forums Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft (FÖS) ergaben: 2010 kostete die Kilowattstunde Braun- oder Steinkohlestrom 12,1 Cent und Atomstrom sogar 12,8 Cent. Die Kosten für Windstrom lagen hingegen bei 7,6 Cent und für Wasserstrom bei 6,5 Cent. Mit anderen Worten: Atomstrom war in Wirklichkeit doppelt so teuer wie Wasserkraft und zwei Drittel teurer als Windenergie. Insbesondere die konventionellen Energien haben erhebliche versteckte Kosten: nicht internalisierte externe Kosten, unter anderem Klimaschäden, die in Strompreisen nicht berücksichtigt sind, sowie staatliche Förderungen für Energieträger, die wir in Form von Steuergeldern bezahlen. So profitierte zwischen 1970 und 2010 die Atomkraft von 186 Milliarden Euro staatlicher Förderung, Steinkohle von 165 und Braunkohle von 57 Milliarden Euro. Allen erneuerbaren Energien zusammen kamen in dem Zeitraum 28 Milliarden Euro zugute.

Natürlich flossen in die Kilowattpreise nur die Werte des Jahres 2010 ein und nicht die Gesamtförderungen über Jahrzehnte. Bedeutsam für die aktuelle Debatte sind die historischen Fördersummen gleichwohl. Machen sie doch deutlich, dass nicht nur erneuerbare Energien eine Anschubfinanzierung benötigten. Ein Unterschied aber bleibt: Während durch die Erneuerbaren praktisch keine Folgekosten entstehen, werden wir für die Konventionellen wegen der Klimaschäden und Atommüllberge auch dann noch viele, viele Jahre zahlen müssen.

Der Autor ist Leiter Energiepolitik, Greenpeace Energy eG .

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