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13.08.2011

09:10 Uhr

Gift aus dem Eis

Das dreckige Dutzend kehrt zurück

Quelle:Spektrum.de

Das „dreckige Dutzend“ der Chemie hat im ewigen Eis der Pole und Gebirgsgletscher sein Produktionsverbot überdauert. Nun setzt die Erderwärmung es wieder frei – und Gifte wie DDT kehren in die Nahrungskette zurück.

Der Arktische Ozean hat sich von einer Senke zu einer Quelle für chlororganische Schadstoffe entwickelt. Quelle: dpa

Der Arktische Ozean hat sich von einer Senke zu einer Quelle für chlororganische Schadstoffe entwickelt.

HeidelbergMehr als 40 Jahre lang versprühten Bauern, Forstwirte und Seuchenbekämpfer raue Mengen DDT, um Schwarmspinner, Borkenkäfer oder Malariamücken in Schach zu halten: Mehr als 1,8 Millionen Tonnen des Insektengifts landeten weltweit auf Äckern, Wäldern und Sümpfen – und einiges davon auch in der Nahrungskette, wo sich das Dichlordiphenyltrichlorethan verhängnisvoll anreicherte. Es gelangte in die Muttermilch und führte bei vielen Vogelarten zu drastischen Bestandseinbrüchen, weshalb das Mittel ab 1970 nach und nach in immer mehr Staaten verboten wurde.

Heute beschränkt sich sein Gebrauch auf eine überschaubare Menge in 15 Ländern, wo es Krankheitsüberträger zurückdrängen soll – ansonsten steht DDT auf dem Index der Stockholmer Konvention: Zusammen mit elf weiteren langlebigen chlororganischen Verbindungen, den POP (persistent organic pollutants) wurde das Pestizid 2004 endgültig verboten.

Doch mit dem Bann der auch als „dreckiges Dutzend“ bezeichneten Chemikalien verschwanden die Stoffe noch lange nicht aus der Umwelt – im Gegenteil: Nach Jahren des Rückgangs messen Forscher nun wieder steigende Konzentrationen verschiedener POP in der Umwelt, darunter auch von DDT. „Die Rückstände von POP im Sediment des Oberaarsees in der Schweiz sind seit Mitte 1990er Jahren deutlich angestiegen. Und das gleiche Phänomen haben wir im Steinsee beobachtet“, sagt zum Beispiel Christian Bogdal von der ETH Zürich.

Der kanadische Forscher Jianmin Ma von der Behörde Environment Canada in Toronto bestätigt diesen Trend für das Nordpolarmeer: „Der Arktische Ozean hat sich von einer Senke zu einer Quelle für bestimmte chlororganische Schadstoffe entwickelt. Diese Chemikalien zirkulieren nun erneut frei durch die Arktis und könnten auch wieder in niedrigere Breiten gelangen.“ Ähnliche Beobachtungen machten Wissenschaftler zudem im Pazifik und auf der Antarktischen Halbinsel.

Von der Senke zur Quelle

All diese Gebiete galten bislang als Senken für DDT und Co: Wind und Wasser hatten sie von ihren Einsatzgebieten in Europa, Ostasien oder Nordamerika herangetragen und auf dem Meer- und Gletschereis der Polarregionen und Gebirge abgelagert. Dort überdauerten sie die folgenden Jahrzehnte nahezu unverändert, erklärt Ma: „Die niedrigen Temperaturen und der Mangel an Sonnenlicht verhinderten weit gehend, dass sich die Verbindungen um- oder sogar abbauten.“ Stattdessen konzentrierten sie sich im Eis, während in vielen anderen Weltregionen ihre Bedeutung langsam abnahm.

Nun kehrt sich der Trend allerdings um, und aus den Senken werden Quellen. „Die Erwärmung der Arktis hat die erneute Freisetzung der POP angestoßen“, verweist der kanadische Wissenschaftler auf den Schuldigen. Zusammen mit seinen Kollegen hat er langzeitige Messreihen von der Zeppelin-Forschungsbasis auf Spitzbergen und der Alert Station in der kanadischen Arktis ausgewertet, deren Sprache eindeutig ist: Seit den 1990er Jahren zeigen die atmosphärischen POP-Konzentrationen in der Region wieder einen Aufwärtstrend – parallel zu den steigenden Durchschnittstemperaturen vor Ort.

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