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18.05.2016

11:06 Uhr

Glyphosat

Letzte Runde im Kampf um das Unkrautgift

VonKonrad Fischer, Katharina Matheis
Quelle:WirtschaftsWoche Online

Kein Pflanzengift wird häufiger eingesetzt als Glyphosat. Doch nun könnte die EU es verbieten. Ganze Branchen gerieten im Falle eines solchen Verbots durcheinander. Über die Macht des Glyphosats.

Chemie: Glyphosat wird häufiger eingesetzt als jedes andere Pflanzengift. dpa - picture-alliance

Chemie

Glyphosat wird häufiger eingesetzt als jedes andere Pflanzengift.

Mit seinem roten VW-Bus fährt Heinrich-Wyrich Adolphi quer über den Acker. Mitten auf dem Feld stoppt der 58-jährige Landwirt das Fahrzeug und steigt aus. „Ja, hier ist es besonders schlimm!“ Aus dem Boden ragen viele kleine, hellgrüne Halme wenige Zentimeter über die Oberfläche. Adolphi geht in die Hocke und zerrt an einem der Pflänzchen – so lange, bis er eine 40 Zentimeter lange Wurzel in der Hand hält. Er streckt seinen Arm, das gesamte Geflecht ist so lang wie sein Oberkörper. Aus dem feuchten Erdklumpen windet sich ein Regenwurm in Richtung Himmel.

„Das ist das schlimmste Kraut, das wir hier auf dem Acker haben können: die Quecke“, sagt Adolphi. Die Quecke wächst schnell und wird in einigen Monaten so groß sein wie das Getreide, das hier dann eigentlich stehen soll. Wenn Adolphi die Quecke mit Maschinen mäht, verschlimmert er das Problem. Denn aus jedem Stück Queckenwurzel entsteht eine neue Pflanze. Es ist ein Teufelskreis. Das Einzige, was das Unkraut komplett vernichtet: Glyphosat.

So bringen die kleinen Grashalme den Landwirt in eine Bredouille. Adolphi möchte im Prinzip gerne auf Glyphosat verzichten. „Glyphosat hat meiner Meinung nach nichts auf den Feldern zu suchen. Doch als Spezialmittel für bestimmte Situationen kann ich darauf noch nicht verzichten“, sagt er.

Glyphosat - Wie gefährlich ist das Pflanzengift?

Was ist Glyphosat?

Glyphosat ist ein chemischer Wirkstoff in Pflanzenschutzmitteln (Pestiziden) und dient der Unkrautvernichtung. Glyphosat kommt weltweit zum Einsatz und wird unter verschiedenen Namen von verschiedenen Firmen vermarktet. Der US-Konzern Monsanto hat Glyphosat in den 70er Jahren zum Pestizid entwickelt.

Warum wird das Mittel so großflächig eingesetzt?

In Europa wird das Mittel beim Anbau von Getreide, Raps, Wein, Oliven und Zitrusfrüchten angewandt, vor allem nach der Ernte. In Deutschland etwa werden 87 Prozent aller Rapsanbauflächen nach der Ernte mit Glyphosat behandelt. Das spart nach Angaben der Hersteller Zeit, Energie und Kosten, weil ein Acker oft nicht mehr umgepflügt werden muss. Ohne das Mittel würden sich die Ernteerträge einiger Pflanzen in Deutschland um fünf bis 40 Prozent verringern, erklärt die Arbeitsgemeinschaft Glyphosat.

Warum gibt es Streit?

Der Streit dreht sich um vor allem um mögliche Gesundheitsgefahren des Mittels. Strittig sind nicht nur die Ergebnisse verschiedener Berichte und Studien, sondern die wissenschaftliche Herangehensweise insgesamt, zum Beispiel wann eine Studie glaubwürdig ist.

Welche möglichen Gefahren sind benannt worden?

Bedenken äußerte im März die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC): Glyphosat sei „wahrscheinlich krebserzeugend bei Menschen“, erklärte die zur Weltgesundheitsorganisation gehörende IARC.

Zu welcher Erkenntnis kommen die Behörden in Deutschland und der EU?

Aufsichtsbehörden in Deutschland und der EU kamen zu dem Schluss, dass Glyphosat keine Gefahr für die Gesundheit von Menschen darstellt. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) gab der EU-Kommission deshalb grünes Licht für eine erneute Zulassung von Glyphosat. Über den entsprechenden Vorschlag der Kommission werden die EU-Mitgliedstaaten nun abstimmen.

Wie kann es zu solch unterschiedlichen Einschätzungen kommen?

Darüber gibt es nur Spekulationen. Immer wieder wird behauptet, die Efsa fälle ihre Entscheidungen nicht völlig unabhängig von Industrieinteressen. Im Fall von Glyphosat fehlt dafür aber ein Nachweis.

Warum ist die Abstimmung in Brüssel geheim?

Die Entscheidung fällt in einem Fachausschusses, in dem Vertreter der EU-Mitgliedstaaten sitzen, in einem sogenannten Komitologie-Verfahren. Diese Verfahren finden immer unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Stimmt eine qualifizierte Mehrheit der Mitgliedstaaten für die Verlängerung der Zulassung von Glyphosat, ist sie beschlossen. Ist eine qualifizierte Mehrheit dagegen, darf die EU-Kommission eigenständig entscheiden, was passiert.

Eine qualifizierte Mehrheit heißt, dass über einen Verteilerschlüssel der Bevölkerungszahl der einzelnen Mitgliedstaaten Rechnung getragen wird. Deutschlands Stimme wird also viel mehr wiegen als die Stimme Maltas.

Wie wird Deutschland abstimmen?

Das ist noch nicht klar. Der Bundestag lehnte erst vor wenigen Tagen mit großer Mehrheit einen Antrag der Grünen ab, Glyphosat zu verbieten. Und Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) hat sich dafür ausgesprochen, Glyphosat in der Landwirtschaft weiter zu verwenden. Aber aus diplomatischen Kreisen in Brüssel war bis kurz vor der Abstimmung nicht zu erfahren, wie die Position der Bundesregierung letztlich sein wird.

Seine Grübeleien wären womöglich vernachlässigenswert, würden sich nicht woanders, jenseits von Äckern und Wiesen, sehr viele andere Menschen ähnliche Gedanken machen. Gedanken, die dazu führen könnten, dass Adolphis Grübeleien bald ein Ende haben – nicht weil er eine Lösung gefunden, sondern weil der Gesetzgeber ihm eine vorgeschrieben hätte.

In der Politik ist umstritten, wie es mit dem Glyphosat weitergehen soll. Zuletzt brach in der großen Koalition ein offener Streit um das Unkrautgift aus. Regierungssprecher Steffen Seibert sagte am Freitag in Berlin: „Es ist offenbar, dass es derzeit keine einheitliche Position in der Bundesregierung zu diesem Thema gibt.“

In dieser Woche will die EU-Kommission entscheiden, ob sie die Zulassung des Pflanzengifts Glyphosat verlängert. Ganze Branchen ständen vor Umbrüchen: Bauern müssten mit dem Unkraut fertig werden, Chemiekonzerne sich neue Geschäftsfelder suchen, und Hersteller von Landmaschinen könnten auf neue, große Einnahmequellen hoffen.

Von Anfang an eine Erfolgsgeschichte

Dieser Hebel ist so kräftig, weil Glyphosat in seinem Markt einen Stellenwert erreicht hat, wie ihn nur wenige Produkte erreichen. In Deutschland werden rund ein Drittel der Ackerfläche und unzählige öffentliche Flächen damit behandelt. Für die wichtigste Anwendung, den „Nachauflauf“, wenn die Saat noch im Boden ist, das Unkraut aber bereits sprießt, ist Glyphosat gar Monopolist. Marktführer Monsanto vertreibt den Wirkstoff unter dem Namen „Roundup“, insgesamt stellen über 90 Chemieunternehmen den Wirkstoff her.

Glyphosat, 1973 von Monsanto erfunden, war von Anfang an eine Erfolgsgeschichte. Unschlagbar billig, wirksamer als alle Konkurrenten, zudem schnell abbaubar und damit ungefährlicher für das Grundwasser als die Konkurrenz. Kein Wunder, dass die EU zögert, wie nun mit dem Stoff zu verfahren ist. Im Juni läuft die Genehmigung für Glyphosat aus. Entscheidet die EU nichts, endet die Ära Glyphosat also von selbst.

Zur Auswahl stehen den Beamten zwei konkurrierende Untergangsszenarien, von Chemielobbyisten auf der einen und NGOs auf der anderen Seite gleichermaßen laut beschrien. Die breite Phalanx der Gegner schreibt dem Mittel massive gesundheitliche Nebenwirkungen zu. Auf der anderen Seite stehen Chemieindustrie und Landwirte. Sie warnen: Alle Alternativen sind deutlich schädlicher. Und ein Verzicht auf das Herbizid würde Landwirtschaft unmöglich machen.

Die Weltgesundheitsorganisation findet: Glyphosat sei „wahrscheinlich krebserregend“. Demgegenüber steht die Einschätzung des Bundesinstituts für Risikobewertung und der europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit: „nicht“ beziehungsweise „wahrscheinlich nicht“ krebserregend. Die Frage der Schädlichkeit ist kaum in einem Satz zu beurteilen. Und obwohl diese Frage die öffentliche Debatte beherrscht, ist sie eigentlich nebensächlich: Solange nicht ausgeschlossen werden kann, dass Glyphosat zu Krebserkrankungen führt, sollte man auf Alternativen ausweichen – falls es sie gibt.

Genau in diesem Zwiespalt liegt deshalb die wirklich heikle Frage: Welchen Preis müssen Industrie, Landwirtschaft und Verbraucher bezahlen, wenn Glyphosat verboten wird?

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