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04.02.2008

11:43 Uhr

Heizkosten senken

Revolution per Reflexion

VonDietrich von Richthofen

Eine preiswerte Erfindung soll den milliardenschweren Markt für Dämmstoffe revolutionieren: Mit einem simplen Trick will der Berliner Architekt Christoph Schwan die Heizkosten senken. Anstatt Häuser wie bisher dick einzupacken, setzt der Berliner Architekt auf das wärmende Prinzip der Thermoskanne.

Klassische Dämmmaterialien könnten schon bald Konkurrenz bekommen. Foto: dpa

Klassische Dämmmaterialien könnten schon bald Konkurrenz bekommen. Foto: dpa

HB. Eine undichte Thermoskanne brachte Christoph Schwan auf die Idee. „Die Gummidichtung war kaputt“, erinnert sich der Berliner Architekt. Also schraubte er das Billigteil auf: „Nichts zu retten.“ Doch das Innenleben der Kanne regte seine Fantasie an: „Das isolierende Prinzip müsste doch auch in der Bautechnik umsetzbar sein“, fand Schwan und grübelte. Er fing an, Ziegelsteine mit Alufolie zu bekleben, telefonierte mit Physikprofessoren, klemmte sich hinter Fachbücher mit Strahlungsgesetzen. Und kurz darauf stand er in München im Patentamt.

Auf Schwans Zeichentisch, zwischen Skizzen, Notizen und Aktenordnern, liegt das, was er in München aus der Tasche zog: Eine porös wirkende Betonplatte, etwa zwei Zentimeter dick. Dreht man sie herum, kommt der Clou: Da ist sie mit robuster Aluminiumfolie beschichtet – eine Art Thermoskachel. Zugegeben: Spektakulär wirkt das geriffelte Teil nicht. Doch der 69-Jährige, der da in seiner Charlottenburger Altbauwohnung sitzt, ist stolz auf den Effekt: „Wer sein Haus mit solchen Kacheln verkleidet, kann einen erheblichen Teil seiner Heizkosten sparen.“

Zur Beruhigung: Das eingekleidete Haus sieht nicht aus wie eine Diskokugel. Die Alufolie weist nach innen, um die Strahlungswärme des Hauses zurückzuwerfen. „Ich war überrascht, dass niemand vor mir auf diese einfache Idee gekommen ist“, frohlockt Schwan. Erste Aufträge hat er: Ein Einfamilienhaus in Niederbayern, ein Berliner Mietshaus und mehrere Plattenbauten in Leipzig sollen die Thermosfassade bekommen.

Mit seiner Erfindung zielt der Architekt in einen milliardenschweren Markt: Jährlich werden rund 30 Millionen Quadratmeter Fassadenfläche verkleidet – meist wird das Haus dick eingepackt mit Mineralwolle oder Polystyrol. Mit seinen schlanken Kacheln geht Schwan auf offenen Konfrontationskurs. Der traditionellen Lehrmeinung der Bauphysik begegnet Schwan mit Skepsis. Seine preiswerte Lösung sei den klassischen Dämmsystemen „haushoch überlegen“, sagt er angriffslustig – und piesackt mit solchen Äußerungen die Etablierten. „Klassische Verbundsysteme sperren die Sonnenenergie und die Strahlungsenergie der Umgebung aus“, moniert Schwan. Wenn er gegen die Branchengrößen wettert, klingt es, als seien die Baunormen aus der Energiesparverordnung eine einzige Verschwörung von Dämmstoffindustrie und Gesetzgeber.

Andere Experten haben keine prinzipiellen Zweifel an der Wirkung klassischer Dämmstoffe. Norbert König vom Fraunhofer-Institut für Bauphysik sieht Schwan in der Beweispflicht: „Nur Langzeitstudien können zeigen, welche Energieeinsparung die Thermosfassade tatsächlich bringt“, urteilt der Bauphysiker. Doch Schwan lässt sich nicht beirren: Er begleitet seine Aufträge mit Messungen und vertraut darauf, dass sich eine gute Idee letztlich durchsetzt. „Wenn mich die anderen für einen Spinner halten, ist mir das wurscht“, sagt Schwan. Die alte Thermoskanne hat er noch.

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