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05.12.2011

15:46 Uhr

Japan

Radioaktiv verseuchtes Wasser läuft in Pazifik

Aus dem schwer beschädigten Atomkraftwerk Fukushima Daichi ist erneut radioaktiv belastetes Wasser ausgetreten. Etwa 300 Liter verseuchtes Wasser strömten in den Pazifik.

Atomruine Fukushima Daiichi. Aus dem zerstörten AKW läuft erneut radioaktiv verseuchtes Wasser in den Pazifik. dpa

Atomruine Fukushima Daiichi. Aus dem zerstörten AKW läuft erneut radioaktiv verseuchtes Wasser in den Pazifik.

TokioNahe einer Aufbereitungsanlage für kontaminiertes Wasser seien etwa 45 Tonnen ausgelaufen, teilte die Akw-Betreibergesellschaft Tepco am Montag mit. Arbeiter versuchten nun, die Ursache für das Leck herauszufinden. Sandsäcke sollen zudem ein weiteres Auslaufen ins Meer verhindern. Laut Tepco blieb das meiste verseuchte Wasser zwar innerhalb des Gebäudes, etwa 300 Liter seien aber in den Pazifik geströmt.

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Das Wasser ist den Angaben zufolge mit den radioaktiven Substanzen Cäsium 137 und Jod 131 durchsetzt und könnte zudem weitere gefährliche Materialien wie Strontium enthalten, das Knochenkrebs verursachen kann. Tepco hatte bereits in den Wochen nach dem Erdbeben und Tsunami vom März, wodurch das Akw schwer beschädigt worden war, 10.000 Tonnen leicht verseuchtes Wassers in den Pazifik abgelassen. Amtlichen Untersuchungen zufolge löste sich die Radioaktivität weitgehend im Meer auf und stellte keine Gefahr für Menschen und Tiere dar.

Was man zur Strahlenmessung wissen sollte

Welche Folgen hat Strahlung für die Gesundheit?

In sehr kleinen Dosen ist radioaktive Strahlung erlaubt. In Deutschland liegt zum Beispiel der zulässige Grenzwert für Menschen wie Mediziner, die beruflich bedingt damit zu tun haben, bei 20 Millisievert pro Jahr. Als Strahlenunfall bezeichnet das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) eine Dosis von mehr als 50 Millisievert.

Für einen Bereich von 1 bis sechs Sievert werden als Folgen Erbrechen, Fieber oder Haarausfall genannt. 1 Sievert entspricht 1000 Millisievert. Bei fünf bis 20 Sievert ist laut BfS unter anderem mit Blutungen zu rechnen. Nur im unteren Dosisbereich kann man demnach überleben. Bei mehr als 20 Sievert tritt der Tod binnen zwei Tagen ein.

Warum sind Jod, Cäsium oder Plutonium unterschiedlich gefährlich?

Das liegt unter anderem an der unterschiedlichen Halbwertszeit. Das ist die Zeit, nach der die Hälfte der radioaktiven Teilchen zerfallen ist. Bei dem in Japan ausgetretenen Jod betrage sie acht Tage, erklärte Atkinson. Gemäß einer wissenschaftlichen Norm gelte die Radioaktivität dabei nach 80 Tagen als abgeklungen. Bei Cäsium, das in Japan ebenfalls nachgewiesen wurde, dauert das je nach Isotop-Form 300 Jahre. Und beim Plutonium etwa aus den Mischoxid-Brennelementen (MOX) im Reaktor drei des havarierten AKW sind es mehrere tausend Jahre.

Warum sind die gemessenen Strahlungswerte so unterschiedlich?

Es wird nur punktuell gemessen. Daher können die Werte nie für eine ganze Region stehen, erläuterte der Leiter des Instituts für Strahlenbiologie am Helmholtz-Zentrum München, Professor Michael
Atkinson. „Sie können Hot Spots treffen, wo es zum Beispiel geregnet hat. Oder Sie messen im Schatten eines Gebäudes deutlich weniger.“ Dabei gebe es weder ein Richtig noch ein Falsch - „die Methode ist nun einmal so“. Eine Variante sei, immer an denselben Orten über mehrere Tage hinweg zu messen, um wenigstens den Verlauf verfolgen zu können.

Die biologische Wirkung der radioaktiven Strahlen wird in Sievert gemessen. Grenzwerte beziehen sich oft auf ein Jahr, die Messwerte in Japan werden oft pro Stunde angegeben. Lässt sich das umrechnen? Einige Experten sind der Meinung, dass dieselbe Strahlendosis verteilt über einen längeren Zeitraum weniger gefährlich ist. „Ich halte davon nichts, weil das Risiko kumulativ ist, sich also ansammelt“, sagte Atkinson. Beispielhaft könne man rechnen: Wer einen Tag lang einer Strahlung von 100 Mikrosievert pro Stunde ausgesetzt ist, bekommt insgesamt 2400 Mikrosievert oder 2,4 Millisievert ab. Das entspricht in etwa der natürlichen Hintergrundstrahlung in Deutschland im Jahr - zum Beispiel aufgrund radioaktiver Substanzen im Boden. Zwischen der Wirkung in beiden Fällen gebe es keinen Unterschied, sagte Atkinson.

Wie kommt Radioaktivität in Wasser und Lebensmittel?

Radioaktive Elemente wie Jod 131 oder Cäsium 137 sind zum Beispiel an feine Staubteilchen gebunden. Mit dem Regen gelangen die radioaktiven Stoffe nach der Freisetzung bei einem Atomunfall wieder auf die Erde - in den Boden, in Stauseen für Trinkwasser oder in Kläranlagen. „Radioaktives Cäsium 137 ähnelt, chemisch gesehen, dem Element Kalium“, erklärt Michael Welling, Sprecher des Johann Heinrich von Thünen-Instituts in Braunschweig. „Über den Boden und die Wurzeln gelangt daher auch Cäsium 137 in den Stoffwechsel der Zelle. Und von dort aus auch in eine Kuh, die auf der Weide frisst. Und über die Milch schließlich in den Menschen.“ Auch wenn der Mensch Gemüse direkt verzehrt, nimmt er die darin enthaltenen radioaktiven Stoffe auf.

Was bedeuten die Einheiten Becquerel und Sievert?

Becquerel beschreibt die Aktivität einer radioaktiven Substanz. Wenn in einem Stoff pro Sekunde ein Atom zerfällt, entspricht das dem Wert von einem Beqcuerel. Der amtliche Grenzwert beträgt in Deutschland 600 Becquerel pro Kilogramm Lebensmittel - für Milch und Babynahrung sind 370 Becquerel erlaubt. Der Wert selbst sagt aber noch nicht direkt etwas über die Gesundheitsgefahr aus.

Die Strahlenbelastung für den Menschen wird in Sievert gemessen. Ein Sievert ist dann erreicht, wenn pro Kilogramm Körpergewicht die Energiemenge von einem Joule aufgenommen wurde. Die natürliche Hintergrundstrahlung, die Menschen in Deutschland durchschnittlich abbekommen, liegt bei 2 Millisievert.

Der Vorfall werde jedoch nichts an dem Plan ändern, die beschädigten Reaktoren bis zum Ende dieses Jahres unter Kontrolle zu bringen, hieß es unter Berufung auf die Atomsicherheitsbehörde. Die seit dem Erdbeben und dem folgenden Tsunami im März beschädigten Reaktoren würden weiterhin stabil gekühlt. Auch die Arbeiten zur Dekontaminierung des Wassers, das zur Kühlung der Reaktoren eingesetzt wird, kämen voran.

Kommentare (6)

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Alfred_H

05.12.2011, 15:57 Uhr

"Radioaktiv versuchtes Wasser läuft in Pazifik"

Gott sei dank ist das Wasser nicht radioaktiv verseucht. Das wäre schlimm. Hier wird aber nur Wasser versucht. Glück gehabt. Der Versuch ist wohl gescheitert.

Account gelöscht!

05.12.2011, 23:14 Uhr

Ich war schon immer bewunderer japanischer Präzision (ehrlich). Das Gelände ist hochgradig verseucht. Trozdem gelang es mutigen Menschen, die ins Meer gelaufene Wassermenge genau zu messen: exakt 300L. Das sind auf einen einzigen m2 30 cm, in einer 300m2 Halle sind es genau 1mm Wasserhöhe. Wie ist diese kleine Menge ins Meer gelangt? Richtig: durch zu spät ausgelegte Sandsäcke. Zu dumm, aber immerhin kommt da kein Tropfen mehr durch. 45000 L warten noch darauf abgelassen zu werden-was soll man da auch immer weiter sammeln, das sind in 1Jahr ..?, in 10 Jahren ..?, in 10.000 Jahren?
Kein Plan, kein Ziel, keine Lösung.

Horst_Trummler

06.12.2011, 09:55 Uhr

Im Zuge der Reaktorunfälle hat man die Kernschmelzen durch ein Fluten der Reaktorbehälter und Sicherheitsbehälter mit Wasser beendet. Das Wasser wurde nicht im Kreislauf geführt, sondern das gebrauchte Wasser zwischengelagert. Die Brennstäbe der verunglückten Reaktoren sind geborsten so das mit dem Kühlwasser auch radioaktive Nuklide freigesetzt wurden. Die hochradioaktiven Nuklide wie J131, Halbwertzeit 8 Tage, sind zerfallen, so dass das Wasser entgegen dem ökoreligiös gefärbten Bericht kein J131 enthält. Eine Veseuchung ist ein biologischer Vorgang. Im Strahlenschutz gibt es den Begriff Verseuchung nicht. Es ist Ausdruck der ökoreligiösen Orientierung des Autors.

Aufgrund der benötigten Kühlwassermenge, gem. Tepco Angeben wurden etwa 6m3/h und Reaktor zur Kühlung genutzt ist die radioaktive Belastung diesen Wassers gering. Die Meere enthalten etwa 70 Mrd. to radioaktiver Stoffe. Die Einleitung von ein paar 1000to leichtradioaktiven Wassers verändert die Radioaktivität der Meere so sehr wie das versenken eines Salzstreuers den Salzgehalt verändert. Man kann sich bei klarem Verstande leicht ausrechnen das ein Ausfliessen einiger 100L leichtradioaktiven Wassers ein Nichtereignis ist und lediglich ökologisch religiöse Bedeutung hat.

Vandale

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