Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

16.03.2011

10:33 Uhr

Katastrophe in Japan

"Wir sind kurz vor der Hölle"

VonSusanne Schier

Wie groß sind die Gefahren in Japan tatsächlich und wie wirkt sich die Katastrophe in Fukushima auf Deutschland aus? Darüber sprach das Handelsblatt mit Sebastian Pflugbeil, Präsident der Gesellschaft für Strahlenschutz.

Die Luftaufnahme zeigt das Kernkraftwerk Neckarwestheim (GKN) im Landkreis Heilbronn. Quelle: dapd

Die Luftaufnahme zeigt das Kernkraftwerk Neckarwestheim (GKN) im Landkreis Heilbronn.

Werden die Gefahren in Japan derzeit heruntergespielt?

In der Öffentlichkeit wird die Situation verharmlost. In allen drei Blöcken kommt es zu einer Kernschmelze. Das heißt im Klartext, dass wir kurz vor der Hölle sind. Die Handbücher sind erschöpft. Die Techniker vor Ort können nur noch improvisieren.

Welche Szenarien sind möglich?

Schlimm wäre, wenn die Reaktorgefäße in zwei oder drei Blöcken gleichzeitig zu Bruch gehen. Kommt die radioaktive Masse mit dem Grundwasser in Berührung, werden die Auswirkungen gravierender als nach der Katastrophe in Tschernobyl sein. Dort wurde die Radioaktivität zehn bis 15 Kilometer in die Höhe katapultiert. In Japan würde sich das Material in der direkten Umgebung ausbreiten.

Ist es denkbar, dass bei einer Kernschmelze der Behälter erhalten bleibt und nur wenig Radioaktivität austritt?

Damit haben wir sehr wenig Erfahrung. Als es im Jahr 1979 im US-Kernkraftwerk in Harrisburg zu einer Kernschmelze kam, blieb der Reaktorbehälter zwar erhalten. Dennoch ist sehr viel radioaktive Masse freigesetzt worden. Bis heute ist unbekannt, wo das Zeug geblieben ist.

Wie schützen sich die Menschen in Japan vor der radioaktiven Wolke?

Sie sollten sich möglichst in geschlossenen Räumen aufhalten. Außerdem können sie durch Einnahme von Jod-Tabletten verhindern, dass die Schilddrüse radioaktives Jod aufnimmt. Hier sehe ich aber ein logistisches Problem: Es ist kaum machbar, dass alle Japaner über solche Tabletten verfügen, bevor die Wolke kommt.

Wie schätzen Sie die Folgen für Deutschland ein?

Große Mengen an radioaktivem Material werden wohl nicht nach Deutschland gelangen. Ich wäre aber vorsichtig, Entwarnung zu geben. Denn auch nach Tschernobyl kam ein Teil der Wolke in Japan an. Das ist eine ähnlich große Entfernung wie von Japan nach Deutschland.

Sind die deutschen Atomkraftwerke so sicher, wie die Politik vorgibt?

Es ist völliger Unsinn, dass bei uns nichts passieren kann. In jedem Kernkraftwerk kann es zu einer Kernschmelze kommen. Bei uns ist die Gefahr von Erdbeben und Tsunamis nicht so groß, doch durch Terrorangriffe, Material- oder Bedienungsfehler kann es auch bei uns zu Kernschmelzen und zerstörten Reaktordruckgefäßen kommen.


Kommentare (2)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

sibbing

16.03.2011, 12:17 Uhr

wie im boden ??? Ins Meer !!!!!!!!

Gruenschnabel

16.03.2011, 14:28 Uhr

Diese Ansicht trifft exact den Punkt - eine Technologie die im Versagensfalle ein ganzes Land unbewohnbar machen kann ist abzustellen.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×