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09.06.2015

12:12 Uhr

Klimapolitik der G7

Das unverbindliche Jahrhundertversprechen

Kommt jetzt Bewegung in die globale Klimapolitik? Umweltschützer feiern das „Jahrhundertversprechen“ von Elmau. Doch Skepsis ist angebracht, denn schon einmal folgte auf die Klimaschutz-Euphorie der große Kater.

Auch wenn Angela Merkel ihren G7-Partnern das Bekenntnis zur schrittweisen „Dekarbonisierung“ abtrotzte – erreicht ist damit gar nichts. dpa

Bundeskanzlerin Merkel, US-Präsident Obama und Italiens Premierminister Renzi (v. l.) in Elmau

Auch wenn Angela Merkel ihren G7-Partnern das Bekenntnis zur schrittweisen „Dekarbonisierung“ abtrotzte – erreicht ist damit gar nichts.

BerlinMit Versprechen ist es so eine Sache. Auf Schloss Elmau passte das neue G7-Ziel, „im Laufe dieses Jahrhunderts“ auf die Nutzung von Öl, Kohle und Gas zu verzichten, wunderbar zur malerischen Alpenkulisse. Aber weder Angela Merkel noch Barack Obama werden als Politiker erleben, ob dieses Jahrhundertversprechen tatsächlich eingehalten wird.

Auch wenn Umweltschützer nun feiern, weil die vermeintliche „Klimakanzlerin“ Merkel ihren G7-Partnern das Bekenntnis zur schrittweisen „Dekarbonisierung“, also zur Abkehr von klimaschädliches Kohlendioxid (CO2) verursachenden Energieträgern, abtrotzte – erreicht ist damit gar nichts. Entscheidend wird die Frage sein, auf welche Maßnahmen sich die Weltgemeinschaft auf der Klimakonferenz in Paris Ende des Jahres einigen kann.

Im italienischen L'Aquila gab es 2009 eine ähnliche Aufbruchsstimmung wie durch Elmau. Auch damals stand ein entscheidender Klimagipfel an, der in Kopenhagen. Im Abschlussdokument der G8-Staaten (damals durfte Russland noch dabei sein) hieß es seinerzeit: „Wir erkennen den weit verbreiteten  wissenschaftlichen Standpunkt an, dass die globale  Durchschnittstemperatur nicht um mehr als zwei Grad Celsius gegenüber dem vorindustriellen Niveau ansteigen sollte.“ Der Klimagipfel von Kopenhagen scheiterte dann bekanntlich.

Die wichtigsten Schlagworte zum Klimawandel

Globale Erwärmung

Seit Beginn des 20. Jahrhunderts ist die Temperatur auf der Erde um gut 0,8 Grad Celsius angestiegen. Das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts (von 2001 bis 2010) war nach Angaben der Weltorganisation für Meteorologie das heißeste seit 1881 - im Durchschnitt betrug die Temperatur 14,47 Grad an der Land- und Meeresoberfläche und damit 0,47 Grad mehr als im Durchschnitt zwischen 1961 und 1990.

Anstieg des Meeresspiegels

Der Anstieg des Meeresspiegels hat sich in den vergangenen 20 Jahren beschleunigt. Laut dem IPCC-Bericht von 2007 dürfte der Meeresspiegel bis zum Endes dieses Jahrhunderts um zwischen 18 und 59 Zentimeter ansteigen. Im neuen Bericht dürfte diese Zahl angehoben werden. Studien zufolge geht der Anstieg zu rund einem Drittel darauf zurück, dass sich das Wasser bei zunehmender Wärme ausdehnt, zu einem weiteren Drittel auf das Schmelzen von Gletschern und zu etwas weniger als einem Drittel auf das Abschmelzen der Eiskappen in Grönland und der Antarktis.

Eisschmelze

Die Arktis erlebte im vergangenen Jahr eine Rekord-Eisschmelze. Laut der US-Behörde für Ozeanologie und Atmosphärenforschung (NOAA) verkleinerte sich die Eisfläche in der Arktis 2012 auf 3,41 Millionen Quadratkilometer. Das ist die kleinste Fläche seit Beginn der Satelliten-Beobachtung der Region vor 34 Jahren und 18 Prozent weniger als der bisherige Niedrigrekord aus dem Jahr 2007. Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Gewässer rund um den Nordpol bis 2050 im Sommer eisfrei sein könnten.

Gletscherschwund

Bei Gebirgsgletschern wird weltweit eine starke Eisschmelze beobachtet, etwa im Himalaya-Gebirge oder in den südamerikanischen Anden. Die Gletscher der Pyrenäen zwischen Frankreich und Spanien könnten bis 2050 ganz verschwunden sein.

Extreme Wetterphänomene

In einem Sonderbericht hatte der Weltklimarat IPCC im November 2011 festgehalten, dass es im Zuge der Erderwärmung zu einer Zunahme extremer Wetterphänomene wie heftiger Regenfälle, Hitzewellen und Dürreperioden gekommen ist und diese Entwicklung anhalten wird. 2012 wurden laut eine Untersuchung etwa die Hälfte aller Extremwetterphänomene durch den Klimawandel verstärkt.

Artensterben

Unter einem weiteren Temperaturanstieg wird auch die Tier- und Pflanzenwelt leiden. Ein Anstieg zwischen 1,5 und 2,4 Grad im Vergleich zu den 20 letzten Jahren des 20. Jahrhunderts würde dafür sorgen, dass 20 bis 30 Prozent aller Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht würden.

Zwei-Grad-Ziel

Internationales Ziel ist es, den Temperaturanstieg bis zum Ende dieses Jahrhunderts auf zwei Grad zu beschränken. Laut dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen wird der Anstieg aber zwischen drei und fünf Grad betragen, wenn es bei den bisherigen Bemühungen zur Reduzierung von Treibhausgasen bleibt.

Climategate

Im November 2009 drangen Hacker in die Computer des Klimaforschungszentrums der University of East Anglia ein, stahlen mehrere tausend Dokumente und veröffentlichten sie im Internet als angebliche Belege für wissenschaftliches Fehlverhalten der Klimaforscher. Mehrere Untersuchungen unabhängiger Institutionen konnten allerdings keine Hinweise auf ein solches Fehlverhalten nachweisen.

In Elmau wurde nun das Zwei-Grad-Ziel erneut bekräftigt. Es ist eine vage Absichtserklärung, mehr nicht. Ob es zu schaffen ist, daran zweifeln Klimaforscher. Zudem ist auch die so griffige Zwei-Grad-Marke unter Wissenschaftlern keineswegs unumstritten.

„Begrabt das Zwei-Grad-Ziel“ titelten beispielsweise vor wenigen Monaten zwei US-Forscher im Wissenschaftsmagazin „Nature“. Für Charles Kennel, emeritierter Direktor der Scripps Institution of Oceanography in San Diego, und David Victor von der University of California in San Diego ist das Zwei-Grad-Ziel eine „dreiste Vereinfachung“, die „politisch und wissenschaftlich“ in die falsche Richtung führe.

Politisch, weil es Politikern erlaube, sich unverbindlich an einer künftigen Entwicklung abzuarbeiten und so davon abzulenken, dass sie die heute bereits konkret bestehenden Umweltprobleme nicht anpacken. Und wissenschaftlich, weil die globale Durchschnittstemperatur nur bedingt als Indikator für globale Klimaveränderungen tauge. So heize sich etwa die Arktis ungebremst auf, obwohl die Mitteltemperatur der Erde in den vergangenen Jahren kaum anstieg.

Für völlig abwegig halten Kennel und Victor zudem die „heroischen Annahmen“, die den Simulationen zum Zwei-Grad-Ziel zugrunde liegen – also etwa die Vorgabe einer umfassenden und kurzfristig umzusetzenden Zusammenarbeit aller Staaten, um den Ausstoß an Treibhausgasen zu minimieren. Allein schon der Energiehunger bei wachsender Weltbevölkerung macht es so schwer, Kohle und Öl, die Hauptverursacher des Klimawandels, verstärkt im Boden zu lassen. Nun lautet aber das neue G7-Ziel, die CO2-Emissionen bis zum Jahr 2050 im Vergleich zu 2010 um „40 bis 70 Prozent zu reduzieren“.

Die dafür notwendige internationale Zusammenarbeit müsste rasch realisiert werden, denn der Spielraum wird immer enger: Seit dem Beginn der Industrialisierung Mitte des 19. Jahrhunderts sind die globalen Temperaturen bereits um 0,8 Grad Celsius gestiegen. Das Zwei-Grad-Ziel ist also eigentlich nur noch ein 1,2-Grad-Ziel.

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