Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

31.08.2015

12:03 Uhr

Klimawandel

In Alaska schmelzen die Dörfer

Das Klima in Alaska erwärmt sich viel schneller als im weltweiten Durchschnitt. Weil Permafrostböden und Meereseis schmelzen, haben Gemeinden, die von der Kälte abhängen, nur die Wahl zwischen Umsiedlung und Untergang.

Luftbild der Insel Kivalina an Alaskas Nordwestküste. Früher war die Meeresoberfläche noch gefroren, wenn die Herbststürme die Insel erreichten, und das Eis konnte die Wellen abblocken. dpa

Kivalina

Luftbild der Insel Kivalina an Alaskas Nordwestküste. Früher war die Meeresoberfläche noch gefroren, wenn die Herbststürme die Insel erreichten, und das Eis konnte die Wellen abblocken.

Los AngelesWenn die Herbststürme über Kivalina hereinbrechen, werde es richtig schlimm, sagt Colleen Swan, die ihr gesamtes Leben hier verbracht hat. Dann treiben heftige Winde Eiswasserwellen gegen das gefährdete Gestade und richten die winzige Insel an Alaskas Nordwestküste übel zu.

Nur vier Meter über dem Meeresspiegel der Tschuktschensee, einem Randmeer des Nordpolarmeeres, gelegen, ist die Insel regelmäßig Überschwemmungen ausgesetzt. Bei schlechten Wetterverhältnissen ist sie vom Luft- und Seeverkehr abgeschnitten.

Früher war die Meeresoberfläche noch gefroren, wenn die Stürme die Insel erreichten und das Eis konnte die Wellen abblocken. Aber wegen der Klimaerwärmung bildet sich das Eis jetzt erst später im Jahr – zu spät, um Kivalina zu schützen. Nachdem sie jahrelang Wind und Wetter ausgesetzt war, bröckelt die Insel samt ihrem Dorf langsam ins Meer.

Die wichtigsten Schlagworte zum Klimawandel

Globale Erwärmung

Seit Beginn des 20. Jahrhunderts ist die Temperatur auf der Erde um gut 0,8 Grad Celsius angestiegen. Das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts (von 2001 bis 2010) war nach Angaben der Weltorganisation für Meteorologie das heißeste seit 1881 - im Durchschnitt betrug die Temperatur 14,47 Grad an der Land- und Meeresoberfläche und damit 0,47 Grad mehr als im Durchschnitt zwischen 1961 und 1990.

Anstieg des Meeresspiegels

Der Anstieg des Meeresspiegels hat sich in den vergangenen 20 Jahren beschleunigt. Laut dem IPCC-Bericht von 2007 dürfte der Meeresspiegel bis zum Endes dieses Jahrhunderts um zwischen 18 und 59 Zentimeter ansteigen. Im neuen Bericht dürfte diese Zahl angehoben werden. Studien zufolge geht der Anstieg zu rund einem Drittel darauf zurück, dass sich das Wasser bei zunehmender Wärme ausdehnt, zu einem weiteren Drittel auf das Schmelzen von Gletschern und zu etwas weniger als einem Drittel auf das Abschmelzen der Eiskappen in Grönland und der Antarktis.

Eisschmelze

Die Arktis erlebte im vergangenen Jahr eine Rekord-Eisschmelze. Laut der US-Behörde für Ozeanologie und Atmosphärenforschung (NOAA) verkleinerte sich die Eisfläche in der Arktis 2012 auf 3,41 Millionen Quadratkilometer. Das ist die kleinste Fläche seit Beginn der Satelliten-Beobachtung der Region vor 34 Jahren und 18 Prozent weniger als der bisherige Niedrigrekord aus dem Jahr 2007. Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Gewässer rund um den Nordpol bis 2050 im Sommer eisfrei sein könnten.

Gletscherschwund

Bei Gebirgsgletschern wird weltweit eine starke Eisschmelze beobachtet, etwa im Himalaya-Gebirge oder in den südamerikanischen Anden. Die Gletscher der Pyrenäen zwischen Frankreich und Spanien könnten bis 2050 ganz verschwunden sein.

Extreme Wetterphänomene

In einem Sonderbericht hatte der Weltklimarat IPCC im November 2011 festgehalten, dass es im Zuge der Erderwärmung zu einer Zunahme extremer Wetterphänomene wie heftiger Regenfälle, Hitzewellen und Dürreperioden gekommen ist und diese Entwicklung anhalten wird. 2012 wurden laut eine Untersuchung etwa die Hälfte aller Extremwetterphänomene durch den Klimawandel verstärkt.

Artensterben

Unter einem weiteren Temperaturanstieg wird auch die Tier- und Pflanzenwelt leiden. Ein Anstieg zwischen 1,5 und 2,4 Grad im Vergleich zu den 20 letzten Jahren des 20. Jahrhunderts würde dafür sorgen, dass 20 bis 30 Prozent aller Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht würden.

Zwei-Grad-Ziel

Internationales Ziel ist es, den Temperaturanstieg bis zum Ende dieses Jahrhunderts auf zwei Grad zu beschränken. Laut dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen wird der Anstieg aber zwischen drei und fünf Grad betragen, wenn es bei den bisherigen Bemühungen zur Reduzierung von Treibhausgasen bleibt.

Climategate

Im November 2009 drangen Hacker in die Computer des Klimaforschungszentrums der University of East Anglia ein, stahlen mehrere tausend Dokumente und veröffentlichten sie im Internet als angebliche Belege für wissenschaftliches Fehlverhalten der Klimaforscher. Mehrere Untersuchungen unabhängiger Institutionen konnten allerdings keine Hinweise auf ein solches Fehlverhalten nachweisen.

Der Klimawandel macht Kivalina nahezu unbewohnbar für seine 400 Einwohner, die meisten von ihnen Inupiat-Eskimos. „Wir haben keine andere Wahl“, erklärt Swan, die als Mitglied der Dorfverwaltung auch die Umsiedlung der Inselgemeinde organisiert. „Wir müssen die Insel verlassen.“

Die Einwohner Alaskas lebten an „vorderster Front“ des Klimawandels, so US-Präsident Barack Obama in einem Video zu seinem Alaskabesuch (31. August bis 2. September). Die Temperatur in Alaska steigt doppelt so schnell wie die weltweiten Durchschnittstemperaturen. Die Wintertemperaturen sind fast 3,5 Grad höher als in den 50er Jahren.

Schrumpfende Eisberge, schmelzendes Meereseis und das Aussterben von Tierarten wirken sich auf das Leben der Landbevölkerung aus, die vom Jagen und Fischen lebt. Ihr Schicksal sei ein „Vorgeschmack dessen, was den Übrigen von uns passieren wird, wenn wir nicht handeln“, sagt Obama. „Es ist ein Weckruf.“ Zwar ist noch kein Präsidentenbesuch in Kivalina geplant, aber die Inselbewohner hoffen, ihn am 1. September in der nahe gelegenen Stadt Kotzebue zu sehen.

Kommentare (1)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Wieland Graef

04.09.2015, 13:07 Uhr

Ich habe in Alaska in der ersten Hälfte der Siebziger als bushpilot gearbeitet. Es berührt mich deshalb besonders, über Kivallina und die vielen anderen Dörfer lesen zu müssen, deren Einwohner umgesiedelt werden müssen, manche davon dringend. Ich entsinne mich an einen Fourth-of-July Feiertag, an dem ich mit dem Hubschrauber einen im Eis festgefrorenes Schiff versorgt habe, ein paar 100 m vor der Küste der Prudhoe Bay. Seitdem sind gerade mal 40 Jahre vergangen. Und wir machen weiter mit der Zerstörung der Welt. Wäre doch gelacht ....

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×