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22.01.2009

10:24 Uhr

Klimawandel

Von der Kühltruhe zum Heizkissen

VonDaniel Lingenhöhl
Quelle:Spektrum.de

Sie ist - noch - eine der großen Unbekannten im Wandel unserer Zeiten: Erwärmt sich die Antarktis nun und schmilzt? Oder kühlt sie sogar weiter aus - und mildert damit die Aufheizung der Erde? Neue Erkenntnisse aus dem tiefen Süden lassen Ungutes erahnen.

Der brüchige Rand des Wilkins-Eisschelfs. Foto: BAS xx

Der brüchige Rand des Wilkins-Eisschelfs. Foto: BAS

HEIDELBERG. "Wir flogen die Bruchlinie entlang und beobachteten das gigantische Ausmaß der Bewegung weg von dem Spalt. Riesige, hausgroße Eisbrocken lagen und schwammen herum, als wären sie wie Schutt ausgekippt worden. Es sieht aus wie nach einer Explosion." Jim Elliott vom British Antarctic Survey (BAS) kennt die Situation auf dem antarktischen Wilkins-Eisschelf aus eigenem Ansehen. Er hat die in Auflösung begriffene Eiswelt untersucht und dabei die Auswirkungen des globalen Klimawandels hautnah miterlebt.

Die Zukunft des Wilkins-Eisschelf hängt buchstäblich am seidenen Faden: Nur noch ein dünner Streifen aus fragilem Meereis zwischen zwei Inseln schützt den Rest des einst 16 000 Quadratkilometer großen Wilkins-Eisschelfs an der Küste der Antarktischen Halbinsel vor Wind, Wetter und Gezeiten. Schon bald könnte die angegriffene Barriere völlig zerstört sein, wonach sich das Wilkins-Eisschelf als riesiger Eisberg von der Antarktis lösen würde.

Mehrere tausend Quadratkilometer dieses alten und dicken Eispakets sind bereits zerfallen und treiben nun als Eisberge durch die See - darunter Riesen von der Größe der britischen Isle of Man. Immerhin: "Der Meeresspiegel steigt dadurch nicht, da Wilkins ohnehin schon auf dem Wasser schwimmt. Aber die Entwicklung bezeugt, dass der Klimawandel die Region beeinflusst", erläutert David Vaughan vom BAS.

Schon 1993 hatte der Forscher prognostiziert, dass zumindest der nördliche Teil des Wilkins-Eisschelfs innerhalb von 30 Jahren verschwinden dürfte, sollte sich die Region weiterhin in hohem Tempo erwärmen: Um mehr als drei Grad Celsius liegen die Durchschnittstemperaturen heute höher als vor 50 Jahren - ein Anstieg, der weltweit nur in Alaska seinesgleichen findet. Doch nun könnte Wilkins deutlich schneller als erwartet seinen Vorgängern Larsen A und B, Muller, Jones oder Prinz Gustav nachfolgen - gewaltigen Eismassen, die sich in der jüngeren Vergangenheit vom antarktischen Kontinent lösten. "Wilkins ist das größte Eisschelf der Halbinsel, den die Erwärmung nun bedroht. Ich hätte nicht gedacht, dass die Dinge sich so schnell entwickeln", zeigt sich Vaughan überrascht und besorgt.

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