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06.12.2014

12:21 Uhr

Klimawandel

Wie die Titanic auf Eisberg-Kurs

Brasiliens Millionenmetropole São Paulo durchlebt gerade die schwerste Trockenheit seit Jahrzehnten. Wissenschaftler warnen: Schuld an den fehlenden Niederschlägen ist auch die Abholzung des Amazonas-Regenwaldes

Abgeholztes Regenwald-Gebiet im Norden Brasiliens. Wissenschaftler machen den Kahlschlag für die große Trockenheit in Teilen des Landes verantwortlich. ap

Abgeholztes Regenwald-Gebiet im Norden Brasiliens. Wissenschaftler machen den Kahlschlag für die große Trockenheit in Teilen des Landes verantwortlich.

São PauloVera Lucia de Oliveira schaut in den Himmel und hofft inständig auf Regen. In ihrem Haus kommt schon seit Wochen kein Tropfen mehr aus dem Wasserhahn. São Paulo durchlebt derzeit die schlimmste Trockenphase seit Jahrzehnten. Wenn es nicht bald heftig und lange regnet, könnte die 23 Millionen Einwohner zählende Metropole laut Experten bald ganz auf dem Trockenen sitzen.

„Wir denken immer, jetzt kommt endlich Regen“, sagt Oliveira. Aber es bleibt trocken. Inzwischen gehen immer mehr Wissenschaftler davon aus, dass an der Dürrephase auch die zunehmende Abholzung des Regenwaldes schuld ist. Durch die Abholzung fehlen Bäume, die Kohlenstoff aus der Luft absorbieren können. Zudem stört die Abholzung den gesamten Wasserkreislauf: Es gibt nicht mehr genügend Bäume, die Wasser aufnehmen, das dann verdunstet und eine Wolkendecke bildet.

Die wichtigsten Schlagworte zum Klimawandel

Globale Erwärmung

Seit Beginn des 20. Jahrhunderts ist die Temperatur auf der Erde um gut 0,8 Grad Celsius angestiegen. Das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts (von 2001 bis 2010) war nach Angaben der Weltorganisation für Meteorologie das heißeste seit 1881 - im Durchschnitt betrug die Temperatur 14,47 Grad an der Land- und Meeresoberfläche und damit 0,47 Grad mehr als im Durchschnitt zwischen 1961 und 1990.

Anstieg des Meeresspiegels

Der Anstieg des Meeresspiegels hat sich in den vergangenen 20 Jahren beschleunigt. Laut dem IPCC-Bericht von 2007 dürfte der Meeresspiegel bis zum Endes dieses Jahrhunderts um zwischen 18 und 59 Zentimeter ansteigen. Im neuen Bericht dürfte diese Zahl angehoben werden. Studien zufolge geht der Anstieg zu rund einem Drittel darauf zurück, dass sich das Wasser bei zunehmender Wärme ausdehnt, zu einem weiteren Drittel auf das Schmelzen von Gletschern und zu etwas weniger als einem Drittel auf das Abschmelzen der Eiskappen in Grönland und der Antarktis.

Eisschmelze

Die Arktis erlebte im vergangenen Jahr eine Rekord-Eisschmelze. Laut der US-Behörde für Ozeanologie und Atmosphärenforschung (NOAA) verkleinerte sich die Eisfläche in der Arktis 2012 auf 3,41 Millionen Quadratkilometer. Das ist die kleinste Fläche seit Beginn der Satelliten-Beobachtung der Region vor 34 Jahren und 18 Prozent weniger als der bisherige Niedrigrekord aus dem Jahr 2007. Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Gewässer rund um den Nordpol bis 2050 im Sommer eisfrei sein könnten.

Gletscherschwund

Bei Gebirgsgletschern wird weltweit eine starke Eisschmelze beobachtet, etwa im Himalaya-Gebirge oder in den südamerikanischen Anden. Die Gletscher der Pyrenäen zwischen Frankreich und Spanien könnten bis 2050 ganz verschwunden sein.

Extreme Wetterphänomene

In einem Sonderbericht hatte der Weltklimarat IPCC im November 2011 festgehalten, dass es im Zuge der Erderwärmung zu einer Zunahme extremer Wetterphänomene wie heftiger Regenfälle, Hitzewellen und Dürreperioden gekommen ist und diese Entwicklung anhalten wird. 2012 wurden laut eine Untersuchung etwa die Hälfte aller Extremwetterphänomene durch den Klimawandel verstärkt.

Artensterben

Unter einem weiteren Temperaturanstieg wird auch die Tier- und Pflanzenwelt leiden. Ein Anstieg zwischen 1,5 und 2,4 Grad im Vergleich zu den 20 letzten Jahren des 20. Jahrhunderts würde dafür sorgen, dass 20 bis 30 Prozent aller Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht würden.

Zwei-Grad-Ziel

Internationales Ziel ist es, den Temperaturanstieg bis zum Ende dieses Jahrhunderts auf zwei Grad zu beschränken. Laut dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen wird der Anstieg aber zwischen drei und fünf Grad betragen, wenn es bei den bisherigen Bemühungen zur Reduzierung von Treibhausgasen bleibt.

Climategate

Im November 2009 drangen Hacker in die Computer des Klimaforschungszentrums der University of East Anglia ein, stahlen mehrere tausend Dokumente und veröffentlichten sie im Internet als angebliche Belege für wissenschaftliches Fehlverhalten der Klimaforscher. Mehrere Untersuchungen unabhängiger Institutionen konnten allerdings keine Hinweise auf ein solches Fehlverhalten nachweisen.

Aber nicht nur Brasilien, sondern ganz Südamerika ist von dem Klimawandel betroffen. Denn auf dem ganzen Kontinent spielt der Wasserkreislauf des Amazons-Regenwaldes eine entscheidende Rolle für das Wetter, wie Brasiliens führender Klimaforscher Antonio Nobre von der Weltraumbehörde Inpe betont. Eine von ihm im Oktober veröffentlichte Studie zeigt, dass der Regenwald einem Kollaps näher ist, als die Regierung bislang zugibt. Die Auswirkungen würden weltweit zu spüren sein.

Die Zerstörung des Amazonas durch die Abholzung wird erst seit dem Jahr 2008 überwacht. Damals schickte die Regierung bewaffnete Sicherheitskräfte in den Regenwald, die die Einhaltung der Umweltgesetze durchsetzen und damit die illegale Abholzung durch Soja-Farmer und Holzspekulanten aufhalten sollten. Das wirkte sich schnell aus. 2012 betrug die Abholzung des Regenwaldes ein Sechstel dessen, was noch vor acht Jahren gerodet wurde.

Aber Nobre und andere Wissenschaftler warnen, dass es nicht reiche, die Zerstörung des Regenwaldes nur zu verlangsamen, sie müsse gestoppt werden. „Mit jedem Baum, der gefällt wird, verlieren wir ein wenig mehr von dem Wasser, das nach São Paulo und in den Rest Brasiliens transportiert wird“, sagt Philip Fearnside, Professor am Nationalen Institut für Amazonasforschung.

Nobre fordert in seiner Studie, mindestens ein Fünftel der abgeholzten Fläche im Amazonas wieder aufzuforsten. Außerdem müssten 1,25 Millionen Quadratkilometer – das entspricht zweimal der Größe Frankreichs – zerstörte Fläche wiederhergestellt werden. „Wir sind wie auf der Titanic, die sich geradewegs auf den Eisberg zubewegt“, warnt Nobre.

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