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10.05.2013

10:31 Uhr

Megacities

Wer darf noch in den Städten bleiben?

VonPetra Schäfer

Bis 2050 dürften weltweit sieben Milliarden Menschen in Städten leben – das wachsende Verkehrschaos wird neue Konzepte fordern. Autobauer wollen die Verkehrsplanung in Mega-Städten mitbestimmen – aus Eigennutz.

Kaum schneller als eine Pferdekutsche ist ein Auto in einer Großstadt wie New York. ap

Kaum schneller als eine Pferdekutsche ist ein Auto in einer Großstadt wie New York.

New YorkNoch rollen die Autos in den Straßenschluchten von Manhattan, als Luca de Meo, seit einem halben Jahr Vertriebs-Vorstand des Luxusautomobilherstellers Audi, 20 Stockwerke über dem Asphalt über den Großstadtverkehr philosophiert: „Die Durchschnittsgeschwindigkeit eines Autos in manchen Großstädten wie New York liegt bei gerade mal 18 Kilometern pro Stunde.“ Kaum schneller als eine Pferdekutsche.

Der Marketing-Mann erntet mitfühlendes Gelächter, viele Zuhörer in der verglasten Galerie des Wolkenkratzers sind selber Pendler mit Stauerfahrung. Von hier oben, weit über dem hektischen Alltag der Metropole, sehen die gelben Taxis wie Spielzeugautos aus und die Probleme verstopfter Straßen schrumpfen auf Miniaturformat. Der Ingolstädter Autobauer will mitreden über die Lebens- und Verkehrskonzepte der weltweit größten Ballungsräume und spielt dazu die ganze Klaviatur der Öffentlichkeitsarbeit.

Das Auto kommuniziert künftig mit...

... anderen Autos

Das Auto funkt an hinter ihm fahrende Autos den Zustand der Straße, etwa Glättegefahr, meldet Staus, und fordert dazu auf, den Sicherheitsabstand zu halten. Ziele sind besserer Verkehrsfluss, weniger Unfälle, geringerer Schadstoffausstoß und Spritverbrauch.

... dem Autohersteller

Das Fahrzeug nimmt bei technischen Problemen bzw. bei Reparaturbedarf Kontakt mit dem Hersteller auf, der dem Besitzer dann Serviceangebote macht. Ziel ist die Vermeidung größerer Schäden am Fahrzeug und mehr Serviceumsatz für die Hersteller.

... Ampeln

Die Ampel meldet Umschalten auf Gelb-/Rotphase an, ankommende Autos, die dann vor zu hoher Geschwindigkeit warnen oder den Motor automatisch drosseln. Zu den Zielen gehören weniger Unfälle, geringerer Schadstoffausstoß und Spritverbrauch.

... Verkehrszeichen

Das Straßenschild funkt ans Auto den Beginn einer 30km/h-Zone, das Auto bremst automatisch auf diese Geschwindigkeit ab. Ziel ist mehr Sicherheit für Fußgänger.

... der IT des Arbeitgebers

Das Auto wird zum mobilen Büro, es ist in den E-Mailverkehr und in die Firmensoftware eingebunden. Ziel ist mobiles Arbeiten und einfachere Abrechnung von Fahrtkosten.

Denn Städte liegen im Trend: Bis zum Jahr 2050 werden nach Schätzungen der New Yorker Columbia University weltweit sieben Milliarden Menschen in Städten leben – das zwangsläufig wachsende Verkehrschaos wird neue Verkehrskonzepte fordern. Urbanes Leben entwickelt sich dementsprechend zum begehrten Träger für das Firmenimage und zum Liebling des Lobbyings. „Sonst werden die Autos irgendwann aus den Städten verbannt und die Hersteller haben das Nachsehen“, bringt es eine Audi-Mitarbeiterin später hinter vorgehaltener Hand auf den Punkt.

Auch die Konkurrenz setzt auf das schicke und gleichzeitig überlebensnotwendige Städtethema: Der Münchener Autokonzern BMW hat zusammen mit der Solomon R. Guggenheim Foundation das „Urban Lab“, ein mobiles Diskussionsforum zum Thema Stadt der Zukunft, bereits 2011 auf Weltreise geschickt. Anfang dieses Jahres machte die Initiative Halt im indischen Mumbai, nachdem sie in Berlin von Kapitalismus-Kritikern öffentlich angefeindet worden war. Vor drei Jahren reiste die Wanderbühne „Smart Urban Stage“ durch Europas Hauptstädte und sammelte im Namen der Daimler-Kleinwagen-Tochter Smart kreative Ideen für städtisches Leben.

Auch Siemens hat ein ganzes Forschungsprojekt den „Megacities“ gewidmet. Und der amerikanische IT-Konzern IBM propagiert seit mehreren Jahren ein vernetztes Leben in Großstädten: Rund 3000 Pilotprojekte betreibt das Unternehmen unter dem Motto „Smarter Cities“ und kümmert sich beispielsweise um einen besseren Verkehrsfluss. Vor kurzem hat der US-Konzern in Köln einen Test zur Stauvorhersage abgeschlossen.

Die deutschen Kommunen sind bei solchen Vorstößen von Unternehmen nicht abgeneigt: „Um die für den Wirtschaftsstandort Deutschland so wertvolle Infrastruktur nicht zu gefährden, muss mehr Geld in den Verkehrsbereich fließen“, sagt ein Sprecher des Deutschen Städtetages, „dazu sind auch örtliche Finanzierungskonzepte gefragt, bei denen neben zinsgünstigen Darlehen Bürgermodelle oder auch Wirtschaftsbeteiligungen wertvolle Beiträge leisten können.“ Aber konkrete Beispiele in Deutschland seien noch rar, die politischen Hürden hoch.

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