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12.05.2011

09:27 Uhr

Mississippi-Hochwasser

Wenn der Strom seine Ketten sprengt

VonDaniel Lingenhöhl
Quelle:Spektrum.de

Ohne menschliche Eingriffe hätte sich der Mississippi längst ein anderes Bett gesucht. Das aktuelle Hochwasser könnte diesen Prozess verstärken - mit verheerenden wirtschaftlichen Folgen.

Sprengung eines Mississippi-Damms. Mit solchen Aktionen versuchen Hilfskräfte, den Druck der Wassermassen zu verringern. Quelle: dapd

Sprengung eines Mississippi-Damms. Mit solchen Aktionen versuchen Hilfskräfte, den Druck der Wassermassen zu verringern.

HeidelbergRiesige Wassermassen wälzen sich den Mississippi hinab und bedrohen zahlreiche Städte. Doch die Wassermassen sind nur ein Teil des Problems – schlimmer könnte es werden, wenn der Fluss komplett seinen Lauf ändert.

Ein langer schneereicher Winter, gefolgt von Dauerregen im Frühling: Das sind die Grundlagen für ein Desaster, das sich entlang des Mississippi und seiner Nebenflüsse anbahnt. „Der Fluss führt sehr viel mehr Wasser als während des normalen Frühlingshochwassers üblich. Seit mindestens 70 oder 80 Jahren hatten wir keine derartigen Fluten mehr am Mississippi“, beschreibt Denise Reed von der Universität in New Orleans, was auf ihre Metropole und andere Städte entlang des Stroms zurollt.

Um das Sechsfache ist der Mississippi an seinem Oberlauf bereits angeschwollen; in Memphis, Tennessee, lag der Pegel am Dienstag mehr als 14,6 Meter über dem normalen Maß. Dazu kämen die Wassermassen aus den großen Zuflüssen, so die Geowissenschaftlerin Reed: Extremes Hochwasser erreicht das Deltagebiet und New Orleans nur, wenn alle wichtigen Nebenflüsse des Mississippi ebenfalls Hochwasser führen - und das ist dieses Jahr der Fall: Der Ohio, der Missouri und andere Zuflüsse sind ebenfalls stark angeschwollen. Und es ist nicht ausgeschlossen, dass es weiter regnet.“

Bis zu einem Drittel des US-Bundesstaats Arkansas könnten unter Wasser stehen, wenn der Fluss über die Ufer tritt. Überall entlang des Stroms bangen die Anwohner angesichts der Welle um ihr Hab und Gut: Der Bundesstaat Missouri und mehrere Landwirte haben bereits vor Gericht Eilklagen eingereicht, weil sie nicht wollen, dass Deiche gesprengt und Ackerflächen überschwemmt werden, um größere Städte vor den Wassermassen zu retten.

Am stärksten bangen aber wohl die Bewohner von New Orleans – der Stadt, die immer noch an den Spätfolgen des Hurrikans „Katrina“ vor sechs Jahren leidet. Sie fürchten allerdings weniger, dass ihre Heimat erneut unter Wasser gesetzt werden könnte. „Die Deiche entlang des Mississippi sind gut in Schuss. New Orleans sollte deshalb relativ sicher sein und nicht überflutet werden wie nach Hurrikan Katrina, als das Wasser aus dem Lake Pontchartrain hereindrückte“, beruhigt Reed.

Gefahr droht den Bewohnern von „The Big Easy“ eher durch eine potenzielle Nebenwirkung des Hochwassers: Die Stadt könnte vom Mississippi und damit von ihrer Lebensader abgeschnitten werden – indem der Strom seinen Lauf ändert und zukünftig einen neuen Weg zum Golf von Mexiko einschlägt. Statt das meiste Wasser an New Orleans vorbei in sein Delta im Golf von Mexiko zu führen, nähme der Mississippi dann den kürzeren und schnelleren Weg über den heutigen Atchafalaya River, der viel weiter westlich ins Meer mündet: Der große Hafen von New Orleans könnte nicht mehr angesteuert werden.

„Ein derartiger Wechsel würde unsere Gesellschaft und Infrastruktur empfindlich treffen“, meint Nicholas Pinter von der Southern Illinois University in Carbondale. Über den Hafen von New Orleans laufen zum Beispiel 20 Prozent der Ölimporte der Vereinigten Staaten, hier wird ein Sechstel der gesamten Fischereierträge der Nation angelandet und wird ein Großteil der Lebensmittelexporte aus dem Mittleren Westen abgewickelt. Könnten Hochseeschiffe die Stadt nicht mehr ansteuern, erlitte die Wirtschaft der USA einen schweren Schlag, bestätigt Jeff Masters vom privaten Wetterdienst „Weather Underground“: „Dieses Hochwasser stellt die Flutvorsorge am Mississippi vor die schwerste Prüfung, die sie bislang bestehen musste.“ 

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