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23.01.2011

07:06 Uhr

Naturkatastrophen

Wenn der Berg ins Tal stürzt

VonLars Fischer
Quelle:Spektrum.de

Die Bilder der schweren Unwetter vor wenigen Tagen in Brasilien brachten eine oft vergessene Naturkatastrophe zurück ins Gedächtnis: tödliche Erdrutsche, die ganze Dörfer begraben. Allein die rechtzeitige Warnung schützt - doch das ist leichter gesagt als getan. Wissenschaftler suchen nach besseren Methoden, um solche Katastrophen vorherzusagen.

So wie hier in Nueva Friburgo sorgten die Regenfälle der vergangenen Wochen in mehreren brasilianischen Städten für verheerende Schlammlawinen. dpa

So wie hier in Nueva Friburgo sorgten die Regenfälle der vergangenen Wochen in mehreren brasilianischen Städten für verheerende Schlammlawinen.

HEIDELBERG. Nahezu 700 Todesopfer haben die starken Regenfälle der letzten Woche in Brasilien gefordert, und noch immer werden Menschen vermisst. Doch es sind nicht Wasser und Wind, die den meisten Opfern zum Verhängnis werden, es ist der Boden: Der Großteil der Menschen starb durch Erdrutsche.

Schlammlawinen stürzten die Berghänge hinab, zerstörten unzählige Häuser und vernichteten die Stadt São José do Vale do Rio Preto nahezu völlig. Im Vergleich zu Vulkanausbrüchen, Wirbelstürmen und Fluten vergisst man Erdrutsche allzu leicht, doch der Schaden, den sie anrichten, ist jedes Jahr immens.

Erdrutsche selbst sind in der Entwicklung von Landschaften ganz normal. Sie sind Teil des großen Massentransports der Erosion, der hohe Bergketten bis auf Meereshöhe schleift und ihre Trümmer als Sedimente in Senken und Becken verteilt. Doch wenn ein großes Stück eines Berghangs auf einmal abrutscht, dann ist die direkte Ursache in den meisten Fällen Wasser - wie dieser Tage in Brasilien. Nach heftigen Regenfällen saugt sich der Boden mit Feuchtigkeit voll und schwimmt auf seinem eigenen Porenwasser quasi auf, bis er entlang einer Schwachstelle abreißt und zu Tal donnert.

In den Jahren 2004 bis 2009 starben weltweit 76 000 Menschen durch Erdrutsche, und die Opferzahlen steigen seit Jahrzehnten an. Als Ursache machen Forscher diverse Effekte aus, unter anderem zunehmende Entwaldung von Berghängen: Vegetation hält mit ihren Wurzeln den Boden fest und lässt Wasser langsamer versickern, so dass bewachsene Hänge nicht so schnell abrutschen. Dazu drängen die Menschen wegen des Bevölkerungswachstums und der sich ausbreitenden Städten zunehmend in gefährdete Gebiete. Sie umzusiedeln in weniger gefährdete Gebiete, wäre die naheliegendste Lösung - sie lässt sich jedoch kaum ohne Zwang umsetzen: Viele Menschen gewichten beispielsweise die praktische Nähe zur städtischen Infrastruktur höher als das eher abstrakte Risiko eines Erdrutsches.

Man könnte auch versuchen, die Hänge durch Stahlbetonkonstruktionen oder Netze zeitweilig zu stabilisieren. Doch auf lange Sicht gilt das unerbittliche Gesetz der Erosion: Runter kommen die Hänge immer - irgendwann. Der einzige wirksame Schutz ist, im richtigen Moment woanders zu sein. Deswegen arbeiten weltweit Forscher an Warnsystemen, die Katastrophen wie in São José verhindern sollen.

Der erste Schritt bei der Vorhersage ist, gefährdete Hänge zu identifizieren und sie nach verschiedenen Kriterien einer Gefahrenklasse zuzuordnen. Dabei spielen Hangneigung, Vegetation und Bodentyp eine Rolle, aber auch die Form des Hangs. Ein konkaver Hang sammelt Regenwasser effektiver als ein konvexer und ist deswegen stärker gefährdet. Wann ein bestimmter Hang versagt, lässt sich aus solchen Parametern allerdings kaum vorhersagen: Zu komplex sind die Vorgänge im Detail.

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