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06.02.2012

07:48 Uhr

Offshore-Anlagen

Viel Wind ums große Rad

VonIngmar Höhmann

Neue Materialien, größere Rotorblätter, bessere Technik: Unermüdlich arbeiten Konstrukteure von Offshore-Anlagen an der Verbesserung von Windparks. Doch der Drang zur Größe bringt Probleme mit sich

In Sachen Offshore-Windräder machen Konstrukteure große Fortschritte. PR

In Sachen Offshore-Windräder machen Konstrukteure große Fortschritte.

KölnDie Konstrukteure der größten Windmühle der Welt gingen aufs Ganze: 100 Meter ragte der Stahlturm in die Höhe, 100 Meter spannten sich die Rotorblätter weit. Das Maschinenhaus wog 340 Tonnen. Vor allem die Nennleistung stellte alles Bisherige in den Schatten: Sie betrug drei Megawatt - ein technologischer Quantensprung. Als sich die Räder von „Growian“ - kurz für „große Windenergieanlage“ - im Oktober 1983 das erste Mal drehten, war Schleswig-Holstein in Sachen Windkraft die Nummer eins der Welt.

Doch der Wagemut zahlte sich nicht aus: Die immensen Kräfte, die auf die Anlage einwirkten, ließen sich nicht beherrschen. Die Rotorblätter bekamen Risse, schließlich stand die Megamühle wegen Reparaturen die meiste Zeit still. In vier Jahren drehten sich die Rotoren nur 420 Stunden lang. 1987 gaben die Techniker auf. Growian wurde demontiert.

Das norddeutsche Fiasko bedeutete lange das Aus für Windräder dieser Größenordnung. Stattdessen entstanden Parks mit vielen kleinen Anlagen, die jeweils wenige Hundert Kilowatt Leistung hatten. Nun denkt die Branche wieder um: Großanlagen erleben eine Renaissance.

Neue Materialien reduzieren das Gewicht, moderne Steuerungs- und Regelungstechnik nutzt den Wind besser aus, Lasten werden so besser verteilt. Heutige Mühlen stellen sogar Growian weit in den Schatten: Die E-126 des Herstellers Enercon schafft eine Leistung von 7,5 Megawatt - das ist Weltrekord. Das europäische Forschungsprojekt „Upwind“ hält sogar 20-Megawatt-Windräder für technisch machbar.

Bei Offshore-Projekten fällt der Großteil der Ausgaben für Verkabelung, Fundamente, Umspannwerk und Installation an - die Turbine selbst macht deutlich weniger als die Hälfte der Gesamtkosten aus. Je größer Windmühlen sind, desto weniger von ihnen müssen die Betreiber aufstellen, um die gleiche Leistung zu erzielen. Das spart nicht zuletzt Zeit: So können die Installateure die kurzen Wetterfenster, die ihnen überhaupt erst eine Installation auf See erlauben, besser ausnutzen. Zumal die Installationsschiffe teuer sind.

Dank der jüngsten technischen Fortschritte erwarten Branchenexperten einen regelrechten Boom bei Offshore-Anlagen: „Windenergie ist einer der wenigen großen Wachstumsmärkte, die wir in Deutschland haben“, sagt Dirk Briese, Geschäftsführer des Marktforschungsunternehmens Windresearch. „Bis 2030 erwarten wir, dass die deutsche Offshore-Windenergiebranche eine Wertschöpfung von 200 Milliarden Euro - abzüglich der Importe und zuzüglich der Exporte - erreicht.“

In den nächsten fünf bis zehn Jahren werden auf See überwiegend Windenergieanlagen mit einer Leistung von fünf bis zehn Megawatt zum Einsatz kommen. Siemens will eine große Rolle spielen. Der Konzern hat vor kurzem den Verkaufsstart seiner neuen Sechs-Megawatt-Anlage verkündet. Bei der „SWT-6.0“ wiegen Maschinenhaus und Rotor nur rund 350 Tonnen - keine andere Anlage dieser Größenordnung hat ein ähnlich niedriges Gewicht. Der Grund ist eine direkt angetriebene Turbine, die mit 50 Prozent weniger Komponenten auskommt als herkömmliche Windkraftanlagen mit Getriebe.

Siemens will die SWT-6.0 zum Standard für Offshore-Anlagen weltweit machen. Dabei zeigt sich, in welche Richtung die Entwicklung geht: Die Rotorblätter haben einen Durchmesser von bis zu 154 Metern - rund 27 Meter länger als die derzeit leistungsstärkste Anlage von Enercon.

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