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30.01.2011

07:04 Uhr

Polarforschung

Alter See unter tiefem Eis

VonKarl Urban
Quelle:Spektrum.de

Ein russisches Forscherteam erschließt eines der letzten unberührten Gebiete der Erde: Unter kilometertiefem Eis der Antarktis liegt der Wostoksee, der Klimaforscher, Geowissenschaftler und Biologen gleichermaßen interessiert. Doch die Bohrung birgt Risiken.

1957 errichtete die Sowjetunion die Antarktisstation Wostok. Von hier aus wird das Bohrprojekt gesteuert. Wiki public domain

1957 errichtete die Sowjetunion die Antarktisstation Wostok. Von hier aus wird das Bohrprojekt gesteuert.

HEIDELBERG. Einer der lebensfeindlichsten Orte der Erde ist ein Eldorado für die Wissenschaft. Rund 1300 Kilometer vom geografischen Südpol entfernt und 3488 Meter über dem Meer liegt die russische Forschungsstation Wostok. Forscher kämpfen hier mit Sauerstoffarmut, extrem geringer Luftfeuchtigkeit und einer Durchschnittstemperatur von minus 60 Grad Celsius. Doch ihr Einsatz lohnt sich: Denn der 3,6 Kilometer mächtige ostantarktische Eisschild ist das genauste Klimaarchiv des Planeten, das Informationen der letzten 420 000 Jahre speichert.

Und unter dem Eis erstreckt sich der Wostoksee, der bei Klimaforschern, Geowissenschaftlern und Biologen das Herz höher schlagen lässt. Das subglaziale Gewässer ist mit Ausmaßen von 250 mal 50 Kilometer etwa so groß wie Schleswig-Holstein und wurde noch nie direkt erkundet.

Diesen Zustand wollen russische Forscher nun endlich beenden. Denn es gilt als nationales Prestigeprojekt, den größten von mehr als 150 subglazialen Seen in der Antarktis erstmalig anzubohren und zu erforschen. Wissenschaftler glauben, dass das Gewässer seit beinahe 15 Millionen Jahren völlig von der Außenwelt abgeschlossen ist – und hier bisher unbekannte Mikroorganismen leben, die sich an Dunkelheit, extreme Nährstoffarmut und einen Druck von 350 Atmosphären anpassen mussten. Am Grunde des Sees befinden sich außerdem Sedimentschichten, die bis in die Bildungszeit des Sees im späten Eozän zurückreichen: Hier ist also das Klimageschehen der Antarktis seit Beginn ihrer Vergletscherung vor 35 Millionen Jahren gespeichert.

Glattes Eis und wenig Leben

Die ersten Anzeichen für die Existenz des Gewässers unter dem antarktischen Eisschild fanden schottische Forscher 1974. Bei der radargestützten Vermessung der Oberfläche entdeckten sie eine große und besonders ebene Fläche auf dem Gletscher. Später folgten Schwerefeldanalysen und genaue Satellitendaten, nach denen man die bekannten Ausmaße des Sees immer wieder nach oben revidieren musste. Neuesten Abschätzungen zu Folge ist er bis zu 1100 Meter tief und enthält 5000 Kubikkilometer Wasser – hundert Mal mehr als der Bodensee.

Im Jahr 1996 ging ein russisch-französisches Forscherteam erstmals mit dem See auf Tuchfühlung. Zuerst förderten sie den „Bohrkern 5G“, in dem über unterschiedliche Isotopengehalte die atmosphärische Temperatur sowie die Konzentration der Treibhausgase CO2 und Methan über die letzten vier Eiszeitzyklen hinweg erhalten sind. Doch ab einer Tiefe von 3539 Metern förderte die Bohrmannschaft plötzlich ein völlig andersartiges Eis zu Tage, das nicht wie in einem Gletscher üblich über Jahrtausende zusammengepresst worden war. Sie hatten so genanntes „akkretiertes Eis“ erreicht: Seewasser fror an dieser Stelle in einer rund 200 Meter dicken Schicht an der Gletscherbasis an. Von hier sollte der Bohrmeißel direkt in den See vorstoßen; er wurden aber auf Druck der Unterzeichnerstaaten des Antarktisvertrags gestoppt: Die Gefahr sei zu groß, das bisher unberührte Habitat zu kontaminieren.

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