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30.03.2011

10:54 Uhr

Reaktorunfall in Japan

Experte unterstützt Greenpeace-Forderung

Die Kernschmelze im Kernkraftwerk Fukushima I wird von der Regierung inzwischen eingeräumt. Greenpeace fordert die Ausweitung der Evakuierungszone. Ein Experte geht sogar noch weiter.

Eine Frau in einem Evakuierungszentrum in der Präfektur Fukushima wird auf Strahlenbelastungen untersucht. Greenpeace fordert die Ausweitung der Evakuierungszone. Quelle: Reuters

Eine Frau in einem Evakuierungszentrum in der Präfektur Fukushima wird auf Strahlenbelastungen untersucht. Greenpeace fordert die Ausweitung der Evakuierungszone.

DüsseldorfDie Umweltschutzorganisation Greenpeace hat scharfe Kritik an der bisherigen 20-Kilometer-Schutzzone rund um das havarierte Kernkraftwerk von Fukushima geübt. Strahlenexperten der Organisation hatten rund um die havarierte Atomanlage Fukushima Daiichi unabhängige Radioaktivitätsmessungen angestellt. Dabei haben sie noch in rund 40 Kilometer Entfernung hohe Strahlenwerte gefunden.

Für eine entsprechende Ausweitung der Evakuierungszone plädiert auch der Strahlenschutzexperte Sebastian Pflugbeil, Präsident der der Gesellschaft für Strahlenschutz. Im Interview mit Handelsblatt Online äußerte Pflugbeil sein Unverständnis darüber, dass die japanischen Behörden das gefährdete Gebiet nicht konsequent evakuierten. "So eine Evakuierung muss generalstabsmäßig durchgeplant werden. Ich weiß nicht, warum das nicht geschieht", so Pflugbeil.

Die japanische Regierung hatte die Bevölkerung im weiteren Umfeld der Atomanlage kürzlich lediglich dazu aufgefordert, Türen und Fenster geschlossen zu halten. Selbst in der Zone in unmittelbarer Umgebung des Reaktors duldet die Regierung, dass vor allem ältere Menschen inzwischen in ihre Häuser zurückgekehrt sind.

Was man zur Strahlenmessung wissen sollte

Welche Folgen hat Strahlung für die Gesundheit?

In sehr kleinen Dosen ist radioaktive Strahlung erlaubt. In Deutschland liegt zum Beispiel der zulässige Grenzwert für Menschen wie Mediziner, die beruflich bedingt damit zu tun haben, bei 20 Millisievert pro Jahr. Als Strahlenunfall bezeichnet das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) eine Dosis von mehr als 50 Millisievert.

Für einen Bereich von 1 bis sechs Sievert werden als Folgen Erbrechen, Fieber oder Haarausfall genannt. 1 Sievert entspricht 1000 Millisievert. Bei fünf bis 20 Sievert ist laut BfS unter anderem mit Blutungen zu rechnen. Nur im unteren Dosisbereich kann man demnach überleben. Bei mehr als 20 Sievert tritt der Tod binnen zwei Tagen ein.

Warum sind Jod, Cäsium oder Plutonium unterschiedlich gefährlich?

Das liegt unter anderem an der unterschiedlichen Halbwertszeit. Das ist die Zeit, nach der die Hälfte der radioaktiven Teilchen zerfallen ist. Bei dem in Japan ausgetretenen Jod betrage sie acht Tage, erklärte Atkinson. Gemäß einer wissenschaftlichen Norm gelte die Radioaktivität dabei nach 80 Tagen als abgeklungen. Bei Cäsium, das in Japan ebenfalls nachgewiesen wurde, dauert das je nach Isotop-Form 300 Jahre. Und beim Plutonium etwa aus den Mischoxid-Brennelementen (MOX) im Reaktor drei des havarierten AKW sind es mehrere tausend Jahre.

Warum sind die gemessenen Strahlungswerte so unterschiedlich?

Es wird nur punktuell gemessen. Daher können die Werte nie für eine ganze Region stehen, erläuterte der Leiter des Instituts für Strahlenbiologie am Helmholtz-Zentrum München, Professor Michael
Atkinson. „Sie können Hot Spots treffen, wo es zum Beispiel geregnet hat. Oder Sie messen im Schatten eines Gebäudes deutlich weniger.“ Dabei gebe es weder ein Richtig noch ein Falsch - „die Methode ist nun einmal so“. Eine Variante sei, immer an denselben Orten über mehrere Tage hinweg zu messen, um wenigstens den Verlauf verfolgen zu können.

Die biologische Wirkung der radioaktiven Strahlen wird in Sievert gemessen. Grenzwerte beziehen sich oft auf ein Jahr, die Messwerte in Japan werden oft pro Stunde angegeben. Lässt sich das umrechnen? Einige Experten sind der Meinung, dass dieselbe Strahlendosis verteilt über einen längeren Zeitraum weniger gefährlich ist. „Ich halte davon nichts, weil das Risiko kumulativ ist, sich also ansammelt“, sagte Atkinson. Beispielhaft könne man rechnen: Wer einen Tag lang einer Strahlung von 100 Mikrosievert pro Stunde ausgesetzt ist, bekommt insgesamt 2400 Mikrosievert oder 2,4 Millisievert ab. Das entspricht in etwa der natürlichen Hintergrundstrahlung in Deutschland im Jahr - zum Beispiel aufgrund radioaktiver Substanzen im Boden. Zwischen der Wirkung in beiden Fällen gebe es keinen Unterschied, sagte Atkinson.

Wie kommt Radioaktivität in Wasser und Lebensmittel?

Radioaktive Elemente wie Jod 131 oder Cäsium 137 sind zum Beispiel an feine Staubteilchen gebunden. Mit dem Regen gelangen die radioaktiven Stoffe nach der Freisetzung bei einem Atomunfall wieder auf die Erde - in den Boden, in Stauseen für Trinkwasser oder in Kläranlagen. „Radioaktives Cäsium 137 ähnelt, chemisch gesehen, dem Element Kalium“, erklärt Michael Welling, Sprecher des Johann Heinrich von Thünen-Instituts in Braunschweig. „Über den Boden und die Wurzeln gelangt daher auch Cäsium 137 in den Stoffwechsel der Zelle. Und von dort aus auch in eine Kuh, die auf der Weide frisst. Und über die Milch schließlich in den Menschen.“ Auch wenn der Mensch Gemüse direkt verzehrt, nimmt er die darin enthaltenen radioaktiven Stoffe auf.

Was bedeuten die Einheiten Becquerel und Sievert?

Becquerel beschreibt die Aktivität einer radioaktiven Substanz. Wenn in einem Stoff pro Sekunde ein Atom zerfällt, entspricht das dem Wert von einem Beqcuerel. Der amtliche Grenzwert beträgt in Deutschland 600 Becquerel pro Kilogramm Lebensmittel - für Milch und Babynahrung sind 370 Becquerel erlaubt. Der Wert selbst sagt aber noch nicht direkt etwas über die Gesundheitsgefahr aus.

Die Strahlenbelastung für den Menschen wird in Sievert gemessen. Ein Sievert ist dann erreicht, wenn pro Kilogramm Körpergewicht die Energiemenge von einem Joule aufgenommen wurde. Die natürliche Hintergrundstrahlung, die Menschen in Deutschland durchschnittlich abbekommen, liegt bei 2 Millisievert.

Die Experten von Greenpeace haben im Ort Tsushima etwa bis zu 100 Mikrosievert pro Stunde gemessen. Die maximale Jahresdosis der Strahlenbelastung würde dort in acht Stunden erreicht, so die Umweltschutzorganisation. Der Ort liegt deutlich außerhalb der von der japanischen Regierung festgelegten Evakuierungszone von 20 Kilometern und auch außerhalb der Zone von 30 Kilometern Umkreis, in der die Regierung den Bürgern lediglich empfiehlt, ihre Häuser zu verlassen.

Die Radioaktivität aus der Reaktor-Katastrophe habe sich ungleichmäßig über das Land verteilt, daher sei eine konstante 20 Kilometer-Evakuierungszone unzureichend, so die Greenpeace-Experten. Eine Einschätzung, die offenbar auch US-Behörden teilen. Schon kurz nach dem Beginn der Katastrophe war US-Bürgern empfohlen worden, eine Zone im Umkreis von 80 Kilometern rund um das Kernkraftwerk zu meiden.

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