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04.11.2015

10:17 Uhr

Rechtsstreit mit US-Regierung

Kinder klagen gegen den Klimawandel

Sie dürfen noch nicht wählen, aber sie möchten ein Wort mitreden, denn es geht auch um ihre Zukunft: Kinder und Jugendliche in den USA wollen die Regierung per Gericht zum Kampf gegen den Klimawandel zwingen.

In den USA wollen Kinder und Jugendliche per Gericht Regierung und Bundesstaaten zu stärkerem Kampf gegen den Klimawandel verpflichten. ap

Kinder gegen den Klimawandel

In den USA wollen Kinder und Jugendliche per Gericht Regierung und Bundesstaaten zu stärkerem Kampf gegen den Klimawandel verpflichten.

SeattleDer Klimawandel ist ein globales Problem. Aber irgendwo muss man ansetzen. Das meinen jedenfalls mehrere Kinder und Jugendliche in den USA. Sie wollen die Washingtoner Regierung und die Bundesstaaten per Gericht zwingen, mehr gegen die Treibhausgase zu tun.

Jugendliche in verschiedenen Teilen der USA haben ihre Bundesstaaten und die Regierung in Washington verklagt, um sie zu Maßnahmen gegen den Klimawandel zu zwingen. Sie argumentieren, dass ihre Generation die Hauptlasten des Treibhauseffekts zu tragen haben werde und die Regierenden auf allen Ebenen verpflichtet seien, die natürlichen Ressourcen zu schützen – als „öffentliches Treuhandvermögen“ für künftige Generationen. Und zu diesen Ressourcen gehöre die Atmosphäre.

Die wichtigsten Schlagworte zum Klimawandel

Globale Erwärmung

Seit Beginn des 20. Jahrhunderts ist die Temperatur auf der Erde um gut 0,8 Grad Celsius angestiegen. Das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts (von 2001 bis 2010) war nach Angaben der Weltorganisation für Meteorologie das heißeste seit 1881 - im Durchschnitt betrug die Temperatur 14,47 Grad an der Land- und Meeresoberfläche und damit 0,47 Grad mehr als im Durchschnitt zwischen 1961 und 1990.

Anstieg des Meeresspiegels

Der Anstieg des Meeresspiegels hat sich in den vergangenen 20 Jahren beschleunigt. Laut dem IPCC-Bericht von 2007 dürfte der Meeresspiegel bis zum Endes dieses Jahrhunderts um zwischen 18 und 59 Zentimeter ansteigen. Im neuen Bericht dürfte diese Zahl angehoben werden. Studien zufolge geht der Anstieg zu rund einem Drittel darauf zurück, dass sich das Wasser bei zunehmender Wärme ausdehnt, zu einem weiteren Drittel auf das Schmelzen von Gletschern und zu etwas weniger als einem Drittel auf das Abschmelzen der Eiskappen in Grönland und der Antarktis.

Eisschmelze

Die Arktis erlebte im vergangenen Jahr eine Rekord-Eisschmelze. Laut der US-Behörde für Ozeanologie und Atmosphärenforschung (NOAA) verkleinerte sich die Eisfläche in der Arktis 2012 auf 3,41 Millionen Quadratkilometer. Das ist die kleinste Fläche seit Beginn der Satelliten-Beobachtung der Region vor 34 Jahren und 18 Prozent weniger als der bisherige Niedrigrekord aus dem Jahr 2007. Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Gewässer rund um den Nordpol bis 2050 im Sommer eisfrei sein könnten.

Gletscherschwund

Bei Gebirgsgletschern wird weltweit eine starke Eisschmelze beobachtet, etwa im Himalaya-Gebirge oder in den südamerikanischen Anden. Die Gletscher der Pyrenäen zwischen Frankreich und Spanien könnten bis 2050 ganz verschwunden sein.

Extreme Wetterphänomene

In einem Sonderbericht hatte der Weltklimarat IPCC im November 2011 festgehalten, dass es im Zuge der Erderwärmung zu einer Zunahme extremer Wetterphänomene wie heftiger Regenfälle, Hitzewellen und Dürreperioden gekommen ist und diese Entwicklung anhalten wird. 2012 wurden laut eine Untersuchung etwa die Hälfte aller Extremwetterphänomene durch den Klimawandel verstärkt.

Artensterben

Unter einem weiteren Temperaturanstieg wird auch die Tier- und Pflanzenwelt leiden. Ein Anstieg zwischen 1,5 und 2,4 Grad im Vergleich zu den 20 letzten Jahren des 20. Jahrhunderts würde dafür sorgen, dass 20 bis 30 Prozent aller Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht würden.

Zwei-Grad-Ziel

Internationales Ziel ist es, den Temperaturanstieg bis zum Ende dieses Jahrhunderts auf zwei Grad zu beschränken. Laut dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen wird der Anstieg aber zwischen drei und fünf Grad betragen, wenn es bei den bisherigen Bemühungen zur Reduzierung von Treibhausgasen bleibt.

Climategate

Im November 2009 drangen Hacker in die Computer des Klimaforschungszentrums der University of East Anglia ein, stahlen mehrere tausend Dokumente und veröffentlichten sie im Internet als angebliche Belege für wissenschaftliches Fehlverhalten der Klimaforscher. Mehrere Untersuchungen unabhängiger Institutionen konnten allerdings keine Hinweise auf ein solches Fehlverhalten nachweisen.

Angeführt wird die Initiative für gerichtliche Vorstöße von der gemeinnützigen Organisation Our Children's Trust. Sie hat ihren Sitz in Oregon. Manche der Klagen sind abgewiesen worden, andere sind anhängig, so beispielsweise in Massachusetts, Pennsylvania, North Carolina und Oregon.

Ein steiler Weg bergauf

„Keine hat bisher die Zielgeraden erreicht“, sagt Michael Gerrard, ein auf Klimaschutz-Gesetze spezialisierter Professor an der Columbia University. „Es ist ein steiler Weg bergauf. Die US-Gerichte waren bisher abgeneigt, die Klimapolitik zu bestimmen.“ Andere Experten meinen, dass es unklar sei, wie ein Staat ein globales Problem bekämpfen könne.

In Seattle haben acht Aktivisten im Alter von zehn bis 15 Jahren den Staat Washington in einer Verwaltungsklage aufgefordert, auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse striktere Regulierungen zu ihrem Schutz vor den Folgen des Klimawandels vorzunehmen. Dieser Rechtsfall ist nach Angaben des Children's Trust bisher am weitesten fortgeschritten. Bei anderen anhängigen Klagen geht es noch um Fragen der Prozedur und um gerichtliche Zuständigkeiten.

„Wir sind diejenigen, die damit leben müssen, wenn die Ozeane säurehaltig sind und der Planet fünf Grad wärmer ist“, sagt der 13-jährige Schüler Gabriel Mandell, der zu den Klägern zählt. „Die Schneedecken schmelzen. Die Ozeane werden sauer. Die Erde erwärmt sich. Alles, was falsch laufen kann, läuft falsch, und wir müssen es in Ordnung bringen.“

Mandell und die anderen jugendlichen Mitkläger werden von der gemeinnützigen Anwaltsfirma Western Environment Law Center vertreten. Sie argumentieren, dass der Staat Washington es bisher versäumt habe, die Treibhausgasemissionen auf der Grundlage der besten verfügbaren Wissenschaft zu reduzieren. Das sei ein Verstoß gegen die staatliche Verfassung und das rechtliche Prinzip des „public trust“, nach dem öffentliche Ressourcen für die öffentliche Nutzung bewahrt und geschützt werden müssen.

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