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22.01.2008

09:56 Uhr

„Regelrechter Bauboom“

Energiebranche verspricht Investitionen

VonKlaus Stratmann

ExklusivDie Energiebranche ist trotz schwieriger Rahmenbedingungen entschlossen, in neue Kraftwerke zu investieren. Der Präsident des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW), Michael G. Feist, verweist dabei gegenüber dem Handelsblatt auf eine Reihe aktueller und zukünftiger Projekte.

BERLIN. Die Energiebranche will so viel neue Kraftwerke wie möglich bauen, trotz verschärfter Rahmenbedingungen. Der Präsident des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW), Michael G. Feist, wies im Gespräch mit dem Handelsblatt gestern auf eine Reihe von neuen Projekten hin. Im Bau sind Kraftwerke mit einer Leistung von 9 000 Megawatt, gebraucht werden in Deutschland aber 40 000 (Handelsblatt vom 21. Januar).

Allein zwischen 2001 und 2007 seien insgesamt 47 größere Kraftwerksanlagen mit einer Leistung von insgesamt etwa 8 400 Megawatt neu gebaut worden, sagte Feist. "Derzeit befinden sich 20 größere Anlagen im Bau. Das ist so viel wie lange nicht mehr." Zum Vergleich: Die Leistung des gesamten deutschen Kraftwerksparks beträgt zurzeit 129 000 Megawatt.

Nach Angaben des BDEW-Präsidenten sind die treibenden Kräfte des Baubooms nicht mehr allein die vier großen Energiekonzerne. "Im vergangenen Jahr sind sechs der sieben neuen, größeren Kraftwerke mit einer Gesamtleistung von 2 384 Megawatt von kleineren Anbietern oder Newcomern gebaut worden", sagte Feist. Bei den 20 Kraftwerken, die derzeit gebaut werden, gingen weitere sechs Anlagen auf das Konto kleinerer oder neuer Anbieter.

Doch nach Ansicht von Experten reicht der von Feist beschworene Bauboom nicht aus: Sie gehen davon aus, dass in Deutschland bis zum Jahr 2020 neue Kraftwerke mit einer Kapazität von insgesamt 40 000 Megawatt benötigt werden - sofern es beim Atomausstieg bleibt.

Eine Studie des Marktforschungsinstituts Trendresearch zeichnet ebenfalls ein weniger optimistisches Bild als der BDEW. Nach den Ergebnissen von Trendresearch strichen die Energieversorger allein 2007 Kraftwerksprojekte im Volumen von 6 500 Megawatt. Die Politik appelliert seit langem an die Branche, neue Anlagen zu bauen. "Wir brauchen dringend Investitionen in neue Kraftwerke. Außerdem können wir nicht auf die Kernkraft verzichten. Wir laufen sonst in eine Lücke", sagte Unionsfraktionsvize Katherina Reiche (CDU) dem Handelsblatt.

Der deutsche Kraftwerkspark gilt als veraltet. Wachsende Anforderungen an den Klimaschutz und steigende Anlagenpreise drücken jedoch auf die Renditen und erschweren die Planung. Der BDEW hält Warnungen vor Engpässen in der Versorgung aber für überzogen. Feist räumte ein, es formiere sich vermehrt Widerstand gegen Kraftwerke in der Bevölkerung.

Nach Angaben von Feist spürt die Branche deutlich das wachsende Preisbewusstsein der Stromverbraucher: "Wir haben bei unseren Umfragen festgestellt, dass die Kunden sensibilisiert sind und der Markt richtig in Bewegung ist. 2007 haben rund eine Million Kunden ihren Anbieter gewechselt. Insgesamt haben elf Prozent der Kunden Verträge mit einem neuen Anbieter abgeschlossen", sagte Feist. Viele Haushaltskunden fühlten sich zwar ihrem Stromunternehmen vor Ort verbunden, wechselten aber bei ihrem bisherigen Lieferanten den Tarif. "Die Verbraucher haben registriert, dass der Wettbewerb funktioniert und ihnen nutzt." Der Trend der steigenden Wechselbereitschaft werde anhalten. Feist räumte ein, der Branche sei es in der Vergangenheit oftmals nicht gelungen, die Gründe für Preissteigerungen richtig darzustellen.

Die Unternehmen sehen sich seit geraumer Zeit dem Vorwurf ausgesetzt, gezielt an der Preisschraube zu drehen. Einer der Hauptgründe für das hohe Strompreisniveau ist aus der Sicht von Politik und Verbraucherschützern der mangelnde Wettbewerb bei der Stromerzeugung. Die Bundesregierung hat daher in den vergangenen Monaten eine Reihe von Reformen auf den Weg gebracht, die den Wettbewerb auf dem Energiemarkt ankurbeln sollen. Aus Sicht von Feist müssten diese Regelungen nun zunächst ihre Wirkung entfalten. "Weitere Eingriffe in den Wettbewerbsmarkt würden neue Marktteilnehmer verschrecken. Und das sorgt bestimmt nicht für mehr Wettbewerb."

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