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19.06.2012

09:24 Uhr

„Rio+20“-Gipfel

Brasilien auf dem Weg zum Industrieland

VonFrank Specht

Brasilien hat einen steinigen Weg vor sich. Der Gastgeber des „Rio+20“-Gipfels muss auf dem Weg zum Industrieland gleichzeitig den Regenwald erhalten. Einige Erfolge wurden schon errungen - doch sie sind in Gefahr.

Eine illegal abgeholzte Lichtung im brasilianischen Regenwald. Reuters

Eine illegal abgeholzte Lichtung im brasilianischen Regenwald.

ItacaréUmweltschutz konnte sich Eilson Santos lange nicht leisten. Vor 23 Jahren siedelte sich der Kleinbauer im Hinterland der brasilianischen Stadt Itacaré an, mitten im Küstenregenwald, der Mata Atlântica. Er rodete ein Stück Land, um Maniok anzupflanzen, und baute eine Lehmhütte für sich, seine Frau und seinen Sohn. Für die kleine Familie ging es um die Existenz, der Wald stand im Weg.

Heute rührt der 64-Jährige keinen der Bäume mehr an, die noch knapp die Hälfte seines neun Hektar großen Besitzes bedecken. Stattdessen betreibt er — auch mit deutscher Hilfe — ökologische Landwirtschaft und verkauft Ananas, Gemüse und Eier an das Txai Resort: Die Luxus-Ferienanlage an der Küste nimmt dem Kleinbauern nicht nur seine Produkte ab, sondern hat ihm auch den Hühnerstall oder Futter für die Tiere finanziert. Santos schützt die Umwelt, und die Urlauber bezahlen für die intakte Natur.

Der Kleinbauer Eilson Santos. Foto: Werner Rudhart/GIZ

Der Kleinbauer Eilson Santos.

Foto: Werner Rudhart/GIZ

Die Geschichte steht beispielhaft für den Zielkonflikt, um den es beim „Rio+20“-Gipfel vom 20. bis 22. Juni geht — und dem sich der Gastgeber auf dem Weg vom Schwellen- zum Industrieland stellen muss: Wie lassen sich Umwelt- und Klimaschutz mit wirtschaftlichem Wachstum und sozialem Fortschritt vereinbaren? Wie kann sich Brasilien mit seinen 197 Millionen Einwohnern — schon heute die sechstgrößte Volkswirtschaft der Welt — weiterentwickeln und gleichzeitig den Regenwald erhalten, die grüne Lunge des Planeten, die für das Weltklima von enormer Bedeutung ist?

Von Santos’ Heimat sind es gut 900 Kilometer in die Hauptstadt Brasilia. Dort hat das Chico-Mendes-Institut seinen Sitz, das für das Umweltministerium die staatlichen Schutzgebiete verwaltet. „Der Name ist Programm“, sagt der Agraringenieur Ricardo Vizentin, der das Institut seit März leitet: Der Kautschukzapfer Chico Mendes bezahlte das Engagement für den Wald und gegen die Agrarindustrie 1988 mit seinem Leben. Und auf den ersten Blick scheint es, als ging mit seinem Tod auch der Kampf gegen die Entwaldung verloren. Gut 6 000 Quadratkilometer Regenwald wurden im Namen der wirtschaftlichen Entwicklung 2011 allein im Amazonasgebiet abgeholzt oder verbrannt — eine Fläche, die rund 840 000 Fußballfeldern entspricht. Knapp 40 Milliarden Dollar verdient Brasilien Jahr für Jahr mit dem Holzexport. Besonders schlecht ist es um die Mata Atlântica bestellt, von der nur noch 27 Prozent erhalten sind. Die dichte Besiedelung und die industriellen Zentren an der Küste setzen dort dem Regenwald besonders zu.

Die Welt berät über Nachhaltigkeit in Rio

Was sind die Themen des Gipfels?

Bei den Verhandlungen soll es vor allem darum gehen, wie das Prinzip einer "Grünen Wirtschaft" verankert werden kann sowie um institutionelle Veränderungen unter dem Dach der Vereinten Nationen. Diskutiert wird unter anderem darüber, die Kommission für Nachhaltige Entwicklung durch einen Nachaltigkeitsrat zu ersetzen und das UN-Umweltprogramm (UNEP) zu einer UN-Umweltorganisation aufzuwerten. Während der Vorverhandlungen hat sich ein drittes Schwerpunktthema herauskristallisiert, die Verständigung auf Ziele für nachhaltige Entwicklung.

Warum "Grüne Wirtschaft"?

Die UN-Staaten wollen so die Brücke schlagen zwischen Entwicklung auf der einen und Umweltschutz auf der anderen Seite. Das UN-Umweltprogramm hat vor einigen Monaten vorgerechnet, dass es möglich ist, den Übergang zu einer kohlendioxidarmen und ressourcenschonenden Weltwirtschaft zu ermöglichen. Allerdings würde dies jährliche Investitionen von zwei Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts erfordern. Skeptiker kritisieren, das Prinzip der "Green Economy" bleibe hinter dem der Nachhaltigkeit zurück, weil die soziale Komponente fehle.

Ist Rio+20 eine Klimakonferenz?

Nein, der Rio-Gipfel ist ausdrücklich keine Klimakonferenz. Nach dem Scheitern der Klimakonferenz in Kopenhagen war zwischenzeitlich überlegt worden, einen neuen Klimavertrag in Rio zu beschließen - 20 Jahre nach der Verständigung auf die Klimarahmenkonvention. Auf der letzten Konferenz im südafrikanischen Durban wurde nun aber festgelegt, bis 2015 über ein neues Abkommen weiterzuverhandeln. Ende des Jahres werden die Beratungen in Katar fortgesetzt. Selbstverständlich wird Klimaschutz aber ebenso Thema des Rio-Gipfels sein wie etwa Landwirtschaft, Wasserqualität, Bodenschutz Energieversorgung und Artenvielfalt.

Was will Deutschland?

Deutschland unterstützt das Konzept der "Green Economy", setzt aber auf eine starke Betonung des Umweltaspekts. Außerdem setzt sich Deutschland für eine Aufwertung der UNEP zu einer Umweltorganisation ein, um den Einfluss der Umwelt innerhalb der Vereinten Nationen zu stärken. Die Kommission für Nachhaltige Entwicklung soll ebenfalls aufgewertet und ein Sonderbeauftragter für Nachhaltigkeit eingesetzt werden, um diesem Anliegen ein Gesicht zu geben. Deutschland verhandelt allerdings nicht unabhängig, sondern unter im Rahmen der EU.

Wer vertritt Deutschland bei den Verhandlungen?

Umweltminister Peter Altmaier (CDU) und Entwicklungsminister Dirk Niebel (FDP) sind das deutsche Gesicht der Verhandlungen. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat ihre Teilnahme am Gipfel vor einigen Wochen abgesagt. Insgesamt werden zwischen 100 und 120 Staats- und Regierungschefs erwartet. Die Delegation der Europäischen Union wird von Kommissionschef José Manuel Barroso geleitet.

Was kann bei dem Gipfel herauskommen?

Ein international verbindliches Abkommen wird nicht angestrebt. Stattdessen wird es eine Abschlusserklärung geben, in der das Prinzip des "Grünen Wirtschaftens" ebenso festgelegt werden soll wie Grundzüge der künftigen institutionellen Struktur. Voraussichtlich werden sich die Teilnehmerstaaten zudem darauf verständigen, neue Nachhaltigkeitsziele zu formulieren, die anders als die Millenniumsziele auch für die Industriestaaten gelten sollen. Der Entwurf des Abschlussdokuments mit dem Titel "Die Zukunft, die wir wollen" enthält außerdem Details zu zahlreichen Aspekten der internationalen Umwelt- und Entwicklungspolitik sowie das Bekenntnis zu früheren Beschlüssen.

Was passiert in Rio abseits der offiziellen Verhandlungen?

Die Zivilgesellschaft veranstaltet einen Gegengipfel, zu dem mehrere zehntausend Menschen erwartet werden. Vertreter der Occupy-Bewegung haben sich ebenso angemeldet wie Akteure des Arabischen Frühlings. Da die Erwartungen an die offizielle Konferenz gering sind, streben die Teilnehmer des sogenannten People's Summit eine eigene Abschlusserklärung an. Anders als die offizielle UN-Konferenz beginnt der Gegengipfel bereits an diesem Freitag.

Und doch kann Vizentin auf große Erfolge verweisen. Gut ein Drittel des Waldes in Brasilien steht heute unter staatlichem Schutz. Und auch private Grundbesitzer dürfen nicht beliebig die Säge ansetzten, sondern müssen — je nach Region unterschiedliche — Baumbestände stehen lassen. Im Amazonasgebiet ist so die Entwaldungsrate seit 2004 um 75 Prozent zurückgegangen. Auch in den Savannengebieten des Cerrado, dem landwirtschaftlichen Zentrum des Landes, fressen sich Soja- oder Zuckerrohrplantagen dank moderner Satellitenüberwachung nicht mehr ungebremst in den noch vorhandenen Baumbestand.

Kommentare (1)

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27.06.2012, 20:23 Uhr

Der Regenwald ist nicht die grüne Lunge des Planeten. Dies ist seit etwa 20 Jahren bekannt.
Infolge der starken Verdunstung und der damit verbundenen Wolkenbildung könnte man den Regenwald als Klimaanlage des Planeten bezeichnen.
Der von den Bäumen emittierte Sauerstoff wird von den Mikroben während der Zersetzung des Biomaterials vollständig aufgebraucht. Der Sauerstoff entsteht überwiegend in den Brandungszonen der Küsten.
Wolkenbildung, Regenmengen, und reflektiertes Sonnenlicht, welches die Erdoberfläche nicht aufheizt, wirken global stark abkühlend.
Der Erderwärmung, nicht der CO2 - Anreicherung, wirkt der Regenwald entgegen.

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