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26.04.2011

08:25 Uhr

Super-GAU Tschernobyl

Noch immer strahlen Schweine und Pilze

Vor 25 Jahren ereignete sich in Tschernobyl der schwerwiegendste Nuklearunfall der Geschichte. Die Folgen sind bis heute spürbar: Wildschweine und Pilze aus Bayern sind zum Teil immer noch radioaktiv belastet.

Ein wenige Tage alter Wildschwein-Frischling mit dem Muttertier. Im bayerischen Wald sind Wildschweine durch den Genuss von belasteten Pilzen teilweise noch immer verstrahlt. Quelle: dpa

Ein wenige Tage alter Wildschwein-Frischling mit dem Muttertier. Im bayerischen Wald sind Wildschweine durch den Genuss von belasteten Pilzen teilweise noch immer verstrahlt.

MünchenZwei, drei Mal im Jahr kommt bei Edmund Lengfelder ein Wildschweinbraten auf den Tisch. Das Fleisch stammt von Jägern aus seinem Bekanntenkreis. Doch bevor der Braten in den Ofen geschoben wird, zückt der Münchner Strahlenbiologe und altgediente Atomkritiker einen Geigerzähler und fahndet nach Spuren radioaktiver Stoffe. „Das Fleisch wird systematisch auf Verstrahlung untersucht. Ich werde sicherstellen, dass kein Becquerel aus Tschernobyl in meinen Körper kommt.“

Tschernobyl - das Schreckenswort. Am 26. April 1986 explodierte Block A des sowjetischen Atomkraftwerks in dem damals völlig unbekannten ukrainischen Ort. Bei dem anschließenden Brand stiegen große Mengen radioaktiver Stoffe in die Atmosphäre auf. Wind trieb die kontaminierten Wolken auch nach Deutschland. Wo sie abregneten, war der Boden radioaktiv verseucht. Bis heute sind die Nachwirkungen dieses - trotz Fukushima - bislang wohl folgenschwersten Reaktorunfalls zu spüren, vor allem in Süddeutschland.

Cäsium-137 im Waldboden

Unter den strahlenden Substanzen, die damals als sogenannter Fallout auf Bayern herabregneten, waren Stoffe wie Jod und Cäsium-134. Sie sind mittlerweile zerfallen. „Praktisch relevant“ ist heute nach Auskunft des Bayerischen Landesamtes für Umwelt nur noch das längerlebige Cäsium-137 mit einer Halbwertzeit von 30 Jahren. Halbwertzeit nennt man die Zeit, in der die Hälfte aller Atome einer Probe zerfallen sind. Cäsium-137 hat sich vor allem in Waldböden angesammelt.

Nicht ganz Bayern wurde damals gleich stark kontaminiert. Als besonders belastet gelten Teile des Bayerischen Waldes entlang der tschechischen Grenze, das Berchtesgadener Land, der südliche Landkreis Miesbach und eine große Zone westlich von Augsburg.

„Überall dort, wo es Ende April 1986 starke Regenfälle und Gewitter gab“, sagt Lengfelder. Die Maßeinheit Becquerel misst die Aktivität eines radioaktiven Stoffes. Sie gibt an, wie viele Atome pro Sekunde zerfallen. Für Lebensmittel gilt in der Europäischen Union ein Grenzwert von 600 Becquerel Radiocäsium pro Kilogramm, für Milch nur 370 Becquerel. Nahrungsmittel, die über diesen Werten liegen, dürfen nicht in den Handel gebracht werden.

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