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26.09.2013

19:52 Uhr

Weltklimabericht

Die (Un)Gewissheiten der Klimaforschung

Hundertprozentige Gewissheiten über die Ursachen des Klimawandels können Forscher derzeit nicht versprechen, allenfalls 95 Prozent. Für einige Menschen außerhalb des Wissenschaftsbetriebs ist das keineswegs ausreichend.

Es besteht ein Ungleichgewicht zwischen dem, was Wissenschaftler als sicher bezeichnen und dem, was die Öffentlichkeit darunter versteht. dpa

Es besteht ein Ungleichgewicht zwischen dem, was Wissenschaftler als sicher bezeichnen und dem, was die Öffentlichkeit darunter versteht.

WashingtonRenommierte Wissenschaftler diverser Fachrichtungen sind überzeugt: Die Klimaerwärmung ist eine reale, vom Menschen verursachte Bedrohung. Aber wie sicher sind sie wirklich? Die Forscher nennen eine Zahl, aber die lautet nicht 100, sondern nur 95 Prozent. Und für einige Menschen außerhalb des Wissenschaftsbetriebs ist das nicht genug.

Es besteht ein Ungleichgewicht zwischen dem, was Wissenschaftler als sicher bezeichnen und dem, was die Öffentlichkeit darunter versteht – sagen Wissenschaftler. Diese unterschiedliche Wahrnehmung ist von großer Bedeutung, wenn Klimaforscher am Freitag in Stockholm den Weltklimabericht vorstellen. Darin werden sie es als „extrem wahrscheinlich“ bezeichnen, dass der Mensch für einen Großteil des weltweiten Temperaturanstiegs seit 1951 verantwortlich ist.

Die wichtigsten Schlagworte zum Klimawandel

Globale Erwärmung

Seit Beginn des 20. Jahrhunderts ist die Temperatur auf der Erde um gut 0,8 Grad Celsius angestiegen. Das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts (von 2001 bis 2010) war nach Angaben der Weltorganisation für Meteorologie das heißeste seit 1881 - im Durchschnitt betrug die Temperatur 14,47 Grad an der Land- und Meeresoberfläche und damit 0,47 Grad mehr als im Durchschnitt zwischen 1961 und 1990.

Anstieg des Meeresspiegels

Der Anstieg des Meeresspiegels hat sich in den vergangenen 20 Jahren beschleunigt. Laut dem IPCC-Bericht von 2007 dürfte der Meeresspiegel bis zum Endes dieses Jahrhunderts um zwischen 18 und 59 Zentimeter ansteigen. Im neuen Bericht dürfte diese Zahl angehoben werden. Studien zufolge geht der Anstieg zu rund einem Drittel darauf zurück, dass sich das Wasser bei zunehmender Wärme ausdehnt, zu einem weiteren Drittel auf das Schmelzen von Gletschern und zu etwas weniger als einem Drittel auf das Abschmelzen der Eiskappen in Grönland und der Antarktis.

Eisschmelze

Die Arktis erlebte im vergangenen Jahr eine Rekord-Eisschmelze. Laut der US-Behörde für Ozeanologie und Atmosphärenforschung (NOAA) verkleinerte sich die Eisfläche in der Arktis 2012 auf 3,41 Millionen Quadratkilometer. Das ist die kleinste Fläche seit Beginn der Satelliten-Beobachtung der Region vor 34 Jahren und 18 Prozent weniger als der bisherige Niedrigrekord aus dem Jahr 2007. Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Gewässer rund um den Nordpol bis 2050 im Sommer eisfrei sein könnten.

Gletscherschwund

Bei Gebirgsgletschern wird weltweit eine starke Eisschmelze beobachtet, etwa im Himalaya-Gebirge oder in den südamerikanischen Anden. Die Gletscher der Pyrenäen zwischen Frankreich und Spanien könnten bis 2050 ganz verschwunden sein.

Extreme Wetterphänomene

In einem Sonderbericht hatte der Weltklimarat IPCC im November 2011 festgehalten, dass es im Zuge der Erderwärmung zu einer Zunahme extremer Wetterphänomene wie heftiger Regenfälle, Hitzewellen und Dürreperioden gekommen ist und diese Entwicklung anhalten wird. 2012 wurden laut eine Untersuchung etwa die Hälfte aller Extremwetterphänomene durch den Klimawandel verstärkt.

Artensterben

Unter einem weiteren Temperaturanstieg wird auch die Tier- und Pflanzenwelt leiden. Ein Anstieg zwischen 1,5 und 2,4 Grad im Vergleich zu den 20 letzten Jahren des 20. Jahrhunderts würde dafür sorgen, dass 20 bis 30 Prozent aller Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht würden.

Zwei-Grad-Ziel

Internationales Ziel ist es, den Temperaturanstieg bis zum Ende dieses Jahrhunderts auf zwei Grad zu beschränken. Laut dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen wird der Anstieg aber zwischen drei und fünf Grad betragen, wenn es bei den bisherigen Bemühungen zur Reduzierung von Treibhausgasen bleibt.

Climategate

Im November 2009 drangen Hacker in die Computer des Klimaforschungszentrums der University of East Anglia ein, stahlen mehrere tausend Dokumente und veröffentlichten sie im Internet als angebliche Belege für wissenschaftliches Fehlverhalten der Klimaforscher. Mehrere Untersuchungen unabhängiger Institutionen konnten allerdings keine Hinweise auf ein solches Fehlverhalten nachweisen.

„Extrem wahrscheinlich“ bedeutet, dass sie zu 95 Prozent sicher sind, wie es in den Fußnoten heißt. Ein beteiligter Klimaforscher sagte sogar, der Rat könne in einigen Abschnitten sogar die Formulierung „praktisch sicher“ verwenden, was einer Sicherheit von 99 Prozent entspricht.

Einige Skeptiker der Klimaerwärmung blicken spottend auf die 95 Prozent Gewissheit. Schließlich würde auch kein Passagier an Bord eines Flugzeugs gehen, das nur mit 95-prozentiger Wahrscheinlichkeit sicher landen würde. In der Wissenschaft jedoch entspricht eine Wahrscheinlichkeit von 95 Prozent den höchsten Ansprüchen.

„Unsicherheit wohnt jedem wissenschaftlichen Urteil inne“, erklärt der Epidemiologe Thomas Burke von der Johns-Hopkins-Universität. Sein Kollege George Gray vom Zentrum für Risikoforschung und Öffentliche Gesundheit der George-Washington-Universität erklärt, die Forderung nach einem absoluten Beweis sei auf manchen Gebieten nicht sinnvoll. „Eine Gruppe von Menschen scheint zu glauben, wenn Wissenschaftler nicht sicher sind, sollten wir nichts tun“, sagt er. „Das ist verrückt. Wir sind unsicher und kaufen Versicherungen.“

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