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18.05.2015

18:46 Uhr

Zwei-Grad-Ziel

Der heilige Gral der Klimapolitik

VonThomas Trösch

In Berlin beraten Politiker aus 35 Ländern über den Klimawandel. Im Mittelpunkt ihrer Bemühungen: das Zwei-Grad-Ziel. Für die Politik der Heilsweg aus der Klimafalle, ist die Sache wissenschaftlich längst nicht so klar.

Das Zwei-Grad-Ziel zu einem dominierenden Faktor in den öffentlichen Debatten zum Klimawandel geworden. dpa

Das Zwei-Grad-Ziel zu einem dominierenden Faktor in den öffentlichen Debatten zum Klimawandel geworden.

BerlinNun reden sie also wieder über das Klima. Der Petersberger Klimadialog, zu dem sich aktuell Umweltpolitiker aus 35 Ländern in Berlin versammelt haben, ist das jüngste Glied in einer gefühlt endlosen Kette von Klimakonferenzen, mit denen die Politik auf die Herausforderungen des vom Menschen verursachten Klimawandels zu reagieren versucht.

Vorbereitung des Klimagipfels von Paris steht in Berlin auf dem Programm – und damit auch die Vorbereitung eines neuen Weltklimavertrags, den die Delegierten Ende des Jahres in der französischen Hauptstadt unterzeichnen sollen. Im Mittelpunkt aller klimapolitischen Bemühungen: das Zwei-Grad-Ziel, also die Begrenzung der globalen Erwärmung auf maximal zwei Grad Celsius im Vergleich zur vorindustriellen Zeit.

Erstmals formuliert von dem US-Ökonomen William D. Nordhaus Mitte der 1970er-Jahre, hat sich das Zwei-Grad-Ziel im Laufe der Jahre zu einer Monstranz entwickelt, die Politiker gerne vor sich hertragen, wenn sie die Bekämpfung des Klimawandels thematisieren. 2009 fand das Ziel Eingang in den Abschlussbericht der Weltklimakonferenz in Kopenhagen, nachdem sich im gleichen Jahr bereits die Staats- und Regierungschefs beim G8-Gipfel im italienischen L’Aquila dazu bekannt hatten.

Die wichtigsten Schlagworte zum Klimawandel

Globale Erwärmung

Seit Beginn des 20. Jahrhunderts ist die Temperatur auf der Erde um gut 0,8 Grad Celsius angestiegen. Das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts (von 2001 bis 2010) war nach Angaben der Weltorganisation für Meteorologie das heißeste seit 1881 - im Durchschnitt betrug die Temperatur 14,47 Grad an der Land- und Meeresoberfläche und damit 0,47 Grad mehr als im Durchschnitt zwischen 1961 und 1990.

Anstieg des Meeresspiegels

Der Anstieg des Meeresspiegels hat sich in den vergangenen 20 Jahren beschleunigt. Laut dem IPCC-Bericht von 2007 dürfte der Meeresspiegel bis zum Endes dieses Jahrhunderts um zwischen 18 und 59 Zentimeter ansteigen. Im neuen Bericht dürfte diese Zahl angehoben werden. Studien zufolge geht der Anstieg zu rund einem Drittel darauf zurück, dass sich das Wasser bei zunehmender Wärme ausdehnt, zu einem weiteren Drittel auf das Schmelzen von Gletschern und zu etwas weniger als einem Drittel auf das Abschmelzen der Eiskappen in Grönland und der Antarktis.

Eisschmelze

Die Arktis erlebte im vergangenen Jahr eine Rekord-Eisschmelze. Laut der US-Behörde für Ozeanologie und Atmosphärenforschung (NOAA) verkleinerte sich die Eisfläche in der Arktis 2012 auf 3,41 Millionen Quadratkilometer. Das ist die kleinste Fläche seit Beginn der Satelliten-Beobachtung der Region vor 34 Jahren und 18 Prozent weniger als der bisherige Niedrigrekord aus dem Jahr 2007. Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Gewässer rund um den Nordpol bis 2050 im Sommer eisfrei sein könnten.

Gletscherschwund

Bei Gebirgsgletschern wird weltweit eine starke Eisschmelze beobachtet, etwa im Himalaya-Gebirge oder in den südamerikanischen Anden. Die Gletscher der Pyrenäen zwischen Frankreich und Spanien könnten bis 2050 ganz verschwunden sein.

Extreme Wetterphänomene

In einem Sonderbericht hatte der Weltklimarat IPCC im November 2011 festgehalten, dass es im Zuge der Erderwärmung zu einer Zunahme extremer Wetterphänomene wie heftiger Regenfälle, Hitzewellen und Dürreperioden gekommen ist und diese Entwicklung anhalten wird. 2012 wurden laut eine Untersuchung etwa die Hälfte aller Extremwetterphänomene durch den Klimawandel verstärkt.

Artensterben

Unter einem weiteren Temperaturanstieg wird auch die Tier- und Pflanzenwelt leiden. Ein Anstieg zwischen 1,5 und 2,4 Grad im Vergleich zu den 20 letzten Jahren des 20. Jahrhunderts würde dafür sorgen, dass 20 bis 30 Prozent aller Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht würden.

Zwei-Grad-Ziel

Internationales Ziel ist es, den Temperaturanstieg bis zum Ende dieses Jahrhunderts auf zwei Grad zu beschränken. Laut dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen wird der Anstieg aber zwischen drei und fünf Grad betragen, wenn es bei den bisherigen Bemühungen zur Reduzierung von Treibhausgasen bleibt.

Climategate

Im November 2009 drangen Hacker in die Computer des Klimaforschungszentrums der University of East Anglia ein, stahlen mehrere tausend Dokumente und veröffentlichten sie im Internet als angebliche Belege für wissenschaftliches Fehlverhalten der Klimaforscher. Mehrere Untersuchungen unabhängiger Institutionen konnten allerdings keine Hinweise auf ein solches Fehlverhalten nachweisen.

Spätestens mit diesem Zeitpunkt ist das Zwei-Grad-Ziel zu einem dominierenden Faktor in den öffentlichen Debatten zum Klimawandel geworden. Doch so griffig die Zwei-Grad-Marke auch ist, ihre Bedeutung als Gradmesser für die globalen Klimaveränderungen ist unter Wissenschaftlern keineswegs unumstritten.

„Begrabt das Zwei-Grad-Ziel“ titelten beispielsweise vor wenigen Monaten zwei US-Forscher im Wissenschaftsmagazin „Nature“. Für Charles Kennel, emeritierter Direktor der Scripps Institution of Oceanography in San Diego, und David Victor von der University of California in San Diego ist das Zwei-Grad-Ziel eine „dreiste Vereinfachung“, die „politisch und wissenschaftlich“ in die falsche Richtung führe.

Politisch, weil es Politikern erlaube, sich unverbindlich an einer künftigen Entwicklung abzuarbeiten und so davon abzulenken, dass sie die heute bereits konkret bestehenden Umweltprobleme nicht anpacken. Und wissenschaftlich, weil die globale Durchschnittstemperatur nur bedingt als Indikator für globale Klimaveränderungen tauge. So heize sich etwa die Arktis ungebremst auf, obwohl die Mitteltemperatur der Erde in den vergangenen Jahren kaum anstieg.

Für völlig abwegig halten Kennel und Victor zudem die „heroischen Annahmen“, die den Simulationen zum Zwei-Grad-Ziel zugrunde liegen – also etwa die Vorgabe einer umfassenden und kurzfristig umzusetzenden Zusammenarbeit aller Staaten, um den Ausstoß an Treibhausgasen zu minimieren. Tatsächlich müsste eine solche Zusammenarbeit rasch realisiert werden, denn der Spielraum wird immer enger: Seit dem Beginn der Industrialisierung Mitte des 19. Jahrhunderts sind die globalen Temperaturen bereits um 0,8 Grad Celsius gestiegen. Das Zwei-Grad-Ziel ist also eigentlich nur noch ein 1,2-Grad-Ziel.

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