Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

02.11.2014

08:28 Uhr

Absturz von Spaceship Two

Der Milliardärsritt auf der „potenziellen Bombe“

VonAxel Postinett

Das Spaceship Two sollte Touristen an den Rand des Weltalls transportieren. Der Traum von Unternehmer Richard Branson droht nach einem Absturz bei einem Testflug zu zerplatzen. Nicht nur sein Vorhaben könnte scheitern.

Spaceship Two

Testflug: Raumflieger stürzt in der Wüste ab

Spaceship Two: Testflug: Raumflieger stürzt in der Wüste ab

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

San FranciscoRichard Branson ist alt geworden. Mit versteinerten Gesichtszügen, übernächtigt vom Flug nach Kalifornien und sichtlich angespannt, trat der Unternehmer aus Großbritannien am Samstag vor die Presse auf dem Raumflughafen „Mojave Air and Space Port“. Die Schicksalsfrage kam ganz zum Schluss der kurzen und bewegten Ansprache zum Absturz seines Raumschiffs am Freitag und zum Tod eines seiner Testpiloten: Ob er weiterhin persönlich beim ersten kommerziellen Flug von „Spaceship Two“ an Bord sein werde, ruft ihm ein Journalist zu. Der Milliardär, der schon bei diversen Hochsee-Abenteuern sein Leben riskiert hat, zögert kurz, dann nickt er erschöpft.

Eigentlich wollte der 64-Jährige schon längst im All gewesen sein. Aber die Aufnahme der kommerziellen Raumfahrt mit Passagieren musste immer wieder verschoben werden. Jetzt liegt sein einziges flugfähiges Raumschiff, das ihn eigentlich zusammen mit fünf anderen Passagieren Anfang 2015 in All schicken sollte, zerschellt im Wüstensand.

Ob er und rund 700 zahlende Kunden, die bereits je 250.000 Dollar für einen kurzen Ausflug in den Weltall mit Bransons Firma Virgin Galatic auf den Tisch gelegt haben, jemals abheben werden, hängt jetzt von Christopher Hart und seinem 15-köpfigen Team ab. Seine Behörde, das National Transportation Safety Board (NTSB), kümmert sich sonst um Autounfälle, entgleiste Züge oder abgestürzte Flugzeuge. Jetzt muss er zum ersten Mal einen Unfall mit Todesfolge in der bemannten kommerziellen Raumfahrt untersuchen. Er sagte in einer ersten Einschätzung: „Wenn die Wrackteile so zerstreut sind wie diese hier, weist dies auf die Wahrscheinlichkeit eines Zerbrechens während des Fluges hin.“

Virgin Galactic und der Raumfahrttourismus

Eigentümer

Virgin Galactic ist ein Gemeinschaftsunternehmen von Bransons Konzern Virgin Group, der zuletzt auch immer wieder in der Formel 1 aktiv war, und einer Investmentfirma aus den Vereinigten Arabischen Emiraten namens Aabar Investments. Aabar hat nach eigenen Angaben 280 Millionen Dollar für einen Anteil von 32 Prozent am Unternehmen gezahlt. Im Gegenzug wurde Abu Dhabi ein Start von Touristen- und Forschungsraumflügen aus den Emiraten in Aussicht gestellt.

Große Träume

Branson und Virgin Galactic haben wiederholt ihre ambitionierten Ziele kundgetan, das private Raumfahrtzeitalter einzuläuten - auch wenn es häufiger Verzögerungen in der Entwicklung und bei Raketentests gab. Schon 2008 hatte Branson versprochen, dass der Jungfernflug innerhalb von 18 Monaten stattfinden würde. In Interviews im vergangenen Monat kündigte er an, dass der erste Raumflug noch vor Weihnachten abheben könne. Er und sein Sohn würden hoffen, am ersten Passagierflug vielleicht schon im März teilnehmen zu können. Dieses Ziel erscheint nach dem Unfall vom Freitag mehr als unwahrscheinlich.

Umfangreiche Tests

Das Raumschiff wurde gebaut von Scaled Composites, einer Firma des berühmten Raumfahrtdesigners Burt Rutan. Nach Angaben von Virgin Galactic war der fatale Test am Freitag der 55. Flug von „SpaceShipTwo“. Das Trägerflugzeug „WhiteKnightTwo“, das das Raumschiff auf eine Höhe von mehreren Kilometern bringen sollte, war insgesamt sogar 173 Mal gestartet. Nach Unternehmensangaben waren die etlichen Tests und die lange Entwicklungszeit notwendig, um eine maximale Sicherheit zu gewährleisten. „Die Kunden warten eifrig darauf, zu fliegen, aber sie wissen, dass wir erst fliegen werden, wenn wir bereit sein“, sagte Geschäftsführer George Whitesides im September.

Buchungen

Ein Flug ins Weltall soll bei Virgin Galactic 250 000 Dollar kosten. Das Unternehmen hatte im Oktober mitgeteilt, dass rund 700 Passagiere mehr als 80 Millionen Dollar hinterlegt hätten. Der Konzern hofft, möglicherweise auch Festverbindungen zu fliegen, wie es gewöhnliche Fluglinien tun, beispielsweise von New York nach Australien - mit der Ausnahme, dass diese Reise nur 40 Minuten dauern würde, wie Branson angekündigt hatte.

Prominente

Der extrovertierte Galactic-Gründer Branson zählt mit seinen zotteligen Haaren zu den auffälligsten Unternehmern der Welt. Der 64-Jährige besitzt eine Privatinsel in der Karibik, seine Virgin Group verfügt über Anteile an Firmen im Flugverkehr, in der Unterhaltungsindustrie, in der Telekommunikation und in weiteren Branchen. Die Passagierliste von Virgin Galactic ist gespickt mit Namen wie denjenigen des Schauspielers Ashton Kutcher, des Sängers Justin Bieber und des Physikers Stephen Hawking.

Quelle: AP

Was er herausfinden und empfehlen wird, wird massiven Einfluss auf die private Raumfahrtindustrie der USA haben. Sie schien zuletzt auf der Sonnenseite zu stehen und urplötzlich ist sie in der Existenz bedroht. Nach ersten Erkenntnissen, so Hart, sei das Raumschiff in der Luft auseinandergebrochen. Es seien wahrscheinlich Aufnahmen von sechs Onborad-Kameras verfügbar, ein Video von der Edward Air Base und eines von einem Verfolgerflugzeug der Spaceship Two. Es könne „bis zu einem Jahr“ dauern, bis die Ermittlungen abgeschlossen seien. Treibstofftanks und wichtige andere Teile seien sichergestellt worden.

Damit dürften alle bisherigen Zeitpläne für Virgin Galactic reine Makulatur sein. Branson jedenfalls ist realistisch und vorsichtig in der Beurteilung der Zukunft: „Wir kennen die Risiken und werden nicht blind voranstürmen“, verspricht er. Man werde herausfinden, was schief gegangen sei und wenn man diese Probleme beseitigen könne, werde man weitermachen. „Wir würden gerne beenden, was wir vor Jahren angefangen haben“, sagt er ruhig, beinahe bittend.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×