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21.08.2015

10:31 Uhr

Aids

Schneller Gewissheit bei HIV-Verdacht

Ungeschützter Sex, ein Stich mit einer Nadel – und die Angst vor dem Aids-Erreger ist da. Bisher mussten Betroffene drei Monate warten, um sich testen lassen zu können. Jetzt geht es deutlich schneller.

Elektronenmikroskopische Aufnahme mehrerer Humane Immunschwäche-Viren (HIV), Erreger der Immunschwäche-Krankheit Aids. picture-alliance

Das Aids-Virus HIV

Elektronenmikroskopische Aufnahme mehrerer Humane Immunschwäche-Viren (HIV), Erreger der Immunschwäche-Krankheit Aids.

BerlinSechs Wochen Angst statt drei Monate: Ein HIV-Test kann in Deutschland jetzt schon deutlich früher Sicherheit liefern. Es gelten nun entsprechende Leitlinien, wie die Deutsche Aids-Hilfe am Freitag mitteilte.

„Bisher hat man den Leuten gesagt: Ihr müsste drei Monate warten, sonst ist es nicht sicher“, sagte Holger Wicht, Sprecher der Deutschen Aids-Hilfe. Denn die Zahl der Viren und Antikörper nimmt erst allmählich zu. Nun aber verkürzten die zuständigen medizinischen Fachgesellschaften die erforderliche Frist.

„Das ist für viele Menschen eine Erleichterung und kann zum Test motivieren“, sagt Armin Schafberger, Medizinexperte der Deutschen Aids-Hilfe. Grund für das kürzere Zeitfenster zwischen einer Risikosituation und einer Diagnose ist ein empfindlicheres Testverfahren sowie genauere Überprüfungen dieses Kombinationstests.

Kampf gegen Aids - eine Chronologie

1959

Ende der 1950er Jahre entnehmen Ärzte einem Mann im Kongo eine Blutprobe. Jahrzehnte später wird festgestellt, dass sich darin HIV-Antikörper befinden.

1981

Die US-Gesundheitsbehörden melden, dass immer mehr Homosexuelle unter bis dahin seltenen Infektionen und Hauttumoren leiden. Die Erkrankten sollen Sex mit vielen verschiedenen Menschen gehabt haben.

1982

Krankheitsfälle treten auch bei Drogenabhängigen und Blutern auf. Die Krankheit bekommt den Namen Aids (Acquired Immune Deficiency Syndrome, Erworbenes Immunschwäche-Syndrom). Erste Aids-Diagnose in Deutschland.

1983

Luc Montagnier und seinen Kollegen vom Pasteur-Institut in Paris gelingt es, das Aids-Virus zu isolieren. Montagnier erhält dafür später den Nobelpreis.

1984

Der US-Forscher Robert Gallo entwickelt ein Zellkultursystem und schafft damit die Voraussetzung für die Entwicklung erster Aids-Tests.

1985

Die erste internationale Aids-Konferenz tagt. 27 Millionen deutsche Haushalte bekommen Informationsbroschüren zugeschickt.

1986

Experten bezeichnen den Aids-Erreger einheitlich als HIV (Human Immunodeficiency Virus, Humanes Immunschwächevirus).

1987

Das erste Aids-Medikament AZT wird in den USA und wenig später auch in Deutschland zugelassen. Es kann die Virus-Vermehrung etwas bremsen, Aids aber nicht heilen.

1991

Die rote Schleife (Red Ribbon) wird zum internationalen Aids-Symbol. Queen-Sänger Freddie Mercury stirbt an Aids.

1993

Tom Hanks spielt in dem Film „Philadelphia“ einen homosexuellen und HIV-positiven Rechtsanwalt – und bekommt dafür ein Jahr später den Oscar.

1994

Ein jahrelanger Streit zwischen Frankreich und den USA um die Entdeckung von HIV und die Aufteilung der Gewinne aus dem Verkauf von Aids-Tests wird beendet.

1996

Für Aufsehen sorgt die Entdeckung, dass einige Menschen eine genetisch bedingte, wenn auch nicht vollständige HIV-Resistenz haben.

1999

Schweizer Ärzte haben außergewöhnlichen Erfolg mit der Hochdosis-Kombinationstherapie aus mehreren Aids-Medikamenten (HAART), in der Folge wird diese Strategie zur Standardbehandlung.

2002

Der Globale Fonds gegen Aids, Tuberkulose und Malaria wird zur Finanzierung nationaler Maßnahmen gegen diese Krankheiten gegründet.

2003

Mit dem Fusionshemmer Enfuvirtid (Handelsname Fuzeon) kommt in den USA und der EU eine vierte Klasse von Aids-Medikamenten auf den Markt, nach den sogenannten Nukleosiden, Protease-Hemmern und Transkriptase-Hemmern.

2008

Luc Montagnier wird gemeinsam mit Françoise Barré-Sinoussi für die Entdeckung von HIV der Medizin-Nobelpreis verliehen.

2010

Barack Obama hebt das in den USA seit 1987 geltende Einreiseverbot für HIV-Positive auf.

2014

Bei dem als geheilt geltenden „Mississippi-Baby“ entdecken Ärzte erneut das HI-Virus. Das Mädchen war kurz nach der Geburt mit drei Medikamenten behandelt worden, nach einem halben Jahr entzog es die Mutter einer weiteren Therapie. Monate später war das Kind dennoch virenfrei gewesen.

Der sogenannte Ag-Ak-Kombinationstest prüft auf Antigene (Ag) und Antikörper (Ak). Er weist Antikörper im Blut früher und sicherer nach als ältere Versionen. Zusätzlich kann er ein Antigen anzeigen: das Protein p24 des Aidserregers. Es ist nur vorübergehend zu finden, tritt aber schon ungefähr zwei bis drei Wochen nach einer Infektion auf.

Diese Tests sind allerdings nicht neu. Sie sind laut Deutscher Aids-Hilfe seit 1997 auf dem Markt, und fast alle Labors verwenden sie inzwischen. Neu ist aber: Menschen, die sich auf das HI-Virus testen lassen wollen, können das jetzt früher tun.

„Die drei Monate Frist, die bisher galten, waren einfach ein Sicherheitsfaktor“, sagt der Virologe Jörg Hofmann vom Berliner Uniklinikum Charité. „Man möchte natürlich sicher sein, dass der Test niemanden als HIV-negativ ausweist, der sich doch angesteckt hatte – nur, weil man zu früh getestet hat.“ Es hätten erst genügend Untersuchungen zeigen müssen, dass der Test bei der Mehrheit der Menschen schon nach sechs Wochen funktioniert.

Mit ihrer Stellungnahme folgen die Deutsche Vereinigung zur Bekämpfung von Viruskrankheiten (DVV) und die Gesellschaft für Virologie (GfV) den europäischen Richtlinien, die schon vor einem Jahr geändert worden waren. In Großbritannien wurde die Diagnose-Frist für den Kombi-Test sogar auf vier Wochen verkürzt.

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