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27.05.2016

14:04 Uhr

Antibiotika-Resistenzen

Es fehlt an Waffen gegen den Super-Erreger

VonThomas Trösch

Ein Super-Erreger, gegen den kein Antibiotikum hilft, ist erstmals auch in den USA nachgewiesen worden. Der Fall wirft ein Schlaglicht auf ein globales Problem: Eine der effektivsten Waffen der Medizin wird stumpf.

E. Coli-Bakterien, die gegen alle Antibiotika immun sind, wurde in den USA entdeckt. AP

Escherichia coli

E. Coli-Bakterien, die gegen alle Antibiotika immun sind, wurde in den USA entdeckt.

BerlinIn den USA ist erstmals ein sogenannter Super-Erreger entdeckt worden, der gegen alle bekannten Antibiotika immun ist. Der Erreger, ein E-Coli-Bakterium, sei in der Probe einer Frau aus Pennsylvania entdeckt worden, schreiben Forscher im Fachblatt Antimicrobial Agents and Chemotherapy. Die US-Gesundheitsbehörden bestätigten den Fall inzwischen.

Die 49-jährige Patientin hatte sich in einer Klinik wegen einer Harnwegsinfektion behandeln lassen. Die Mediziner dort schickten eine Urinprobe an das Walter Reed National Military Medical Center, wo das Bakterium entdeckt wurde.

Es besitzt ein Gen namens Mcr-1, das immun gegen die Behandlung mit Antibiotika macht – selbst gegen Substanzen, die speziell bei multiresistenten Keimen wirken sollen. Sogar Colistin, ein älteres Antibiotikum, das als letzte Option gegen solche Erreger eingesetzt wird, habe in dem Fall versagt, so Thomas Frieden, Chef der US-Gesundheitsbehörde CDC (Centers for Disease Control and Prevention).

Taktiken um Antibiotika richtig einzusetzen

Antibiotika richtig dosieren

Verordnet ein Arzt ein Antibiotikum, darf es nicht zu niedrig dosiert sein oder die Behandlung zu früh abgebrochen werden. Sonst überleben genau jene Keime, die Abwehrstrategien entwickelt haben. Sie geben die Resistenzen dann an die Nachkommen weiter.

Antibiotika sparsam verwenden

Auch wenn es banal klingt – nur wenn ein Bakterium mit einem Antibiotikum in Kontakt kommt, bringt ihm eine Resistenz einen Überlebensvorteil. Daher sollten Mediziner die Mittel nur dann verordnen, wenn es aus medizinischen Gründen wirklich erforderlich ist. Doch noch immer setzen sie Antibiotika viel zu lax und häufig ein. Sogar dort, wo sie gar nicht wirken: etwa bei Erkältungen. Die werden meist von Viren verursacht, gegen die jedes Antibiotikum machtlos ist. Erste Schnelltests für Hausärzte gibt es schon, die zwischen Viren oder Bakterien unterscheiden.

Zudem verwenden Landwirte Breitbandantibiotika seit Jahrzehnten als Mastmittel in der Tierzucht, was zumindest in Europa offiziell verboten ist. Von den 2000 pro Jahr in Deutschland verbrauchten Tonnen sind nur 350 Tonnen für den Menschen bestimmt, der Rest für Tiere. In den Ställen entstehen durch den dauernden Kontakt mit Antibiotika schnell Resistenzen, die auch auf Keime überspringen, die Menschen befallen.

Früh diagnostizieren

Bisher weiß ein Arzt oft nicht, ob er mit einem Breitbandantibiotikum früh zugeschlagen soll, um möglichst schnell viele Bakterienarten zu töten, oder ob er lieber mit einem speziellen Mittel einen einzelnen Erreger zielgerichtet angreifen soll. Gen-Schnelltests machen es jetzt möglich, einen Krankheitserreger vor der Behandlung genau zu identifizieren. Bisher dauerte das Tage.

Sorgfältig desinfizieren

Krankenhäuser sind eine Art Paradies für Keime: Die vielen vorkommenden Erreger können Resistenzgene austauschen; alte, immungeschwächte Patienten bringen neue Keime ins Haus: Jede Operation eröffnet den Erregern ideale Einflugschneisen in den Körper. Deshalb ist penible Hygiene in den Kliniken extrem wichtig. Viele Häuser lehnen es mittlerweile ab, verkeimte Patienten etwa aus schlecht geführten Pflegeheimen aufzunehmen, oder schicken sie konsequent auf Isolierstationen.

Wie Antibiotikaresistenzen entstehen

Bakterien verändern sich ständig, um sich an wandelnde Umweltbedingungen anzupassen. Kleine Variationen im Erbgut, die Mutationen, verschaffen manchen Mikroben einen Überlebensvorteil, die sich daraufhin stärker vermehren als ihre übrigen Artgenossen. Dieses Grundprinzip der Evolution hilft auch Krankheitserregern, sich gegen Antibiotika zu wehren, etwa indem sie Wirkstoffe zerstören, bevor sie ihnen gefährlich werden. Doch wir können es den Keimen schwerer machen, diese Resistenzen zu bilden, indem wir einige Taktiken beachten.

Colistin war 1959 auf den Markt gekommen, um Infektionen etwa mit E-Coli-Bakterien oder Salmonellen zu behandeln. Wegen seiner nierenschädigenden Wirkung wurde es ab den 80er-Jahren kaum noch zur Behandlung von Menschen verwendet, erst in den vergangenen Jahren kam es wieder häufiger zum Einsatz – laut Robert Koch-Institut als „eine letzte verbliebene Therapieoption“. Umso besorgniserregender ist die Erkenntnis, dass auch dieses letzte Notfallinstrument seine Wirksamkeit zu verlieren droht.

Der Fall in Pennsylvania wirft ein Schlaglicht auf ein Problem, dem sich Mediziner weltweit gegenübersehen: Antibiotika, eine der stärksten Waffen der Medizin, verlieren zunehmend an Wirkung. Immer häufiger entwickeln Erreger Abwehrmechanismen gegen Substanzen, die früher zuverlässig Behandlungserfolge versprachen.

Den Hauptgrund dafür sehen Mediziner im übermäßigen Einsatz von Antibiotika. Das ist etwa in der Tierzucht der Fall, aber auch in der Humanmedizin, wo die Entwicklung sogenannter Breitbandantibiotika gegen verschiedene Erreger die Tendenz förderte, solche Allzweckwaffen auch in Fällen zu verschreiben, wo eine weniger intensive Behandlung möglicherweise ebenfalls erfolgreich wäre. Auch eine unsachgemäße Einnahme der Medikamente fördert Resistenzbildungen.

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