Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

11.01.2012

13:10 Uhr

Antibiotika

Sündenbock im Hühnerstall

Quelle:Spektrum.de

Auf Hähnchenfleisch aus dem Supermarkt wurden resistente Bakterienstämme nachgewiesen. Doch es ist nicht die Landwirtschaft, die uns das Problem beschert hat.

Der falsche Sündenbock: Laute einer schottischen Studie stammt die große Mehrheit von resistenten Erreger vom Menschen. dpa

Der falsche Sündenbock: Laute einer schottischen Studie stammt die große Mehrheit von resistenten Erreger vom Menschen.

HeidelbergDeutschland hat seinen nächsten Lebensmittelskandal: Auf Hähnchenfleisch hat die Umweltorganisation BUND nach eigenen Angaben in mehr als der Hälfte der Proben antibiotikaresistente Bakterien gefunden – Mikroorganismen, die mit vielen gängigen Medikamenten nicht mehr bekämpft werden können und inzwischen ein großes Problem für die menschliche Gesundheit darstellen.

Nun sehen Umweltschützer und Verbraucherverbände sich bestätigt, die widerstandsfähigen seien unmittelbare Folge des „Antibiotikamissbrauchs“ in der Landwirtschaft, die industrielle Tierhaltung müsse „zurückgedrängt“ werden, um „Kollateralschäden“ zu vermeiden.

Dabei ignorieren die Protagonisten allerdings geflissentlich, dass das eigentliche Problem der Antibiotikaimmunität aus der Humanmedizin kommt. In einer jüngeren Studie in Schottland kamen 90 Prozent aller untersuchten resistenten Erreger vom Menschen, und diese Stämme wurden doppelt so häufig vom Menschen auf Tiere übertragen wie umgekehrt. Auch das multiresistente Ehec-Bakterium, das letzten Sommer die Republik in Atem hielt und 50 Menschen tötete, kam letztendlich nicht von Tieren, sondern vom Menschen.

Zweifellos ist es in höchstem Maß Besorgnis erregend, wenn resistente Keime im Umfeld des Menschen auftauchen, zum Kronzeugen gegen die heutige Landwirtschaft taugen sie dennoch nicht. Antibiotikaresistenzen sind inzwischen so weit verbreitet, dass resistente Keime an allen Orten auftauchen, an denen es Bakterien gibt – in den Rückständen von Kläranlagen ebenso wie auf den Schleimhäuten vieler gesunder Menschen.

Und natürlich in Lebensmitteln, denn diese sind nie völlig keimfrei. So finden sie sich nicht nur auf dem Hühnerfleisch, sondern inzwischen überall. Wir täten gut daran, das nicht zu vergessen.

Man darf die Gefahr, die von diesen Erregern in der Tierhaltung ausgeht, nicht unterschätzen. Doch die meisten resistenten Stämme – und damit auch die größere Gefahr für die menschliche Gesundheit – haben ihren Ursprung zuerst beim Menschen selbst: durch mangelnde Hygiene, leichtfertige Verschreibung von Antibiotika und in deren Rückständen im Abwasser.

Angesichts der Tatsache, dass nicht einmal klar ist, ob die auf dem Hühnerfleisch gefundenen Bakterien tatsächlich aus der Tierhaltung stammen, ist es vorschnell, die Landwirtschaft zum Hauptschuldigen zu erklären. Vorschnell und gefährlich, denn wer einen Sündenbock benennt, will es sich hinterher wieder bequem machen. Und das können wir uns bei Antibiotikaresistenzen nicht erlauben.

 

  

Von

Lars Fischer

Kommentare (2)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

11.01.2012, 14:48 Uhr

Da würde ich doch meinen, dass wieder die spanische Salatgurke schuld ist. Auf sie mit Gebrüll!

sjohnigk

11.01.2012, 16:39 Uhr

Es ist sehr wohl möglich, resistente Erreger mit Ursprung aus der Humanmedizin (HA) von solchen mit Ursprung aus der Landwirtschaft (LA) zu unterscheiden. Die drastische Zunahme resistenter LA-Keime auf Fleischerzeugnissen ist seit langem unter Wissenschaftlern bekannt und auch von Behördenseite bereits öffentlich gemacht, hier ein Beispiel vom BVL:
http://www.bvl.bund.de/SharedDocs/Downloads/01_Lebensmittel/Zoonosen_Monitoring/Zoonosen_Monitoring_Bericht_2009.pdf;jsessionid=7581CD1A2CFBFE82BAC8C13D275B5296.1_cid103?__blob=publicationFile&v=1
Hauptschuldig an dem grassierenden Intensivierungsdruck in der Tierhaltung und damit letztlich auch am ausufernden Einsatz von Antibiotika und den schlechten Lebensbedingungen für die Nutztiere ist die Einkaufs- und Angebotspolitik des Lebensmitteleinzelhandels. Wer sich bei seinen Kunden beliebt machen will, indem er Hähnchenfleischprodukte billiger anbietet als Katzenfutter, ist verantwortlich für die elende Situation in den Mastbetrieben - für Tiere und auch ihre Halter.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×