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06.03.2013

13:40 Uhr

Brauner Terror

Netz von NS-Lagern viel dichter als vermutet

Eine US-Studie enthüllt neue Zahlen zu Nazi-Schreckensorten: Das Netz der Lager, Ghettos und anderer Orte des nationalsozialistischen Terrors in Europa war demnach viel dichter als bislang bekannt.

Wachturm des KZ Auschwitz-Birkenau. Nach einer neuen US-Studie war das Mordsystem der Nazis weitaus größer als bisher vermutet. dpa

Wachturm des KZ Auschwitz-Birkenau. Nach einer neuen US-Studie war das Mordsystem der Nazis weitaus größer als bisher vermutet.

Washington  Historiker Geoffrey Megargee beschäftigt sich seit seinem Studium mit den Gräueltaten des Nazi-Regimes. Im Jahr 2000 übernahm der heute 53-Jährige die Leitung eines bislang nicht dagewesenen Projekts. Ziel war die Erfassung aller Orte von Nazi-Gewalt zwischen 1933 und 1945, Auftraggeber das Washingtoner Holocaust Memorial Museum. Ans Licht kamen dabei völlig neue Zahlen.

„Zu Beginn unserer Arbeit sind wir von 5000 bis 7000 Lagern ausgegangen. Im Laufe der Zeit mussten wir aber feststellen, dass die Realität wesentlich schlimmer war“, so Megargee. Sein Team fand heraus, dass es mindestens 42.500 Orte gab, an denen Nazis Menschen gefangen gehalten, gefoltert oder getötet haben - darunter rund 30.000 Arbeitslager, 1150 jüdische Ghettos, 1000 Kriegsgefangenenlager, 980 Konzentrationslager und 500 Bordelle, in denen Frauen zur Prostitution gezwungen wurden.

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„Es könnten sogar noch mehr gewesen sein“, sagt Megargee. Aus statistischen Gründen hätten sie nur Lager erfasst, in denen mindestens 20 Menschen gefangen gehalten worden seien. Die Lager habe es außerdem länger als einen Monat geben müssen, um in der Statistik aufzutauchen.

15 bis 20 Millionen Menschen sollen nach Megargees Schätzung so Opfer des Nazi-Terrors geworden sein - viele davon überlebten ihn nicht. Bisher war die Wissenschaft von rund 7000 Zwangsarbeits- und Gefangenenlagern, Konzentrationslagern und Ghettos ausgegangen.

Aus Sicht des Historikers Michael Wildt von der Humboldt-Universität Berlin sind die neuen Zahlen plausibel. Die Studie überrasche ihn nicht, sagt er. „Die Zahl gibt einen Eindruck über die Allgegenwärtigkeit des NS-Verfolgungsapparates.“ Historiker David Silberklang von der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem hingegen ist über die große Zahl erstaunt. Er hätte mit mehreren Tausend Lagern gerechnet, sagt er.

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