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07.11.2015

09:01 Uhr

Cannabis in der Medizin

Bundesregierung will Apotheken-Hanf anbauen lassen

VonJürgen Salz
Quelle:WirtschaftsWoche Online

Hanf-Präparate helfen Schwerkranken gegen Schmerzen. Die Regierung will nun dafür sorgen, dass Kranke Cannabis-Medikamente bekommen und dafür Hanf in Deutschland anbauen lassen. Die Kassen sollen die Kosten übernehmen.

Hanfblüten lassen sich auch als Medikament nutzen. dpa

Cannabis für Patienten

Hanfblüten lassen sich auch als Medikament nutzen.

„Ein Hanf-Medikament hat mein Leben gerettet“, sagt Ute Köhler. Vierzehn Jahre lang litt die 61-Jährige Thüringerin infolge einer Operation unter starken Schmerzen, Erschöpfung und Schlafstörungen. Die Frührentnerin galt bei den Ärzten als „austherapiert“ – als ein hoffnungsloser Fall. Bis sie ihr Schmerztherapeut auf Dronabinol aufmerksam machte: „Das war, als hätte jemand den Schalter umgelegt.“ Die Schmerzen gingen weitgehend zurück, erstmals seit längerer Zeit konnte Köhler wieder durchschlafen, psychisch ging es ihr viel besser.

Dronabinol entsteht aus der Hanfpflanze, genauer gesagt aus deren Wirkstoff Thc, der vom Hersteller Bionorica chemisch aufbereitet wird. Das bayerische Unternehmen aus Neumarkt in der Oberpfalz ist ansonsten eher für seine Erkältungsmittel Sinupret und Bronchipret bekannt.

Nicht nur Patienten, auch immer mehr Mediziner und Gesundheitspolitiker setzen auf die heilende Wirkung von Cannabis, das Schmerzen lindert, entzündungshemmend wirkt und oft weniger gefährliche Nebenwirkungen zeigt als etwa Morphine oder Opiate.

Die Bundesregierung will nun dafür sorgen, dass schwerkranke Patienten auf Kassenrezept ihren Medizinalhanf aus der Apotheke erhalten und, so steht es in einem Gesetzentwurf, dafür sogar Hanf in Deutschland anbauen lassen.

Wissenswertes zu Cannabis

Was ist Cannabis eigentlich?

Cannabis ist ein Sammelbegriff für alle Rauschgiftdrogen der Sorte Hanf. Die Hauptwirkstoffe, die aus der Hanfpflanze gewonnen werden, heißen Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabinoid (CBD). Die Bestandteile haben eine berauschende sowie eine schmerzlindernde Wirkung.

Unterschied zwischen Marihuana und Haschisch

Nicht jedes Gras ist auch grün. Marihuana, auch bekannt als Gras wird aus den getrockneten Blüten und Blättern der Cannabispflanze gewonnen. Hingegen entsteht Haschisch aus dem Harz der weiblichen Hanfpflanze. Haschisch hat einen höheren Wirkstoffgehalt als Marihuana.

Veraltetes Gesetz

Cannabis fällt in Deutschland genauso wie andere Rauschgiftdrogen unter das Betäubungsmittelgesetz. Im Jahr 1925 wurden die ersten Regeln zu Cannabis gesetzlich festgehalten, wobei diese 1994 zum letzten Mal überarbeitet wurden. Vor 20 Jahren also. Allerdings hat das Verfassungsgericht Köln erst im Juli den „Heimanbau“ von Marihuana zu medizinischen Zwecken erlaubt. Das gilt in der Hanf-Szene als ein Paukenschlag in der Legalisierungsdebatte.

Ausnahmen

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) hat 300 Leuten in Deutschland die Genehmigung erteilt, getrocknete Cannabisblüten über Apotheken zu beziehen. Natürlich nur, wenn der Konsum schmerzlindernde Gründe hat. Die Krankenkassen beteiligen sich jedoch bisher nicht an solchen Ausnahmen.

Wer stellt legales Cannabis her?

Nicht viele Firmen dürfen in Deutschland legales Cannabis produzieren. In Frankfurt gibt es beispielsweise das Pharmaunternehmen THC Pharm.

Cannabis vs. Alkohol

In Europa geben sich laut dem Europäischen Drogenbericht 2013 mittlerweile mehr als 100.000 Menschen in eine Therapie, die Cannabis als Leitdroge angeben. Hingegen gelten circa 1,3 Millionen Deutsche als alkoholabhängig. Mehr als neun Millionen Menschen konsumieren hierzulande Alkohol in schädlicher Form.

Tabak

Tabak ist der am meisten verbreitete Suchtstoff in Deutschland. Das steht im Drogenbericht der Bundesregierung. Von Tabak sind rund 5,6 Millionen Deutsche süchtig.

Der Görlitzer Park in Berlin

Einer der größten Brennpunkte in Deutschland ist der Görlitzer Park in Berlin. Dort sind Gewalt und polizeiliche Einsätze an der Tagesordnung und die Medien überschlagen sich vor Neuigkeiten über den Schauplatz des illegalen Drogenhandels. Erst im September wurde er von der Berliner Morgenpost als „Kriminalitätsschwerpunkt“ bezeichnet. Als Reaktion auf zunehmende Kriminalität hat die Berliner Polizei härter durchgegriffen und die Präsenzkontrollen im Park verstärkt, weshalb laut des Tagesspiegels erste Verbesserungen zu bemerken seien.

Legal Highs

In den vergangenen Jahren kamen die sogenannten „Legal Highs“ in Mode. Das sind Kräutermischungen, in denen legale Inhaltsstoffe sind, die genauso rauschend wirken sollen, wie die der Cannabis-Pflanze. Diese Stoffe heißen „Research Chemicals“ und fallen unter das Arzneimittelgesetz. Im Internet sind diese Kräutermischungen auf zahlreichen Online-Seiten erhältlich.

Für knapp 60 Euro für neun Gramm erhält man dann Produkte mit Namen, wie „Alians“ oder „Vulkan“. Diese werden von den Betreibern dieser Webseiten als „100% legal“ angepriesen. Fragwürdig sind die Legal Highs in jedem Fall; nicht zuletzt, weil man fast immer mit der Bestellung seine Volljährigkeit bestätigt. Kontrolliert wird das nicht.

Wie gefährlich diese synthetisch hergestellten Stoffe in Wirklichkeit sind und ab welcher Menge der Besitz und Handel künstlicher Cannaboide strafbar sein soll, will der Bundesgerichtshof laut Informationen der Nachrichtenagentur dpa am 14. Januar 2015 entscheiden.

Der staatlich kontrollierte Hanfanbau soll dann von der deutschen Arznei-Zulassungsbehörde, dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) kontrolliert werden. Das BfArM vergibt dann den Züchtungsauftrag an private Anbieter, etwa landwirtschaftliche Betriebe. Mitte 2016 könnte das Gesetz in Kraft treten.

Cannabis-Medikamente helfen nicht nur bei Schmerzen, sondern zeigen auch bei multipler Sklerose, der Augenkrankheit Grüner Star oder dem Tourette-Syndrom oftmals gute Heilerfolge. „Wir erleben im klinischen Alltag immer wieder, dass es Schmerzpatienten gibt, die vom Einsatz von Cannabinoiden stark profitieren“, sagt Michael Schäfer, der Präsident der Deutschen Schmerzgesellschaft.

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