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10.01.2007

10:23 Uhr

Dani Levys Hitler-Film

Lizenz zum Lachen über Peinlichkeiten

VonRegina Krieger

Statt Bruno Ganz gibt Helge Schneider nun den Adolf Hitler - und die Empörung ist schon vor dem Start von "Mein Führer - Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler" groß. Am morgigen Donnerstag kommt Dani Levys neuer Film in die Kinos und wieder diskutiert Deutschland kontrovers darüber, ob man über Hitler und die Täter des Nationalsozialismus lachen darf.

Helge Schneider als Adolf Hitler im Dani-Levy-Film "Mein Führer". Foto: dpa

Helge Schneider als Adolf Hitler im Dani-Levy-Film "Mein Führer". Foto: dpa

DÜSSELDORF. Ja, sagt der in Berlin lebende Schweizer Filmemacher in jedem Interview, vor allem dürfe sich ein Jude wie er über Hitler lustig machen, "er darf nicht nur, er muss". Nein, sagt Michel Friedman im WDR-Fernsehen, "das Thema ist nicht zum Lachen. Das Thema ist todernst." Ralph Giordano meint, es richte Schaden an, wenn das Publikum denke, Hitler sei eine Witzfigur.

Nein, sagt auch ein Experte für die Geschichte des Nationalsozialismus wie Manfred Funke. Der Bonner Politologe hat die Mischung von Gehorsam und Folgebereitschaft in der Gesellschaft des Dritten Reiches erforscht und meint: "Diese psychologische Komplexität kann man nicht durch Lächerlichmachung bewusst machen, dazu ist der Gegenstand zu ernst." Für ihn ist das Lachen über Hitler kein Zeichen deutscher Normalität: "Patriotismus durch Fußball, Geschichtsvermittlung durch Narretei - weiterhin haben wir allen Grund, vor uns auf der Hut zu sein."

Anders schätzt der in Zürich lehrende Psychologe und Humorforscher Willibald Ruch die Diskussion über den Film ein. Er verweist auf die Wahrnehmung Deutschlands im Ausland. Mehr als 60 Jahre nach Kriegsende verlange die internationale Gemeinschaft gar keine Selbstzensur mehr von den Deutschen, die Realität habe das innere Bild längst überholt: "Die Distanz hat bewirkt, dass die übergroße emotionale starre Selbstbezichtigung aufgeweicht ist." Um die deutsche Volksseele macht er sich keine Sorgen: "Wenn es ein Lehrfilm in deutschen Schulen werden würde, der den Geschichtsunterricht ersetzt, wäre das problematisch. Aber eine komische Betrachtungsweise ersetzt nicht die ernste Auseinandersetzung."

Dani Levy zeigt einen schwachen, depressiven, quengeligen Führer, der einen aus dem KZ Sachsenhausen geholten jüdischen Coach braucht, um noch einmal vor die Massen treten zu können. Der Film spielt 1944. Auf Szenenfotos übt Hitler im gelben Trainingsanzug große Gesten und spielt in der Badewanne Schiffeversenken. Für viele ist das reiner Klamauk, vor allem durch die Besetzung der Rolle mit Helge Schneider.

Levy dagegen ist tiefenpsychologisch interessiert und will Hitler als "erbärmliche, von seiner Kindheit zerstörte Kreatur" zeigen. Er konsultierte vor Drehbeginn die Fallstudie der Psychologin Alice Miller über Hitlers Kindheit. Damit ist für Exegeten wie Henryk M. Broder der Fall klar: Den Deutschen sei das Dritte Reich peinlich, schreibt er im Spiegel, denn "von einem Dämon verführt zu werden ist schlimm, von einem Würstchen verführt zu werden ist peinlich".

Erst die Besucherzahlen werden zeigen, ob der Film in die Trash- oder Kultschublade kommt. Vielleicht legt mancher doch lieber zu Hause Charlie Chaplins "Großen Diktator" ein. In einer international angelegten vergleichenden Studie hat Humorforscher Ruch jedoch Interessantes herausgefunden:"Nonsens wurde in Großbritannien erfunden, doch die meisten Abnehmer findet man in Deutschland, weitaus mehr als in Frankreich, Italien, der Türkei, Amerika und in Großbritannien selbst." Alles Geschmackssache.

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