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01.03.2004

07:45 Uhr

Debatte um angeblich Krebs erregende Stoffe bringt die Reifenhersteller in Zugzwang

Finnischer Reifen fährt sauber voran

VonStefan Merx (Handelsblatt)

Der finnische Reifenhersteller Nokian Tyres rollt nach eigenen Angaben den ersten Sommerreifen auf den Markt, der ohne gesundheitsgefährdende Öle hergestellt wird. Damit bringt der Marktführer in Skandinavien die etablierte europäische Konkurrenz in Zugzwang, nachdem jüngst eine Untersuchung des Umweltbundesamtes Abriebpartikel von Autoreifen als mögliche Krebsauslöser identifiziert hat.

KÖLN. Bisher setzt die komplette Reifenindustrie auf die auch von der EU als Krebs erregend eingestuften hocharomatischen Öle als Weichmacher. Sie erleichtern das Vermischen der Rohstoffe und verleihen dem Reifen gerade bei hohem Tempo und Nässe bessere Hafteigenschaften und Festigkeit. Der Einsatz von gereinigten Ölen ist für die Hersteller eine produktionstechnische Herausforderung: Alle Mischungsrezepte müssen geändert, die Produkte mit Langzeit-Tests abgesichert und schließlich von den Autoherstellern abgenommen werden.

„Die europäische Reifenindustrie ist nicht in der Lage, vor Dezember 2009 komplett auf die Öle zu verzichten“, heißt es in einer aktuellen Stellungnahme des Verbandes der Europäischen Reifenindustrie (BLIC) in Brüssel. Nokian beweist indes das Gegenteil: Bis zum Ende 2004 will die finnische Firma in der gesamten Produktion, also auch bei Hochgeschwindigkeitsreifen, auf die Zugabe so genannter hocharomatischer Öle verzichten. „Schon jetzt werden 80 Prozent unserer Reifen ohne Krebs erregende Beimischung produziert“, sagt Nokian-Sprecher Falk Köhler. Als erster giftfreier Reifen komme jetzt der „NRHi“ für Geschwindigkeiten bis 210 km/h auf den Markt.

„Giftfrei? Dann kann man den ja wohl essen“, kontert Michelin-Sprecher Thomas Becki genervt. „Nokian schert aus der gemeinsamen Linie aus, obwohl eine konkrete Gesundheitsgefährdung nicht feststeht“, sagt Becki. Michelin habe nicht vor, ein „theoretisches Restrisiko“ einzutauschen gegen schlechtere Fahreigenschaften, die sicherheitsrelevant seien.

„Es fehlen noch Langzeittests, wie sich die Reifen über den gesamten Lebenszyklus verhalten“, argumentiert Becki. Auch Michelin forsche in dieser Richtung und habe bei Winterreifen und LKW-Pneus die Produktion schon teilweise umgestellt. Nach bisherigen Erkenntnissen hätten Reifen mit Ersatzstoffen einen höheren Rollwiderstand und damit einen höheren Sprit-Verbrauch und mehr Partikelabrieb.

Das Vorpreschen des Nischenanbieters trifft die Reifenbranche empfindlich, da das Thema „Krebs durch Reifen“ derzeit hoch kocht. Auslöser ist eine Untersuchung des Umweltbundesamtes, die zwar in Fachkreisen bereits bekannt war, aber erst im Februar durch einen ARD-Bericht publik wurde: Die in konventionellen Reifen enthaltenen hocharomatischen Öle enthalten hohe Konzentrationen so genannter polyzyklisch aromatischer Kohlenwasserstoffe (PAH). Darin enthaltene Benzo-(a)pyrene sind als Krebs erregend bekannt.

Die Studie gehe zurück auf die Initiative der Rohstofflieferanten Shell und BP und sei von diesen zum Teil finanziert, so UBA-Verkehrsexperte Axel Friedrich. Die Öllieferanten könnten die Produktion auf Ersatzstoffe innerhalb eines halben Jahres umstellen. Laut Umweltbundesamt sind rund 3 bis 5 % der PAH-Belastung in Städten auf Reifenabrieb zurückzuführen, die EU spricht von 2 %. „Das ist nicht die Welt, aber es gibt unbedenkliche Alternativen, die maximal 50 Cent pro Reifen mehr kosten“, sagt Friedrich.

Für den UBA-Verkehrsexperten ist es „ein Skandal, wie die Reifenhersteller ihre Mitarbeiter und die Bevölkerung gefährden“. Beim Abrieb der Reifen auf der Straße könnten giftige Partikel in die Lunge gelangen. „Wir sind ziemlich sicher, dass sich die Krebs erregenden Stoffe in der Lunge lösen und auf den Körper übergehen“, sagt Friedrich.

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