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03.01.2007

13:40 Uhr

Deutsch-polnische Wissenschaftsbeziehungen

Erinnerungsarbeit statt Polemik

VonReinhold Vetter

Das deutsch-polnische politische Verhältnis ist durch die Vertriebenen-Problematik und Entschädigungsforderungen wieder einmal äußerst gespannt. Die Wissenschaftsbeziehungen beider Ländern befinden sich dagegen auf einem Hoch. Forscher über die Renationalisierung der Erinnerung.

WARSCHAU. Wladyslaw Bartoszewskis Kommentar war achselzuckend lapidar: "Nach dieser Logik kann man auch den Versailler Vertrag neu verhandeln", sagte der ehemalige polnische Außenminister zu der Äußerung seiner Amtsnachfolgerin Anna Fotyga, durch eine Neuverhandlung der deutsch-polnischen Verträge von 1990/91 Entschädigungsprobleme ein für alle Mal zu klären.

Wieder einmal ist durch die Vertriebenen-Problematik und Entschädigungsforderungen das deutsch-polnische politische Verhältnis äußerst gespannt, auch wenn die Außenministerin ihre Äußerung mittlerweile relativiert hat. Im Windschatten der Tagespolitik befinden sich die Wissenschaftsbeziehungen beider Länder jedoch auf einem Hoch.

Beleg ist das neue Zentrum für Historische Forschung, das die Polnische Akademie der Wissenschaften in Berlin eröffnet hat. Dort sollen historische Fragen der bilateralen Beziehungen im europäischen Kontext erforscht und die Kontakte intensiviert werden. "Wer keine Erinnerung hat, verliert den Kompass für die Zukunft", sagte Alt-Bundespräsident Richard von Weizsäcker bei der Eröffnung.

"Tatsächlich soll die Erinnerung die zentrale Achse unserer Arbeit sein", betont der polnische Historiker Robert Traba, der das Zentrum leitet. Traba weiß nur zu gut, dass gerade im politischen Streit oft der historische Zusammenhang vernachlässigt oder zumindest unterschiedlich bewertet wird. Das zeigt sich in der Auseinandersetzung um das Zentrum gegen Vertreibungen, das die deutschen Vertriebenen planen. Das wird auch deutlich in der Debatte über die künftigen Beziehungen der EU zu Russland, die in Polen, anders als in Deutschland, sehr stark durch das Prisma leidvoller Erfahrungen mit der früheren Sowjetunion gesehen werden.

Diese Renationalisierung der Erinnerung, betont Traba, sei aber nicht nur in Polen zu beobachten. So werde in Frankreich verstärkt über den französischen Kolonialismus der Nachkriegszeit diskutiert. In Italien wiederum streite man über eine Neubewertung von Benito Mussolini und seiner faschistischen Herrschaft. Auch in Deutschland, meint Traba, gebe es den Versuch, Erinnerung neu zu definieren. Eine bestimmte Denkrichtung, die vor allem von den Vertriebenen forciert werde, stilisiere die Deutschen vorrangig als Opfer, nicht aber als Täter des Zweiten Weltkriegs. "Trotzdem glaube ich, dass die kritische Haltung vieler Deutscher zur eigenen Vergangenheit stärker ist, als man in Polen wahrnimmt", betont Traba.

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