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09.06.2011

11:52 Uhr

Dialyse

Spezielle Blutwäsche gibt EHEC-Patienten Hoffnung

VonMaike Telgheder

Mediziner der Universität Greifswald haben bei der Behandlung besonders schwer erkrankter EHEC-Patienten möglicherweise einen Durchbruch erzielt. Eine spezielle Blutwäsche könnte Patienten mit einem schweren Verlauf des hämolytisch urämischen Syndroms (HUS) helfen.

Dialyse-Maschine bei einem mit EHEC infizierten Patienten auf der Intensivstation des Universitätsklinikum (UKE) Hamburg-Eppendorf. Mediziner haben eine neue Form der Blutwäsche entwickelt, die Patienten mit HU-Syndrom Hoffnung macht. Quelle: dpa

Dialyse-Maschine bei einem mit EHEC infizierten Patienten auf der Intensivstation des Universitätsklinikum (UKE) Hamburg-Eppendorf. Mediziner haben eine neue Form der Blutwäsche entwickelt, die Patienten mit HU-Syndrom Hoffnung macht.

Andreas Greinacher, Leiter der Abteilung Transfusionsmedizin an der Universität Greifswald, hat eine deutliche Verbesserung des Zustandes von vier an HUS erkrankten Patienten erreicht, wie er dem Handelsblatt bestätigte.

Greinacher und sein Bonner Kollege Professor Bernd Pötsch sind bei der Suche nach der Ursache für den besonders schweren Erkrankungsverlauf, bei dem die Patienten auch unter Bewusstseinsstörungen leiden, auf einen so genannten Autoantikörper gestoßen. Das ist eine Eiweißstruktur, die körpereigenen Stoffe angreift. Zusätzlich zu der Blutwäsche, die bei den an HUS erkrankten Patienten die Giftstoffe und Bakterien herausfiltert, wird nun eine weitere Dialyse angewandt, bei der mit Spezialfiltern die Antikörper aus dem Blut gefiltert werden. Das gesamte übrige Blut wird dem Patienten wieder zugeführt.

„Wichtig war es zu erkennen, dass neben den Giftstoffen und Bakterien noch ein weiterer Faktor bei den schwer erkrankten Patienten hinzukommt“, sagte Greinacher. Das Uniklinikum Greifswald hat nach seinen Angaben eine große Erfahrung mit einer solchen speziellen Antikörper-Dialyse. Sie wird unter anderem bei verschiedenen Autoimmunerkrankungen wie Herzmuskelschwäche oder Rheuma angewandt. Die für die Dialyse nötigen Produkte kommen von Firmen wie dem Dax-Konzern Fresenius Medical Care aber auch dem in Famlienhand befindlichen Medizintechnikunternehmen B Braun Melsungen. 

Nachfrage nach Dialyse-Produkten deutlich gestiegen

Bei Fresenius Medical Care, dem weltweit größten Anbieter von Produkten und Dienstleistungen für die Dialyse, ist seit dem EHEC-Ausbruch im Mai die Nachfrage nach Einmalprodukten für die Dialyse, wie Plasmafilter und Schlauchsysteme in Deutschland deutlich gestiegen, wie ein Sprecher dem Handelsblatt sagte. Das Werk in St. Wendel im Saarland habe die Produktion hochgefahren.   

Transfusionmediziner Andreas Greinacher und sein Kollege aus Bonn sind mittlerweile dabei, anderen Kliniken ihre Behandlung für die schwer erkrankten Patienten zu erläutern. „Wir stehen in engem Kontakt mit den anderen Zentren, die EHEC-Patienten behandeln“, sagte Greinacher. „Unser Behandlungserfolg ist ermutigend, aber es ist noch zu früh, um genauere Prognosen abgeben zu können“, sagte er.

Fragen und Antworten zu Ehec

Was ist Ehec eigentlich?

Ehec bezeichnet einen Darmkeim, der normalerweise bei Tieren vorkommt. Er ist eine Sonderform der wichtigen Kolibakterien, die im Darm Nährstoffe spalten und für die Abwehr von Krankheitserregern
sorgen. Das Enterohämorrhagische Escherichia Coli-Bakterium (Ehec) setzt jedoch beim Menschen gefährliche Giftstoffe frei, die lebensbedrohliche Krankheiten auslösen können.

Welche Symptome bringt eine Ehec-Erkrankung mit sich?

Der Erreger kann sich zunächst durch blutigen und wässrigen Durchfall, Erbrechen, Übelkeit und Bauchschmerzen bemerkbar machen. Zudem sind bei schweren Verläufen auch Blutarmut, Gefäß- und
Nierenschäden möglich. Auch wenn die Krankheit überstanden ist, können Gesundheitsschäden wie etwa Nierenleiden zurückbleiben.

Wie wird die Krankheit übertragen?

Da sich der Erreger vor allem im Kot von Nutztieren findet, ist direkter Kontakt mit den Tieren ein Übertragungsweg. Aber auch verunreinigte Lebensmittel, die Kot-Partikel enthalten, können Ursache sein. Wird gedüngtes Obst und Gemüse ungewaschen gegessen, kann das die Krankheit auslösen. Auch eine Übertragung von Mensch zu Mensch ist über Schmierinfektionen möglich.

Was ist bei den aktuellen Fällen die Infektionsquelle?

Seit dem 10. Juni geht das Robert-Koch-Institut (RKI) mit großer Wahrscheinlichkeit davon aus, dass Sprossen die Ursache für den aktuellen Ausbruch sind. Die Warnung vor dem Verzehr roher Gurken, Tomaten und Blattsalaten wurde aufgehoben. Sprossen gelten als generell anfällig für Keime.  Bohnen-Sprossen seien definitiv als Ursache für die Ehec-Erkrankungen festgestellt worden, so das RKI.

Wie kann ich mich vor Ehec-Erkrankungen schützen?

Gegen den Ehec-Keim gibt es keine Impfung, der beste Schutz ist Hygiene. Dazu gehört regelmäßiges Händewaschen. Verbraucher könnten dem Robert Koch Institut zufolge das Risiko einer Ehec-Infektion weiter minimieren, indem sie alle Lebensmittel vor dem Verzehr mindestens zehn Minuten lang auf 70 Grad erhitzen. Vor dem Verzehr von Sprossen wird gewarnt.

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) rät zudem, Rohmilch vor dem Verzehr abzukochen und pasteurisierte und ultrahocherhitzte Milch als sicher anzusehen. Die Behörde mahnt besondere Hygiene im Umgang mit Fleisch an: Die Hände sollen vor der Zubereitung von Speisen und nach Kontakt mit rohem Fleisch gründlich mit Wasser und Seife gewaschen und abgetrocknet werden. Rohes Fleisch soll getrennt von anderen Lebensmitteln gelagert und zubereitet werden, beim Grillen etwa empfiehlt das BfR verschiedene Bretter, Teller und Zangen zu verwenden. Auch diese Gegenstände sollen sofort nach dem Gebrauch gründlich gereinigt und abgetrocknet werden. Zudem rät das Institut Lappen und Handtücher nach der Zubereitung von rohem Fleisch möglichst auswechseln und bei mindestens 60 °C waschen. Wer sich entscheidet, rohes Gemüse oder Obst zu verzehren, soll es schälen oder zumindest gründlich waschen, so die Behörde.

In der Berichterstattung ist auch von HUS die Rede. Was ist das?

HUS steht für hämolytisch-urämisches Syndrom, einen besonders schweren Verlauf der EHEC-Erkrankungen. Dabei kann es zu Nierenversagen und Blutarmut kommen. Das kann lebensbedrohlich sein.

Was muss ich tun, wenn ich betroffen bin?

Zunächst sollten Betroffene einen Arzt aufsuchen. Außerdem sollen Ehec-Erkrankte viel trinken, um den Flüssigkeits- und Salzverlust auszugleichen. Hygiene ist ein Muss, um weitere Ansteckungen zu vermeiden. Mit dem Bakterium infizierte Patienten sollten auf keinen Fall Antibiotika nehmen. Diese könnten die Situation noch verschlimmern, erklärte ein Arzt des Berliner Krankenhauses Charité. Wenn die Bakterien durch das Antibiotikum in großem Umfang zerfallen, werden vermehrt Gifte aus den Bakterien freigesetzt. Der aktuell grassierende Erreger ist gegen Antibiotika allerdings ohnehin resistent.

Wie tauschen die Länder Informationen aus?

Wenn riskante Lebensmittel in Europa im Umlauf sind, tauschen die EU-Länder über ein Schnellwarnsystem wichtige Informationen aus. Das gilt auch jetzt - bei den gefährlichen Ehec-Keimen. Über das europäische Schnellwarnsystem für Nahrungs- und Futtermittel RASFF hat Deutschland die übrigen 26 EU-Länder vor den möglichen Ursachen der Infektionen offiziell gewarnt.

Bestehen unmittelbare Risiken für die menschliche Gesundheit, können nationale Behörden RASFF-Warnungen europaweit zum Anlass nehmen, um die Öffentlichkeit zu informieren, Rückrufaktionen zu starten oder Importe an den Grenzen abzufangen. Betroffene Produkte werden meist vom Markt genommen. In Deutschland laufen die Hinweise beim Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) ein. Darin steht, um welche Produkte es geht, woher sie kommen und welche Maßnahmen im betroffenen Land ergriffen worden sind.

RASFF gibt es seit 1979. Nicht nur die EU-Staaten tauschen darüber Informationen aus. Auch Norwegen, Island, Liechtenstein und die Schweiz machen mit. Darüber hinaus können Drittstaaten über eine Online-Plattform die Meldungen abrufen. 2009 gab es rund 8000 RASFF Meldungen, so viele wie nie zuvor. Bei 557 davon handelte es sich um ernstzunehmende Warnungen über Gefahrenprodukte, die schon auf dem Markt waren.

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