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26.05.2011

15:16 Uhr

EHEC-Infektion

Deutschland-Urlauber verteilen Darmkeime in Europa

Das EHEC-Bakterium gelangte mit spanischen Salatgurken nach Deutschland. Weitere Quellen werden gesucht. Die Zahl der Infizierten in Deutschland steigt weiter. Die spezielle EHEC-Variante stellt Mediziner vor Rätsel.

EHEC-Keim auf Gurken aus Spanien gefunden

Video: EHEC-Keim auf Gurken aus Spanien gefunden

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Hamburg/Madrid/Münster/BerlinEine Quelle der tödlichen EHEC-Infektionen ist gefunden: An drei Salatgurken aus Spanien hat das Hamburger Hygiene-Institut eindeutig den gefährlichen Durchfall-Erreger EHEC identifiziert. "Es ist nicht auszuschließen, dass auch andere Lebensmittel als Infektionsquelle infrage kommen", teilte Hamburgs Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks (SPD) mit. Weitere Analysen liefen, Informationen zur Herkunft würden zusammengestellt. Inzwischen ist ein dritter Todesfall in Deutschland bestätigt.

"Wir ziehen alles aus dem Verkehr, was wir diesen Quellen zuordnen können", ergänzte die Senatorin. Auch eine Bio-Gurke sei betroffen. Die Gesundheitsbehörde gehe allen denkbaren Vertriebswegen nach. Die Proben stammten vom Hamburger Großmarkt. Eine weitere Gurke mit EHEC-Keimen könne derzeit nicht sicher zugeordnet werden. Prüfer-Storcks riet vom Verzehr von Salatgurken ab.

Das Agrarministerium in Madrid wollte sich zunächst nicht zu dem Fund äußern. Die Informationen aus Deutschland würden geprüft, sagte ein Sprecher auf Anfrage der Nachrichtenagentur dpa

Derweil breitet sich der Darmkeim in Europa aus. Fälle sind aus Großbritannien, Dänemark, den Niederlanden und Schweden bekannt - es sind jeweils Reisende aus Deutschland.

In Dänemark brachten Proben den ersten Nachweis einer Erkrankung in dem skandinavischen Land, teilte das Uni-Krankenhaus Aarhus mit. Der Patient sei außer Lebensgefahr, berichtete die Nachrichtenagentur Ritzau. Die Gesundheitsbehörden in Kopenhagen teilten mit, dass bei mindestens sechs weiteren Krankenhauspatienten EHEC-Verdacht bestehe.

Drei Deutsche starben bislang nachweislich an den Folgen der Infektion: eine 83-Jährige in Niedersachsen, eine 89-Jährige in Schleswig-Holstein und eine 24-Jährige in Bremen.

Uni Münster arbeitet an Schnelltest

Wissenschaftler der Universität Münster ist es gelungen, den grassierenden Darmkeim EHEC zu identifizieren. Es handele sich bei "O104H4" um eine seltene und veränderte Variante des Erregers, die gegen viele Medikamente resistent sei, berichtete der Mikrobiologe Prof. Helge Karch. Er leitet das Konsiliarlabor für das hämolytisch-urämische Syndrom (HUS). Dieses ist die schlimmste Form einer EHEC-Infektion, die unter anderem zu Nierenversagen führen kann.

Nach der Identifizierung des tödlichen EHEC-Typs entwickeln die Forscher der Universität einen Schnelltest zum Nachweis der neuen Variante. Der Test solle schon in wenigen Tagen zur Verfügung stehen, teilte Karch mit.

Der derzeitige Ausbruch ist nach Einschätzung des Experten sehr ungewöhnlich. Der Keim sei zwar bekannt gewesen, habe weltweit aber noch nie einen Ausbruch der Durchfall-Krankheit verursacht, sagte Karch. In wenigen Tagen soll ein Test für diese Bakterien-Variante zur Verfügung stehen, kündigte er an.

Fragen und Antworten zu Ehec

Was ist Ehec eigentlich?

Ehec bezeichnet einen Darmkeim, der normalerweise bei Tieren vorkommt. Er ist eine Sonderform der wichtigen Kolibakterien, die im Darm Nährstoffe spalten und für die Abwehr von Krankheitserregern
sorgen. Das Enterohämorrhagische Escherichia Coli-Bakterium (Ehec) setzt jedoch beim Menschen gefährliche Giftstoffe frei, die lebensbedrohliche Krankheiten auslösen können.

Welche Symptome bringt eine Ehec-Erkrankung mit sich?

Der Erreger kann sich zunächst durch blutigen und wässrigen Durchfall, Erbrechen, Übelkeit und Bauchschmerzen bemerkbar machen. Zudem sind bei schweren Verläufen auch Blutarmut, Gefäß- und
Nierenschäden möglich. Auch wenn die Krankheit überstanden ist, können Gesundheitsschäden wie etwa Nierenleiden zurückbleiben.

Wie wird die Krankheit übertragen?

Da sich der Erreger vor allem im Kot von Nutztieren findet, ist direkter Kontakt mit den Tieren ein Übertragungsweg. Aber auch verunreinigte Lebensmittel, die Kot-Partikel enthalten, können Ursache sein. Wird gedüngtes Obst und Gemüse ungewaschen gegessen, kann das die Krankheit auslösen. Auch eine Übertragung von Mensch zu Mensch ist über Schmierinfektionen möglich.

Was ist bei den aktuellen Fällen die Infektionsquelle?

Seit dem 10. Juni geht das Robert-Koch-Institut (RKI) mit großer Wahrscheinlichkeit davon aus, dass Sprossen die Ursache für den aktuellen Ausbruch sind. Die Warnung vor dem Verzehr roher Gurken, Tomaten und Blattsalaten wurde aufgehoben. Sprossen gelten als generell anfällig für Keime.  Bohnen-Sprossen seien definitiv als Ursache für die Ehec-Erkrankungen festgestellt worden, so das RKI.

Wie kann ich mich vor Ehec-Erkrankungen schützen?

Gegen den Ehec-Keim gibt es keine Impfung, der beste Schutz ist Hygiene. Dazu gehört regelmäßiges Händewaschen. Verbraucher könnten dem Robert Koch Institut zufolge das Risiko einer Ehec-Infektion weiter minimieren, indem sie alle Lebensmittel vor dem Verzehr mindestens zehn Minuten lang auf 70 Grad erhitzen. Vor dem Verzehr von Sprossen wird gewarnt.

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) rät zudem, Rohmilch vor dem Verzehr abzukochen und pasteurisierte und ultrahocherhitzte Milch als sicher anzusehen. Die Behörde mahnt besondere Hygiene im Umgang mit Fleisch an: Die Hände sollen vor der Zubereitung von Speisen und nach Kontakt mit rohem Fleisch gründlich mit Wasser und Seife gewaschen und abgetrocknet werden. Rohes Fleisch soll getrennt von anderen Lebensmitteln gelagert und zubereitet werden, beim Grillen etwa empfiehlt das BfR verschiedene Bretter, Teller und Zangen zu verwenden. Auch diese Gegenstände sollen sofort nach dem Gebrauch gründlich gereinigt und abgetrocknet werden. Zudem rät das Institut Lappen und Handtücher nach der Zubereitung von rohem Fleisch möglichst auswechseln und bei mindestens 60 °C waschen. Wer sich entscheidet, rohes Gemüse oder Obst zu verzehren, soll es schälen oder zumindest gründlich waschen, so die Behörde.

In der Berichterstattung ist auch von HUS die Rede. Was ist das?

HUS steht für hämolytisch-urämisches Syndrom, einen besonders schweren Verlauf der EHEC-Erkrankungen. Dabei kann es zu Nierenversagen und Blutarmut kommen. Das kann lebensbedrohlich sein.

Was muss ich tun, wenn ich betroffen bin?

Zunächst sollten Betroffene einen Arzt aufsuchen. Außerdem sollen Ehec-Erkrankte viel trinken, um den Flüssigkeits- und Salzverlust auszugleichen. Hygiene ist ein Muss, um weitere Ansteckungen zu vermeiden. Mit dem Bakterium infizierte Patienten sollten auf keinen Fall Antibiotika nehmen. Diese könnten die Situation noch verschlimmern, erklärte ein Arzt des Berliner Krankenhauses Charité. Wenn die Bakterien durch das Antibiotikum in großem Umfang zerfallen, werden vermehrt Gifte aus den Bakterien freigesetzt. Der aktuell grassierende Erreger ist gegen Antibiotika allerdings ohnehin resistent.

Wie tauschen die Länder Informationen aus?

Wenn riskante Lebensmittel in Europa im Umlauf sind, tauschen die EU-Länder über ein Schnellwarnsystem wichtige Informationen aus. Das gilt auch jetzt - bei den gefährlichen Ehec-Keimen. Über das europäische Schnellwarnsystem für Nahrungs- und Futtermittel RASFF hat Deutschland die übrigen 26 EU-Länder vor den möglichen Ursachen der Infektionen offiziell gewarnt.

Bestehen unmittelbare Risiken für die menschliche Gesundheit, können nationale Behörden RASFF-Warnungen europaweit zum Anlass nehmen, um die Öffentlichkeit zu informieren, Rückrufaktionen zu starten oder Importe an den Grenzen abzufangen. Betroffene Produkte werden meist vom Markt genommen. In Deutschland laufen die Hinweise beim Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) ein. Darin steht, um welche Produkte es geht, woher sie kommen und welche Maßnahmen im betroffenen Land ergriffen worden sind.

RASFF gibt es seit 1979. Nicht nur die EU-Staaten tauschen darüber Informationen aus. Auch Norwegen, Island, Liechtenstein und die Schweiz machen mit. Darüber hinaus können Drittstaaten über eine Online-Plattform die Meldungen abrufen. 2009 gab es rund 8000 RASFF Meldungen, so viele wie nie zuvor. Bei 557 davon handelte es sich um ernstzunehmende Warnungen über Gefahrenprodukte, die schon auf dem Markt waren.

Kommentare (6)

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karlosdallos

26.05.2011, 12:43 Uhr

Herzlichen Dank an Henkel, Bayer, Monsanto und Co.

Leider liegt ein Irrtum vor:

Menschen sollen durch die Medikamente immum gemacht werden,
nicht die Bakterien.

Aber, daher auch mein herzlichen Dank auch an die Verbraucherministerien der BRD,

Freiheit ist doch was Schönes,

wenn die Kinder und die Omas im Krankenhaus abkratzen.

Verehrte Frasu Merkel:

Ich wünsche mir, dass Ihnen diese Freiheit auch zu Teil wird.

DonSarkasmo

26.05.2011, 13:49 Uhr

Was für ein blödes Gewäsch bisher !!!!

Alex

26.05.2011, 14:56 Uhr

Auch bei Gen-Food scheint es ein Problem zu geben:

„There is also evidence suggesting that this pesticide-producing corn, soybean and canola continues to produce pesticide once it's inside you (or a feedlot animal), colonizing your gut bacteria and genetically altering it to also produce pesticide within your own cells.

In essence, you become a pesticide producing organism. And do I even need to tell you this pesticide is harmful to your health?”

http://articles.mercola.com/sites/articles/archive/2011/05/05/the-dirty-secret-gmo-companies-dont-want-you-to-know.aspx


Schuld sind aber auch die Verbraucher und Einkäufer die spanisches Billig-Gemüse kaufen anstatt Obst und Gemüse aus der Region.

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