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03.06.2011

08:06 Uhr

Ehec-Infektionen

Aggressives Darmbakterium entstand bei "primitivem Sex"

Ärzte haben das Erbgut des Ehec-Bakteriums entziffert. Doch ein wirksames Gegenmittel gegen die Darmkrankheit lässt weiter auf sich warten. Mittlerweile sind bereits 17 Menschen durch den Erreger ums Leben gekommen.

Mikrobiologische Untersuchung in der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf: Wichtiger Schritt nach vorn. Quelle: Reuters

Mikrobiologische Untersuchung in der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf: Wichtiger Schritt nach vorn.

Hamburg/Berlin/MünsterAuf der Suche nach Therapie und Schutz gegen das gefährliche Darmbakterium Ehec erwarten Forscher in der kommenden Woche konkrete Ergebnisse. „Wir erhoffen uns im Laufe der nächsten Woche Hinweise zur Verhinderung weiterer Infektionen“ sagte Professor Dag Harmsen vom Universitätsklinikum Münster in hr-Info.

Zunächst müsse geklärt werden, was den Ehec-Keim so aggressiv mache. Dazu liefen derzeit verschiedene Untersuchungen. „Wir rechnen damit, dass wir bald genügend Daten haben, um Hinweise auf die Ursache der Aggressivität dieses Klons geben zu können“, sagte Harmsen.

Mit den bisherigen Erkenntnissen könne Patienten noch nicht geholfen werden. Woher der Ehec-Erreger genau komme, sei noch nicht geklärt. Die genauere Kenntnis des mutierten Bakteriums und Vergleichsuntersuchungen an anderen Keimen werden aber Hinweise auf den Ursprung zulassen.

Auf dem Weg zu einer Therapie gegen das gefährliche Darmbakterium Ehec hatten Ärzte gestern einen wichtigen Schritt nach vorn gemacht. Sie kennen nun das Erbgut ihres Gegners und fahnden unter Hochdruck nach einem Angriffspunkt. Der Erreger grassiert in Deutschland weiter. Inzwischen zählen die Behörden 17 Todesfälle.

Experten am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) haben mit Hilfe chinesischer Kollegen das Genom des grassierenden Erregers gelesen. Bakteriologe Holger Rohde sagte am Donnerstag der Nachrichtenagentur dpa: „Es handelt sich um eine so noch nie gesehene Kombination von Genen.“

Keine Entwarnung bei Ehec

Video: Keine Entwarnung bei Ehec

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Es sei also kein völlig neuer Erregertyp, sondern eine Art Hybrid-Klon, der Eigenschaften unterschiedlicher Erreger in sich vereine, betonte der Mikrobiologe Prof. Helge Karch von der Uniklinik Münster. Er leitet das sogenannte Konsiliarlabor für das hämolytisch-urämische Syndrom (HUS), also der besonders schweren Verlaufsform der Krankheit. Für die Münsteraner Forscher hatte das Unternehmen Life Technologies in Darmstadt das Genom des Erregers gelesen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO in Genf betonte, dieser Hybrid-Klon sei vor dem jetzigen Ausbruch noch nie beobachtet worden.

Für die Entstehung des Hybrid-Klons haben allem Anschein nach zwei Bakterien Teile ihrer Erbsubstanz miteinander ausgetauscht - über eine Art primitiven Sex. Damit gehen Eigenschaften eines Keimes auf andere über, es kommt zu Mischformen, auch Chimären genannt. In der Summe entstand hier ein Escherichia coli (E. coli)-Bakterium, welches das HUS auslösen kann, erläuterte Rohde weiter.

Etwa 80 Prozent - Rohde spricht vom „Mutterschiff“ - stammten vom E. coli-Stamm O104. Die übrigen 20 Prozent wurden von einem anderen Bakterium übernommenen. In diesem Teil des Genoms sind Erbanlagen zur Produktion des gefährlichen Shigella-Toxins, das den Patienten Probleme bereitet.

Eine 81 Jahre alte Frau starb in der Nacht zum Donnerstag im UKE an den Folgen der Infektion, sagte Nierenspezialist Prof. Rolf Stahl. Im besonders betroffenen Hamburg ist es der dritte Todesfall.

Kommentare (17)

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Moika

02.06.2011, 13:25 Uhr

Ich kenne die norddeutsche Region mit ihrer Unzahl an Viehmastbetrieben recht gut und weiß, daß ein Groteil der anfallenden Gülle immer noch auf den Feldern ausgebracht wird. Hinzu kommt, daß dem Futter, insbesondere dem der Geflügelfarmen, eine große Menge an Antibiotika beigemischt wird.

Wenn dann noch, wie in diesem Frühjahr, ein Defizit an Niederschlägen besteht, die die Gülle normalerweise in die Böden einwäscht - und die Sonne bei erhöhter UV-Strahlung ungebremst die Gülle mit ihrer Vielzahl an Keimen "bearbeitet", bekommen wir ein selbsttätig arbeitendes Freilandlabor riesigen Ausmaßes. Alleine die Beimengungen der Antibiotika im Futter würde die Baktierien "zwingen", sich gegen diesen Feind zu wehren und zu mutieren.

Ich fürchte, hier kommen mehrere Faktoren zusammen, die diesen gefährlichen EHEC geformt haben. Ich sehe den Ursprung deshalb auch nicht im Ausland, sonder eher hausgemacht.

Das Antibiotika-Problem mit all seinen möglichen, für uns gefährlichen Auswirkungen, ist übrigens seit Jahrzehnten bekannt. Unternommen wurde bis heute nichts. Es wäre angebrachter, einmal gegen diese, uns ebenfalls alle bedrohende Unsitte, auf die Straße zu gehen.

Notabene

02.06.2011, 15:49 Uhr

Sehr interessante und plausible Hypothese, die man schleunigst unter die Lupe nehmen sollte. Danke für den guten Beitrag.

Account gelöscht!

02.06.2011, 16:47 Uhr

Kann man denn einen Anschlag ausschließen? Wäre es möglich den Erreger in einem medizinisch-biologischen Forschungszentrum (absichtlich) zu erzeugen?

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