Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

15.05.2013

09:14 Uhr

Europäischer Erfinderpreis 2013

Zu schade für die Weinflasche

VonJulia Groß

70 Prozent aller Weinflaschen weltweit werden mit Kork verschlossen. Doch das Naturmaterial kann noch viel mehr, wie die Erfindung der portugiesischen Forscher Helena Pereira und António Velez Marques beweist.

Gemeinsam mit zwei Kollegen haben Helena Pereira und António Velez Marques ein Verfahren entwickelt, das den Naturrohstoff Kork vielseitiger verfügbar macht.

Gemeinsam mit zwei Kollegen haben Helena Pereira und António Velez Marques ein Verfahren entwickelt, das den Naturrohstoff Kork vielseitiger verfügbar macht.

BerlinEs gibt kaum einen natürlichen Rohstoff, den Menschen so sehr mit Genuss und Kultur assoziieren wie Kork. Die Textur, der Geruch und natürlich das charakteristische Plopp-Geräusch, wenn der Stopfen aus der Flasche gezogen wird – nicht nur aufgrund der Materialeigenschaften, sondern auch wegen der damit verbundenen Sinneseindrücke wollen Winzer nur selten auf den Korken verzichten. Etwa 70 Prozent aller Weinflaschen weltweit werden auf diese Weise verschlossen.

Dabei ist Kork fast zu schade, um Bordeaux oder Chardonnay in ihren Gefäßen zu halten. Der Naturrohstoff ist vielseitig einsetzbar, er lässt sich zu bequemen Schuhsohlen, Allergiker-freundlichem Bodenbelag und Möbeln verarbeiten. Als hervorragendes Isolationsmaterial wird er nicht nur im Haus- und Anlagenbau häufig eingesetzt, er ist auch wichtiger Bestandteil der Hitzeschilder von Space Shuttles und Ariane-Raketen. Kork schwimmt, ist elastisch und relativ unempfindlich gegenüber Wasser und Feuer.

„Wir fangen gerade erst an, diese Materialeigenschaften für ganz neue Anwendungen zu nutzen“, sagt Helena Pereira. Als Professorin für Agronomie an der Technischen Universität von Lissabon beschäftigt sie sich seit rund 30 Jahren mit dem Naturmaterial. Eine Beschäftigung, die ihr jetzt gemeinsam mit drei Kollegen die Nominierung für den Europäischen Erfinderpreis 2013 eingebracht hat.

Bei der Umsetzung von innovativen Ideen stößt die korkverarbeitende Industrie regelmäßig an ihre Grenzen. Denn das Angebot des Naturprodukts ist begrenzt. Das Material entstammt der Rinde von Korkeichen, wo die Zellen zum Schutz des Stammes die Polymer-Moleküle Suberin und Lignin in ihre Zellwände einlagern. Bis die Rinde einer Korkeiche das erste Mal geerntet werden kann, vergehen 25 Jahre. Um die begehrte Hülle nach dem Abschälen nachwachsen zu lassen, benötigt ein Baum wieder etwa neun Jahre.

Der Rohstoff Kork ist also nicht unendlich verfügbar, die Produktion kann nur mit jahrzehntelangem Vorlauf gesteigert werden. Für die Überwindung dieses Problems haben Helena Pereira und ihre Kollaborationspartner António Velez Marques vom Polytechnischen Institut Lissabon, Rui Gonçalves dos Reis vom Europäischen EXPERTISSUES-Institut und Susana Pinto Silva vom Konzern Corticeira Amorim eine elegante Lösung gefunden: Das Volumen von Korkgranulat lässt sich durch eine wenige Minuten dauernde Bestrahlung in der Mikrowelle um 40 bis 85 Prozent vergrößern, nachdem es mit heißem Wasser oder Wasserdampf vorbehandelt wurde.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×